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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 17.08.2015

Annemarie Weber - Roter Winter
Doris Hermanns

Das erstmals 1969 erschienene Werk der Berliner Schriftstellerin erz├Ąhlt die Geschichte von Lili Lewinsky aus ihrem vorherigen Roman "Westend" zur Zeit der beginnenden StudentInnenbewegung weiter.



West-Berlin in den 1960er Jahren. Lili Abelssen, wie die Protagonistin inzwischen hei├čt, ist jetzt um die f├╝nfzig, verheiratet, hat zwei S├Âhne, einen gutgekleideten Ehemann, ist Wohnungsmaklerin und bewegt sich in der Modebranche. Daneben hat sie eine Schw├Ąche f├╝r schlecht gekleidete radikale M├Ąnner, mit denen sie sich immer auf neue Liebschaften einl├Ąsst, ist es doch auch die Zeit der "freien Liebe". Aber ihr Gesetz lautet: "Verliere deinen Mann nicht!" Und schnell wird deutlich, alles andere ist nur Spiel, ihre Ehe darf nicht in Frage gestellt, nicht zerst├Ârt werden, denn "ihre Ehe, dieses gro├če Unternehmen, musste gesch├╝tzt, erhalten, gepflegt werden". Deutlich wird dies auch in der Struktur des urspr├╝nglich 1969 erschienenen Romans, damals noch mit dem passenden Untertitel "Zwischenspiele einer Ehe" der im Fr├╝hjahr 2015 im AvivA Verlag neu aufgelegt wurde. Nach jedem Kapitel folgt die Beschreibung eines abendlichen "Spiels", bei dem Abelssen mit ihrem Mann darum spielt, wie ihr Leben weitergehen k├Ânnte. Sie verlieren sich in Fantasien, alles haben sie schon durchgespielt, bevor sie es leben, so z.B. wie sie auf ihre jeweiligen Liebhaber bzw. Liebhaberinnen zur├╝ckblicken werden, wobei sie im Wesentlichen sich selber auch unter widrigsten Umst├Ąnden wiederfinden.

Aber es w├Ąren nicht die "wilden Sechziger", wenn es nicht auch um die StudentInnenproteste, um Aktionen, um Diskussionen ├╝ber die politische Situation gehen w├╝rde, mit denen die beiden immer wieder in Ber├╝hrung kommen. Es ist ein Zeitbild der geteilten Stadt nach dem Krieg. Links sein ist chic, aber keine ├ťberzeugung f├╝r sie. Neugierig nimmt sie wahr, was um sie herum geschieht, nimmt auch teil, wenn auch nur am Rande. Denn es wird auch immer wieder deutlich, dass dies nicht die Welt der Lili Abelssen ist, Marx will sie nicht lesen, auf eine erste Demonstration geht sie nur, weil ein ehemaliger Liebhaber zusammengeschlagen wurde, und immer wieder distanziert sie sich. Sie stellt klar, dass sie zwar mit Einzelnen zu tun haben will ÔÇô wie eben mit ihren Liebhabern ÔÇô aber nicht mit radikalen Aktionen. Zusammen sind ihr die politisch denkenden und handelnden Radikalen unheimlich. Und unterhalten kann sie sich eh mit ihrem Mann besser, denn ohnehin "nur von ihm, Richard, bekam sie, was sie wirklich w├╝nschte". Sobald sie auch nur in die Gefahr ger├Ąt, sich auf etwas einzulassen, wird sie von ihm "zur├╝ckgef├╝hrt", wof├╝r sie ihm dankbar ist, denn: "Dies sei nunmal ihre Welt, und sie werde sich f├╝r sie niedermetzeln lassen, w├╝rde sie je bedroht". Aber auch sie merkt, dass die Welt sich ver├Ąndert, wenn sie feststellt: "Die gro├čen Damen sind doch aber pass├ę, Damen sind h├Âchstens gro├če Damen, wenn sie ihre Garderobe selbst verdienen." Dies ist eher ihr Stil, eher ihre Welt.

Es sind zum Teil befremdliche Szenarien, die die Autorin in diesem Roman beschreibt. Sie reichen von ersehnten Beleidigungen bis zu Unterwerfungsphantasien. Dies gilt auch f├╝r die Art und Weise, wie sie ├╝ber Menschen redet, die nicht zu ihrem sozialen Umfeld geh├Âren, so nennt sie Menschen, die in zweiten Hinterh├Ąusern leben, "Wesen, die sie als Menschen wahrzunehmen nicht f├Ąhig war" und beschreibt Zuchth├Ąuser f├╝r Frauen als die reinsten Sch├Ânheitsfarmen. ├ťberheblichkeiten sind bei ihr an der Tagesordnung, auch wenn sie elit├Ąre Gesinnung ablehnt. Der Roman ist durchsetzt von Zynismen und "abgebr├╝hten Sentimentalit├Ąten", wie der Literaturkritiker Erhard Sch├╝tz so treffend in seinem Nachwort schreibt.

Und dann wundert es, gegen Ende zu lesen: "Wir haben uns doch auf nichts anderes spezialisiert. Wir k├Ânnen gar nicht anders als gl├╝cklich sein."

AVIVA-Tipp: Der Roman Roter Winter bietet einen Einblick in das West-Berlin der 1960er Jahre zwischen linken Bewegungen und der Bourgeoisie, zwischen Empf├Ąngen und Demos, zwischen Beziehungen und Zeitgeschichte, wobei deutlich ist, f├╝r welches Leben sich die Protagonistin im Zweifelsfalle entscheiden w├╝rde. Was politischen Aktivismus betrifft, bleibt es immer der Blick von au├čen.

Zur Autorin: Annemarie Weber wurde 1942 in Berlin geboren. Sie arbeitete als Buchh├Ąndlerin und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges von 1945 bis 1948 als Dolmetscherin bei der britischen Milit├Ąrregierung in Berlin. Anschlie├čend war sie als Journalistin, Redakteurin, Lektorin und Schriftstellerin t├Ątig. In zweiter Ehe war sie mit dem Schriftsteller Rudolf Lorenzen verheiratet und avancierte zu einer festen Gr├Â├če der Berliner Boh├Ęme. Seit den 1960er Jahren ver├Âffentlichte sie zahlreiche Kurzgeschichten und Romane. 1962 erhielt Annemarie Weber den Literaturpreis Junge Generation der Stadt Berlin. Ihren Durchbruch als Schriftstellerin erlangte sie 1966 mit dem viel gelobten Roman "Westend". Drei Jahre sp├Ąter erschien ihr Roman "Roter Winter", der die verschiedenen Str├Âmungen der 1960er Jahre portr├Ątiert und autobiografische Z├╝ge tr├Ągt. Annemarie Weber starb 1991 in Berlin. (Verlagsinformationen)
Ihr Nachlass, das "Annemarie Weber Archiv" befindet sich in der Akademie der K├╝nste: www.adk.de


Annemarie Weber
Roter Winter

AvivA Verlag, 1. Auflage erschienen 2015
Gebunden. 350 Seiten, mit Leseb├Ąndchen
Mit einem Nachwort von Erhard Sch├╝tz
ISBN 978-3-932338-67-0
Euro 19,90
www.aviva-verlag.de

Weiterlesen: Annemarie Weber ÔÇô "Westend"

www.aviva-verlag.de



Literatur Beitrag vom 17.08.2015 Doris Hermanns 

   




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