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AVIVA-BERLIN.de im November 2017 - Beitrag vom 08.05.2015

Jayrôme C. Robinet - Das Licht ist weder gerecht noch ungerecht
Claire Horst

Es gibt wenige Autor*innen, auf die die Bezeichnung "Dichter*in" sich wirklich mit Berechtigung anwenden lässt. Jayrôme C. Robinet bezeichnet sich selbst als Spoken Word-Künstler. Tatsächlich ist...



... er aber mehr: nämlich auch ein Dichter.

Unter "Spoken Word" können sich hierzulande die wenigsten etwas vorstellen. Anders als das besser bekannte Format "Slam Poetry" hat Spoken Word keinen Wettbewerbscharakter. Und damit passt es besser zu Jayrôome Robinet. Denn ihm geht es weniger um den Wettbewerb als darum, seinen Punkt präzise und zugleich in poetischen Worten zu treffen.

Als erste Veröffentlichung des von Profx Lann Hornscheidt und Steff Urgast neu gegründeten Verlags w_orten & meer ist nun Robinets erstes deutschsprachiges Buch erschienen. Erklärtermaßen versteht der Verlag sich als politisches Projekt, das heteronormative Strukturen durchbrechen und antidiskriminierende Politiken stärken will.

Mit dem Buch von Robinet ist dazu ein erster, wichtiger Schritt gegangen, denn im Mittelpunkt seiner – autobiografischen? – Texte steht häufig die Kritik an einengenden Sichtweisen. Im titelgebenden Theatermonolog beschreibt er den Übergang vom Leben als Frau zum Leben als Mann als einen Prozess, der noch ganz andere Zuschreibungen durch die Umgebung mit sich bringt: "Wie ich von einem weißen Topmodel zu einem Randalierer mit Migrationshintergrund wurde." Oft scheint wie hier ein leiser Humor auf, der die alltäglichen Erscheinungsformen von Rassismus und Sexismus erträglicher werden – und die Sprache als Mittel der Notwehr aufscheinen lässt.

Texte wie "Liebe Cis-Menschen" sind ein humorvolles und zugleich wütendes Plädoyer für eine Absage an eindimensionale Sichtweisen: "Liebe Cis-Leute,/mich zu fragen/`Bist du trans* oder schwul?`/macht so viel Sinn wie die Frage ´Reist du lieber mit dem Zug oder nach Barcelona?`"

Dem Buch ist eine CD mit der gesprochenen Variante der Texte beigelegt – und erst beim Hören entfaltet sich ihre ganze Kraft. Wenn Robinet flüstert, lächelt, stimmlich unterstreicht, überträgt sich nicht nur sein Glaube an die Macht der Worte, sondern auch die von ihm beschriebene Traurigkeit, Wut oder Liebe.

In seinen Gedichten und einer Kurzgeschichte findet er ungewöhnliche und treffende Bilder. Die Lyrikerin Nora Gomringer trifft es in ihrem Geleitwort sehr genau, wenn sie schreibt: "Gute Lyrik kann schützen vor schädlichen Welteinflüssen. Der Band von Jayrôme C. Robinet ist ein kleiner Schutzschild."

Eine entwürdigende Körperkontrolle an einem Grenzübergang lässt Robinet in der Kurzgeschichte "Einreise in Zeitlupe" zu einer absurden Theaterszene werden, der die kontrollierte Transperson zwar ausgeliefert ist, über die sie sich mit der Macht ihrer Gedanken und Worte aber dennoch erheben kann: "Ich bin eine Tulpe, die nicht weiß, was menschliche Stimmbänder sind. Wer wird mir helfen? Draußen ist Krieg. Ich schaue mich um. Der Raum ist schmutzig und verwaist. Ein Krieg plus ein Krieg plus ein Krieg. Ich bin luftlos. Ich will meine Freundin sehen. Ich will nicht untersucht werden. Ich will nicht, dass meine Freundin wegen mir mehr Probleme bekommt. Ich schließe mein inneres Auge. "

Robinets Texte sind kleine Lobreden auf die Sprache, auf die Freude am Sprachgebrauch: "Ich will schwingende Welten und Geschmacksfragen stellen./Stracciapfelsine? Heidelbanane? Himmelbeere?/ Ich will das Wort zurück/Ich will das Wort zurück/Ich will das Wort zurück/lieben/können." – und zugleich sind sie flammende Aufrufe auf eine bessere Welt: "Ich habe ein Anrecht auf Wörter, die friedlich sind/und mich mit offenen Armen empfangen./.../Ich habe ein Anrecht auf semantische Felder, die Spielwiesen sind,/auf breite Tummelplätze, soweit die Zunge reicht./Ganz einfach:/Ich habe ein Anrecht auf menschliche Korrektheit."

AVIVA-Tipp: Robinets Texte machen Lust, genauer hinzuhören, auf doppelte Bedeutungen zu achten. Sie machen aufmerksam auf das, was in unseren Worten mitschwingt, und helfen, über Beschränktheit zu lachen.

Zum Autor: Jayrôme C. Robinet geb. 1977 in Frankreich, ist Schriftsteller, Spoken Word-Künstler und Übersetzer, Blogger, Journalist und Aktivist. M.A. Biografisches und kreatives Schreiben an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Gender fluid mit Variationshintergrund, weiß und Akademiker aus einer bildungsbürgertumsfernen Familie. 2012 war er Writer in Residence an der Villa Decius in Krakau mit einem Stipendium der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit. Er lebt und arbeitet in Berlin. (Verlagsinformationen)

Jayrôme C. Robinet im Netz: jayromeaufdeutsch.wordpress.com, Jayrome als Gastautor bei der Mädchenmannschaft

Jayrôme C. Robinet
Das Licht ist weder gerecht noch ungerecht. Ein Text- und Hörbuch. Mit einem Vorwort von Nora Gomringer

w_orten & meer Verlag, erschienen im März 2015
Buch inklusive CD, Softcover, 128 Seiten, Spielzeit ca. 70 Minuten
ISBN: 978-3-9456-44-00 -3
15,95 Euro
Verlag w_orten & meer

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Literatur Beitrag vom 08.05.2015 Claire Horst 

   




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