Inger-Maria Mahlke - Wie ihr wollt - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
Aviva-Berlin .
.
P
R
.
.

Happy End AVIVA_gegen_AFD
Aviva-Berlin > Literatur
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   Jüdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   Jüdisches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 
  Hier suchen, oder zur Sucheseite!


AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook
 


AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2017




Happy Birthday AVIVA




Gleichstellung weiter denken. Ein Leitbild für das Land Berlin

Gleichstellung weiter denken
Mehr Infos unter:
www.gleichstellung-weiter-
denken.de



<< Kleine Suche
Nutzen Sie gern unsere Suche in größerer Schrift!

TIPP: über den Zurück-Button Ihres Browsers kommen Sie erneut zur Suche.




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 20.04.2015

Inger-Maria Mahlke - Wie ihr wollt
Teresa Lunz

Auge um Auge, Zahn um Zahn – nach diesem Prinzip funktioniert der elisabethanische Hof. Mary Grey, Urenkelin Heinrichs VII., hat ihr ganzes Leben als Bestandteil dieses komplizierten Machtgefüges...



...zugebracht und droht, in ihm unterzugehen. Ihre einzige Waffe: Beißende Ironie, mit der sie eine eigene Chronik beginnt...

Lady Mary Grey sieht sich vollkommen isoliert: Eine Schwester, Thronanwärterin Jane Grey, ist ebenso wie Vater Henry wegen Hochverrats enthauptet worden, eine weitere Schwester, Katherine, hat sich in der Haft zu Tode gehungert. Sie selbst hält die "nicht ganz so liebe Cousine" Elizabeth in Bishopsgate unter Hausarrest. Wie sich zur Wehr setzen, wenn man von der Welt vergessen ist, nicht mal Vertraute besitzt? In diesem Herbst 1571 beginnt Mary, ihre eigene Chronik zu schreiben, darüber, wie sie – jüngster Spross ihrer ehrgeizigen Familie, noch dazu zwergwüchsig – die häufigen Thronwechsel und ständigen familiären Intrigen seit dem Tod ihres "gewichtigen Onkels" Heinrich VIII. erlebte.

In ihren Aufzeichnungen kommentiert sie boshaft-ironisch. Ihrem Umfeld in Bishopsgate gegenüber treibt sie ihr Verhalten bis zur kindischen Widerspenstigkeit, in der sie ihre einzige Chance sieht, nicht zur reinen Mitläuferin im höfischen Getriebe zu werden. Wenn sie schon keine Bedeutung, kein Vermögen erlangen kann, will sie wenigstens so lange wie möglich unbequem sein!

Marys bewegte, immer durch Lieblosigkeit und die Außenseiterinnenrolle gekennzeichnete Vergangenheit enthüllt sich durch die nicht immer chronologisch geordnete Einzelepisoden, die sie zu Papier bringt: Da war ihre Großmutter, die die Mutter der jetzigen Königin einst als "la putaine" diffamierte und dadurch das Geschlecht der Greys in Ungnade brachte. Intrigen ihrer machtversessenen Schwestern, die schließlich auch Mary mit Kerker zu bezahlen hatte. Die Ehe mit Thomas Keyes, welche rasch in getrennte Haushalte mündete. Wechselnde Landsitze, auf denen ihr missgestimmte unfreiwillige Gastgeber_innen im Sinne der königlichen Cousine Unterkunft zu gewähren hatten, Spitzeldienste inbegriffen. Marys Leben ist ein Netz aus Unsicherheiten, denen sie Zynismus entgegensetzt. Und Durchhaltevermögen, auch ohne sich Erwartungen an die Zukunft erlauben zu dürfen. Selbst die eigene Familie empfand wegen ihrer körperlichen Behinderung stets Ekel vor Mary, für den Hof war sie als entfernte Thronanwärterin nur ein lästiges Risiko.

Die Protagonistin begegnet ihren Erinnerungen mit Galgenhumor. Sie zählt die "Kopflosen" in ihrer Familie und fachsimpelt, ob wohl hohe Gefahr bestände, dass die Axt auf dem Schafott die Arme des oder der Verurteilten treffe. Sie erinnert sich an die verstorbene "liebe Cousine", Bloody Mary, Jugendfreundin ihrer Mutter: "Die ersten Herrschaftsjahre ihres Bruders Edward hat die liebe Cousine gekämpft. Mit Menstruationsbeschwerden und gegen den Protektor." Und schrittweise breitet sich das traurige Kabinett der verblichenen englischen König_innen vor der Leser_innenschaft aus: Der "gewichtige Onkel", der sechs Ehefrauen nahm und zweien davon den Kopf abschlagen ließ, geplagt von Geschwüren und ewiger Fresslust. Der "blasse Cousin" Edward, der alles tat, was sein Protektor vorschrieb und an Dauerschnupfen litt, wobei ihn Platon mehr interessierte als sein Reich. Die "liebe Cousine" Maria, früh verhärmt, die katholisch statt politisch dachte. Schließlich die "nicht ganz so liebe Cousine" Elizabeth, Höhepunkt der Selbstherrlichkeit und Mitleidlosigkeit – und das war nun die Elite der Elite, Spitze des Staates! Genüsslich enttarnt Mary den Hof als kulturarm und blutrünstig: Um durch Folter Geständnisse zu erzwingen oder Gelage zu feiern, ist es unnötig, die Kunst des Lesens oder Latein zu beherrschen. Und dennoch wollen alle Teil der höfischen Gesellschaft sein. Alle träumten sie davon, einmal allgemein beachtet, von allen gesehen zu werden. Marys Erfahrung damit: "Hat ein wenig geklappt – auf dem Weg in den Tower. Erwies sich als nicht erstrebenswert." Ironisch geht sie auch mit den Gepflogenheiten des 16. Jahrhunderts um, etwa mit der gleichgültigen Gemütslage der Frau nach der Entbindung von einer dritten Tochter: "Bringt es weg, sagte die Gräfin… Sie griff bereits nach dem kandierten Ingwer, als die Amme ihr die Schenkel abwischte."

Der Roman spart sich strukturierte Einführungen in die komplizierten Familienverhältnisse um Elizabeth I. Daraus ergibt sich zunächst eine Anhäufung von Namen und Einzelereignissen, die nicht vorgebildete Leser_innen nur schwer zuordnen können. Durch die "Anti-Haltung" der Protagonistin fällt die Erzählung abschnittweise etwas leidenschaftslos aus, Identifikationsmöglichkeiten fehlen. Mary Grey selbst sperrt sich bewusst gegen jede Form von Mitgefühl, doch sie schafft es dennoch, dem/der Leser_in ebendas vor Augen zu halten, was wohl heute wie im 16. Jahrhundert am meisten gefürchtet wird: Den Zustand des Ausgeliefertseins, wenn alles von der besitzenden Klasse abhängt. Mangelnde Privatsphäre. Chancenlosigkeit, das eigene Schicksal selbst zu gestalten.

"Wie ihr wollt" ist keine Romanbiographie, sondern ein Stimmungsbericht aus dem Herbst des Jahres 1571. Eher als um das singuläre historische Ereignis geht es Inger-Maria Mahlke um das gesellschaftliche Phänomen, das überall dort anzutreffen ist, wo Unterdrückung und einseitige Verteilung der Macht- und Besitzverhältnisse herrschen. Der Autorin ist keine Gestalt, kein Element der Historie heilig. Mit offensichtlichem Vergnügen verzieht sie sie bis ins Groteske.

Zur Autorin: Inger-Maria Mahlke wurde 1977 in Hamburg geboren und wuchs in Lübeck auf. Sie studierte Rechtswissenschaften an der FU Berlin und arbeitete am Lehrstuhl für Kriminologie. Für ihr Erstlingswerk "Silberfischchen" wurde sie mit dem 17. Open Mike 2009 und dem Debütpreis des Harbour Front-Literaturfestivals ausgezeichnet. 2012 erhielt sie anlässlich der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt den Ernst-Willner-Preis für einen Auszug aus ihrem zweiten Roman "Rechnung offen" (2013). Dieser wurde zum Publikumserfolg und 2014 mit dem Karl-Arnold-Preis der Akademie der Künste und Wissenschaften von NRW ausgezeichnet. Inger-Maria Mahlke lebt heute in Berlin. (Quelle: Verlagsinformation)

AVIVA-Tipp: Keinen packenden historischen Roman finden wir in Mahlkes drittem Werk, der uns für Stunden in ferne Welten entführt, sondern die, wie die Autorin selbst sich im Nachwort ausdrückt, "literarische Aneignung eines historischen Stoffes", der sich überraschend gut eignet, um das gierige, kompromisslose Raubtier im (heutigen) Menschen zu enthüllen, zu verzerren, zu verspotten. Ein Buch mit Anti-Heldin und ohne Held, das manchmal schaudern, manchmal schmunzeln lässt, und ins Gedächtnis ruft, dass keine Gesellschaftsstruktur vollkommen ist. Und dass das Niederschreiben der eigenen Sichtweise zumindest eine Form des passiven Widerstandes gegen herrschende Verhältnisse ist.

Inger-Maria Mahlke
Wie ihr wollt

Berlin Verlag, erschienen im März 2015
Gebunden mit Schutzumschlag, 272 Seiten
ISBN 978-3-8270-1213-5
19,99 Euro
www.berlinverlag.de


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Inger-Maria Mahlke – Silberfischchen

Linda Rodriguez McRobbie - Gute Prinzessinnen kommen ins Märchen, böse schreiben Geschichte. Von Olga, der Wilden, über Kaiserin Sisi bis zu Gloria von Thurn und Taxis

Die Schwester der Königin – Romanverfilmung nach Philippa Gregory

Sibylle Berg - Und ich dachte, es sei Liebe. Abschiedsbriefe berühmter Frauengestalten

Ich, Prinzessin Elisabeth von England

Kate Beaton - Obacht! Lumpenpack. Ein etwas anderer Ausflug in die (Kultur-)Geschichte



Literatur Beitrag vom 20.04.2015 Teresa Lunz 

   




   © AVIVA-Berlin 2017  
zum Seitenanfang suche sitemap impressum home Seite weiterempfehlenSeite drucken