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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 20.04.2015

Lydia Tschukowskaja - Untertauchen
Dorothee Robrecht

Ein großartiger Roman über das stalinistische Russland: Die Handlung spielt 1947, Schauplatz ist ein Sanatorium für Schriftsteller_innen nahe Moskau. Großartig ist dieser Roman, weil er ohne jedes..



...Pathos von Menschen erzählt, die zutiefst traumatisiert sind, und das gleich mehrfach, durch Hitler und durch Stalin.

Kriegsgräber sprenkeln den Birkenwald, der das Sanatorium umgibt, in dem die Übersetzerin Nina Sergejewna den Februar 1947 verbringt: Hier, im Norden Moskaus, kämpften Russen gegen die Wehrmacht. Vor knapp zwei Jahren erst fand der 2. Weltkrieg ein Ende, und wenn Nina Sergejewna spazieren geht im Wald, trifft sie auf Kinder, die verwahrlost herumstreunen. Der Krieg hat ihre Eltern in Zombies verwandelt, in lebende Tote, die nichts mehr anzufangen wissen mit sich und der Welt.

Inmitten all des Elends wirkt das Sanatorium wie eine Insel der Seligen. Eingerichtet hat es das Politbüro Stalins für Intellektuelle, auf dass sie hier arbeiten, ganz in Ruhe und ungestört. "Teppiche im Salon, ein glänzender Flügel, glänzendes Parkett", für alles ist gesorgt: "Endlich", so Nina Sergejewna, "werde ich allein in einem Zimmer wohnen." Zu Hause in Moskau teilt sie sich das Zimmer mit ihrer Tochter - einen Mann und Vater gibt es nicht mehr: Aljoscha ist 1937 verschwunden, verhaftet auf Geheiß von Stalin, wie viele andere auch, und gehört hat sie seither nie wieder von ihm.

10 Jahre Lagerhaft mit Briefverbot, so hatte das Urteil gelautet, und auch wenn Nina nicht weiß, dass das nur die Worte sind, mit denen das Politbüro Hinrichtungen umschreibt, ahnt sie es doch: Nachts quälen sie Träume, in denen sie Aljoscha sieht, wie er gefoltert wird, ertränkt, erstickt, und wie er sie ansieht, um Hilfe flehend und vorwurfsvoll, weil sie nicht bei ihm ist. Und natürlich ist sie fasziniert, als sie im Sanatorium auf einen Schriftsteller trifft, dessen Schicksal dem ihres Mannes zu ähneln scheint:
Nikolaj Aleksandrowitsch Bilibin war in einem Lager, und er schreibt an einem Buch darüber. Sich Aufklärung über das Schicksal ihres Mannes erhoffend, verbringt Nina viel Zeit mit Bilibin, der charmant ist und von kluger Melancholie. Oft essen sie zusammen im Salon des Sanatoriums, und wenn der Roman die Tischgespräche wiedergibt, die sie hier hören, liest sich das wie ein Protokoll des Wahnsinns: Wie gehirngewaschen reproduzieren alle – alle bis auf Nina Sergejewna – eben jene Worthülsen, die aus dem Radio tönen: Lobreden auf die "väterliche" Klugheit Stalins, gepaart mit Hasstiraden, die seine Gegner diffamieren - als "ideologisch kränkelnd" und "künstlerisch minderwertig". Besonders im Visier: Juden, diese "Vaterlandsverräter" und "fanatischen Anhänger alles Ausländischen".

Niemand widerspricht, außer Nina Sergejewna. Als Heldin beschreibt der Roman sie deshalb nicht. Eher als eine Frau, die – warum auch immer – stark genug ist, um bei Sinnen zu bleiben. Ihr ist klar, dass dieser Antisemitismus eine "bewusste, gesteuerte, planmäßig geförderte Wahnvorstellung" ist. Und sie kann die, die ihr erliegen, nicht nur verachten, denn sie sieht, dass hier Opfer Opfer zerfleischen: Ljudmila Pawlowna zum Beispiel, die Hausdame, die nicht weiß, ob ihre Schwester deportiert wurde oder nicht – sie verliert den Verstand vor Angst und glaubt tatsächlich: "An allem sind diese Juden schuld!".

Nina Sergejewna verachtet nicht, aber sie urteilt: Als sie feststellt, dass ihr Freund Bilibin seine Lagerhaft in seinem Buch zu einer Art erzieherischer Erfahrung umschreibt – er, der ihr unter vier Augen so viel erzählt hatte von den perversen Schikanen dort -, geht sie auf Distanz zu ihm. Auch er hat kapituliert und will schönreden, was nicht schönzureden ist.

Ohne zu psychologisieren beschreibt dieser Roman eine kollektive PTBS, eine posttraumatische Belastungsstörung, die eine ganze Gesellschaft lähmt. Empathisch, aber absolut unsentimental legt er Zeugnis ab von einem Irrsinn, den auch seine Autorin Lydia Tschukowskaja erlebt hat: Nina Sergejewna ist ihr Alter Ego. Auch Tschukowskjas Mann wurde verhaftet, auch er war ein Opfer des Großen Terrors, jener Säuberungswelle, mit der Stalin die Sowjetunion 1937 überzog. Tschukowskaja schrieb "Untertauchen" schon 1949, noch zu Lebzeiten Stalins, und natürlich konnte das Buch in der Sowjetunion nicht erscheinen. Erst 1972 in New York gedruckt, hatte es zur Folge, dass Tschukowskaja ausgeschlossen wurde aus dem Schriftstellerverband der SU. Die Rede, mit der sie auf diesen Ausschluss reagierte, ist dem Roman angefügt – ebenso wie der Roman selbst ein beeindruckendes Zeugnis von Klarsicht und Mut.

AVIVA-Tipp: Sehr lesenswert nicht nur für die, die Russland und seine Traumata verstehen möchten: Tschukowskaja ist als Schriftstellerin eine echte Entdeckung, ihre Heldin ein Musterbeispiel von grace under pressure. Tschukowskaja war eine Freundin von Anna Achmatowa, und zu hoffen ist, dass auch ihr Roman "Sofia Petrowna", der sich anlehnt an Achmatowas Schicksal, wieder aufgelegt wird ("Sofia Petrowna" ist 1967 schon einmal unter dem Titel "Ein leeres Haus" auf Deutsch erschienen").

Zur Autorin: Lydia Tschukowskaja , geboren 1907 in St. Petersburg, musste mitansehen, wie ihr Mann und viele ihrer KollegInnen während des Stalin-Terrors verhaftet und umgebracht wurden. Ihre Erlebnisse verarbeitete sie literarisch unter anderem in "Untertauchen" (1947). 1974 wurde sie aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Erst 1988 konnten ihre Romane "Untertauchen" und "Sofia Petrowna" in Moskau bzw. St. Petersburg erscheinen. Lydia Tschukowskaja starb 1996 in Peredelkino. (Verlagsinformation)

Lydia Tschukowskaja
Untertauchen

Aus dem Russischen von Svetlana Geier und mit einem Nachwort von Hans Jürgen Balmes
Originaltitel: Spusk pod vodu
256 Seiten. Leinen. Leseband
Dörlemann Verlag, Zürich, erschienen am 28.1.2015
ISBN 978-3-03820-013-0
18,90 Euro
www.doerlemann.com


Weiterführende Links
Literaturclub des SRF (Video, 12:09 Minuten), u.a. mit Elke Heidenreich

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Nadeschda Mandelstam - Erinnerungen an Anna Achmatowa

Abende nicht von dieser Welt

Katja Petrowskaja - Vielleicht Esther

Irina Liebmann – Wäre es schön – Es wäre schön

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Literatur Beitrag vom 20.04.2015 AVIVA-Redaktion 

   




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