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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 21.06.2015

Ljudmila Ulitzkaja - Die Kehrseite des Himmels
Dorothee Robrecht

Die international erfolgreichste Autorin Russlands gibt Auskunft über ihr Leben, Denken und Schreiben – und über Politik und Kultur Russlands. 2010 hat die Autorin von "Daniel Stein" erfahren,...



.. dass sie Krebs hat. 67 war sie da, und ohne diese Krebsdiagnose hätte es das Buch "Die Kehrseite des Himmels" vielleicht nicht gegeben: Nach der Diagnose habe sie beschlossen, so Ulitzkaja in einem Interview, nach all ihren Romanen jetzt noch ein Buch zu schreiben, in dem sie all das sagen würde, was noch gesagt werden muss. Eine Art Testament also, und dem ist anzumerken, dass es schnell entstand.

Es besteht aus 40 kurzen Texten, die sehr variieren: Mal sind es kurze biographische Skizzen (zu ihren jüdischen Großvätern beispielsweise, "die zusammengerechnet 30 Jahre im Gulag verbrachten"), mal Artikel, in denen sie über Missstände aufklärt. Nicht alle dieser Artikel sind neu: Der etwa über russische Waisenheime erschien bereits im Jahr 2000, und von aktuellem Interesse ist er eigentlich nur, weil Ulitzkaja ein P.S. angefügt hat:
"Inzwischen sind fast 15 Jahre vergangen. Die Zahl der Erziehungskolonien hat sich halbiert, zurückgegangen ist auch die Zahl der Jugendlichen, die eine Haftstrafe verbüßen (von 22000 im Jahr 1999 auf 2200 im Jahr 2013)."

Hier spricht eine Schriftstellerin, die Bilanz zieht und sich dabei nicht nur ihrer selbst vergewissert, sondern auch all dessen, was sie getan hat für ihr Land. Eitel klingt sie nie, auch sendungsbewusst nicht. Und vermutlich ist das so, weil Ulitzkaja es nicht nötig hat: Sie ist nicht nur intellektueller, sondern auch moralischer Hochadel. Keiner ihrer Vorfahren – gebildete jüdische Unternehmer - hat mit Stalin paktiert. Auch sie selbst hat sich nie gebeugt, und das, obwohl es in Russland, wie sie an einer Stelle scheibt, "nur eine einzige Regel gibt, die strikt gilt: sich den Mächtigen zu beugen".

Ulitzkaja ist mutig, und das nicht nur, wenn es um Politisches geht: Auch ihre Krebserkrankung zwingt sie nicht in die Knie, ganz im Gegenteil. Das Krebstagebuch, das die letzten rund 50 Seiten von "Die Kehrseite des Himmels" ausmacht, ist geprägt von Wissbegier, von Neugier fast, wie es jetzt weitergeht.
Wenn Ulitzkaja die auch außerhalb Russlands bekannteste Schriftstellerin ist, dann sicher auch, weil ihre persönliche Integrität in ihren Romanen spürbar ist. Eine noch größere Rolle aber dürfte spielen, dass Ulitzkaja kein Blatt vor dem Mund nimmt, wenn es darum geht, russische Politik zu kritisieren:
"Die gegenwärtige Politik Russlands ist selbstmörderisch und gefährlich und in erster Linie eine Bedrohung für Russland selbst. Mein Land hat gegenwärtig der Kultur, der Freiheit der Persönlichkeit und der Idee der Menschenrechte den Krieg erklärt. Mein Land krankt an aggressiver Unbildung, Nationalismus und imperialer Großmannssucht. Ich schäme mich für die Staatsmänner an der Spitze, Möchtegern-Supermänner und Anhänger von Gewalt und Arglist, ich schäme mich für uns alle."

Unter dem Titel "Leb wohl, Europa!" ist dieser Text im Oktober 2014 im Spiegel erschienen. Ulitzkaja veröffentlicht ihn hier noch mal, ganz offensichtlich ist es ein Text, der ihr besonders wichtig ist.
Gerade deshalb aber, weil ihr Buch ihren kontinuierlichen Kampf für ein humaneres und auch liberaleres Russland dokumentiert, enttäuscht ein wenig, wie sie das Thema Homophobie eher ab- als behandelt. Es gibt einen ganz kurzen Text dazu in diesem Buch, drei Seiten nur, und in dem erzählt Ulitzkaja, dass sie eine Buchreihe für Kinder und Jugendliche herausgegeben habe, in der sie zu Toleranz auffordere: "Ohne meinen Unmut über eifernde Homophobe zu zeigen, versuchte ich klarzumachen, dass man Menschen mit anderen Ansichten und Einstellungen tolerieren müsse."

Ulitskaja, die Unmut ansonsten eher nicht verbirgt, hätte hier gern ein wenig mehr davon zeigen können, aber wie sagt sie selbst: "Ich bin eine russische Schriftstellerin jüdischer Herkunft und christlicher Prägung." Und einer Prägung durch gleich drei heteronormative Ordnungen ist offenbar viel schwerer zu widerstehen als "den Mächtigen".

AVIVA-Tipp: Ein sehr souveränes Buch, lesenswert für Ulitzkaja Fans und alle, die sich in der gegenwärtigen Diskussion zur Politik Russlands ein Bild davon machen möchten, wie Russ/innen selbst die Lage sehen.

Zur Autorin: Ljudmila Ulitzkaja , 1943 geboren, wuchs in Moskau auf und ist eine der wichtigsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen Russlands. Sie studierte Biologie und arbeitete ab 1967 als Genetikerin am Akademie-Institut in Moskau. Wegen der illegalen Abschrift und Verbreitung von Samisdát-Literatur wurde sie entlassen. Zwei Jahre verbrachte sie am "Jüdischen Kammermusiktheater", bevor sie sich als freischaffende Autorin und Publizistin etablieren konnte. 1983 wurde ihr erster Erzählungsband im Staatlichen Kinderbuchverlag veröffentlicht. 1992 wurde Ljudmila Ulitzkaja mit der Veröffentlichung von "Sonetschka" als Prosaautorin entdeckt, wofür sie 1996 den Prix Médicis erhielt. Im selben Jahr erschien auch ihre erste Erzählung in Deutschland. Ljudmila Ulitzkajas Bücher sind bereits in 17 Sprachen übersetzt worden. Sie lebt und arbeitet in Moskau.
Sie schreibt Drehbücher, Hörspiele, Theaterstücke und erzählende Prosa. Bei Hanser erschienen zuletzt Ergebenst, euer Schurik (Roman, 2005), Maschas Glück (Erzählungen, 2007), Daniel Stein (Roman, 2009) und Das grüne Zelt (Roman, 2012). 2009 erhielt sie für Daniel Stein den Alexandr-Men-Preis und wurde auf die Shortlist für den Man Booker International Prize 2009 gewählt, 2014 erhielt Ljudmila Ulitzkaja den Österreichischen Staatspreis für Literatur.

Zur Übersetzerin: Ganna-Maria Braungardt, 1956 in Crimmitschau geboren, studierte Slawistik im russischen Woronesh. Sie übersetzte u.a. Boris Akunin, Polina Daschkowa und Daniil Granin. (Verlagsinformationen)

Ljudmila Ulitzkaja
Die Kehrseite des Himmels

Übersetzt von Ganna-Maria Braungardt
Gebunden mit Schutzumschlag, 224 Seiten
Carl Hanser Verlag, erschienen 23. Februar 2015
ISBN 978-3446247284
19,90 Euro
www.hanser-literaturverlage.de

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Literatur Beitrag vom 21.06.2015 AVIVA-Redaktion 

   




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