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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 23.06.2015

Florine Stettheimer - herausgegeben von Karin Althaus, Matthias Mühling, Susanne Böller
Clarissa Lempp

Bis Januar 2015 zeigte das Lenbach-Haus München eine umfassende Retrospektive. Zeit, einen Blick auf die faszinierende Künstlerin zu werfen, die erst spät wiederentdeckt wurde.



Die "Stettheim-Sisters" Florine, Ettie und Carrie Stettheimer hielten die New Yorker Kunstszene vor allem in den 1920er und 30er Jahren auf Trab. Als "ewige Junggesellinnen" sprengten sie die Geschlechternormen und in ihrem Salon verkehrten avantgardistische Künstler_innen wie Marcel Duchamp oder Georgia O´Keeffe. Die kamen aber nicht nur um ihre eigenen Werke vorzustellen, sondern auch um Florines Arbeiten zu bewundern. Denn nach einer missglückten ersten Ausstellung 1916, bei der Florine Stettheimer kein einziges Bild verkaufte, wandte sie sich mit ihrer Kunst vom kommerziellen Ausstellungsbetrieb ab und konzentrierte sich auf ein exklusives Privatpublikum – und das feierte sie. Nach ihrem Tod organisierte auch kein anderer als Marcel Duchamp die erste Retrospektive im Museum of Modern Art mit Stettheimers farbenprächtigen Gemälden.

Florine Stettheimer wurde 1871 geboren. Mit ihren vier Geschwistern wuchs sie in einer gut situierten deutsch-jüdischen Familie auf, die zwischen Europa und New York pendelte. Florine studierte Kunst, lebte in Stuttgart und Berlin, in Italien und Paris und verlegte erst nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs ihren Lebensmittelpunkt nach New York zurück. Hier lebte sie mit ihren beiden Schwestern und Mutter Rosetta zusammen, die 1935 nach langjähriger Pflegezeit verstarb. Die kranke Mutter betreuten die Schwestern persönlich im Wechsel. Die enge Bindung zur Familie spiegelt sich auch immer wieder in Stettheimers Arbeit. Porträts ihrer Mutter und Schwestern, oder Schauplätze aus der eigenen Kindheit sind wiederkehrende Motive. Dabei webte sie kleine Szenen ineinander, wodurch die Gemälde fast wie Wimmelbilder wirken.

Diese Montagetechnik, die auch die zeitliche Ebene berücksichtigt, wurde, neben der mutigen Farbgestaltung, zu ihrem Markenzeichen. Traumartige Bilder und Mythologien fanden darin ebenso Ausdruck wie die Orte und Menschen, die sie umgaben. Bereits 1917 hielt sie so Duchamps Geburtstagsfeier fest. Wie eine Bühne präsentiert sich der gelbe Garten, in dem sich die Gäste verteilen - ihre Schwester Ettie findet sich u.a. darunter sowie der Kunstsammler Leo Stein. Im Hintergrund sitzt eben diese Partygesellschaft dann zum Abendessen zusammen, unter einem dunkelblauen Baldachin mit runden, gelben Laternen. Auf einem anderen Bild sieht man die Künstler_innen-Clique 1920 in Asbury Park South, in New Jersey, der Strandabschnitt, der in Zeiten der Bevölkerungs-Segregation für die afro-amerikanischen Besucher_innen geöffnet wurde. Hier inszeniert sie sich selbst am Rande unter einem Sonnenschirm, allein und den Blick in die Szenerie um sie herum gewandt. Auf einer Tribüne steht Autor und Fotograf Carl van Vechten, der als Förderer und Liebhaber der Harlem Renaissance galt. Die Strandbesucher_innen tummeln sich in dynamischen Posen um die weißen, fast steif wirkenden Figuren und bleiben doch Silhouetten. Rassistische Praxen, medienwirksame Schönheitswettbewerbe oder der Wahnsinn eines Frühlingsausverkaufs in New Yorker Kaufhäusern - durch ihre genaue und scharfsinnige Beobachtungsgabe wurde Florine Stettheimer auch zur sensiblen Chronistin ihrer Zeit.

Nach ihrem Tod 1944 verwaltete Ettie Stettheimer den künstlerischen Nachlass ihrer Schwester. Sie veröffentlichte ihre Gedichte und gab die Bilder für Ausstellungen frei. Florine Stettheimers Werk blieb ein faszinierendes, einzigartiges Kapitel in der Kunstgeschichte. Da sie sich - nicht zuletzt dank ihrer finanziell privilegierten Position - dem kommerziellen Druck des Kunstmarktes entzog, konnte sie sich künstlerisch frei erfinden. Ihre farbenprächtigen Blumen- und Blüten-Arrangements entfalten eine ganz eigene Ästhetik, in denen Andy Warhol zu Recht eine Vorausnahme der Pop-Art sah. Auch wenn Florine Stettheimer ihre Arbeiten nicht kommerziell verwertete, fand ihre Kreativität auch immer Wege in die Öffentlichkeit. Als Kostüm- und Bühnenbildnerin entwarf sie fantastische Ausstattungen unter anderem für die Oper "Four Saints in Three Acts" von Virgil Thomson, für die auch Gertrude Stein ein Libretto schrieb. Sie gestaltete außerdem Paravents und Möbel und integrierte und inszenierte ihre Bilder in den eigenen Wohnräumen. Dieses Leben im Gesamtkunstwerk faszinierte sie bereits in jungen Jahren. Kein Wunder also, dass der Besuch im heutigen Lenbach-Haus, die prunkvolle Wundervilla des Münchner Künstlerfürsten Franz von Lenbach, sie besonders beeindruckte. Dass nun ihre Bilder hier gezeigt wurden, ist eine schöne Geste, um eine ungewöhnliche Künstlerin in Erinnerung zu rufen.

AVIVA-Tipp: Im begleitenden Ausstellungskatalog, der im Hirmer Verlag erschien, finden sich die Exponate des Lenbach-Hauses und darüber hinaus Fotografien und Vergleichswerke ihrer Wegbegleiter_innen. Ein Porträt aus Duchamps Hand oder Fotografien der Bühnenbilder sowie private Fotos und Gedichte von Florine Stettheimer geben einen weiterführenden Blick in ihr Schaffen und Leben. Die begleitenden Texte greifen wichtige Perspektiven im Werk und biografische Ereignisse auf und entwerfen ein komplexes Bild einer vielgestaltigen Künstlerin.

Hg. Karin Althaus, Matthias Mühling, Susanne Böller
Florine Stettheimer

Hirmer Verlag, erschienen 2014
Mit Beiträgen von Karin Althaus, Matthias Mühling, Susanne Böller Emily D. Bilski, Susanne Böller, Katrin Dillkofer u.a.
192 Seiten, 134 Abbildungen, Farbdruck
24,5 × 28 cm, Halbleinen gebunden
ISBN: 978-3-7774-2299-2

Der Katalog wird auf der Verlagsseite als vergriffen gelistet, ist aber noch über den Onlinehandel erhältlich. Unter anderem im Webshop des Museum Lenbach-Haus.

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Ursula Voß - Die Puppen von New York. Der Salon der Familie Stettheimer. Romanbiografie über die Stettheim-Sisters, bei dem u.a. Carrie Stettheimers künstlerische Arbeit als Puppenhausmacherin im Fokus steht.

Andrea Barnet - Am Puls der Zeit. Frauen in New York

Georgia O´Keeffe. Leben und Werk. Herausgegeben von Barbara Buhler Lynes und Christiane Lange

Schwester Bruder. Gertrude und Leo Stein

Lydie Fischer Sarazin-Levassor - Meine Ehe mit Marcel Duchamp. Memoiren



Literatur Beitrag vom 23.06.2015 Clarissa Lempp 

   




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