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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 28.08.2015

Lena Andersson - Widerrechtliche Inbesitznahme
Teresa Lunz

Die für ihren Roman mit dem "Augustpreis" ausgezeichnete gesellschaftskritische schwedische Journalistin und Autorin erzählt die Geschichte einer unerwiderten, zerstörerischen Liebesbeziehung.



Die 31jährige Autorin Ester Nilsson verliebt sich in den wesentlich älteren Bildenden Künstler Hugo Rask. Sie nähern sich an, gehen aus, philosophieren, schlafen schließlich miteinander. Danach zieht sich Hugo immer konsequenter vor ihr zurück. Und Ester bemerkt, dass sie nicht mehr fähig ist, ihr Leben zu bestreiten wie bisher.

An sich eine simple Geschichte, doch neu erzählt von Lena Andersson wird sie zur kleinen literarischen Sensation, die der Autorin den "Augustpreis", den renommiertesten Literaturpreis ihres Heimatlandes Schweden, einbrachte.

Die Dichterin Ester Nilsson erhält in einer Schaffenspause das Angebot, einen Vortrag über den Künstler und Philosophen Hugo Rask zu verfassen. Prompt verliebt sie sich in dieses fesselnde "Studienobjekt". Sie beginnt, ihn unter Vorwänden privat aufzusuchen und er führt sie zu Essen und Wein aus. Ester gibt ihre aktuelle Beziehung auf, erwartet, ihr künftiges Leben mit Hugo zu teilen. Doch dieser weicht aus, lügt offenbar über die Gründe seiner häufigen Abwesenheit am Wochenende. Von der beharrlich Liebenden in die Enge getrieben, sagt er schließlich, dass er den Kontakt einstellen will. Ester ist entschlossen, ihm seine Gleichgültigkeit nicht abzunehmen. Sie lebt nur noch in den Erinnerungen an die gemeinsame Zeit, schreibt nicht mehr, wobei selbst eine Parisreise nicht zur ersehnten Ablenkung führt. Ihr Leben, in das Hugo Rask immer wieder in Form zerstreuter Anrufe und kontextloser E-Mails eingreift, dreht sich nur noch um den, der sie "widerrechtlich in Besitz nimmt": Nicht zulässt, dass sie vergisst und normal weiterlebt, aber sie auch nicht an sich heranlässt.

Hugo Rask übernimmt die Kontrolle über Esters Dasein wie eine zerstörerische Droge. Der das Gefühl nicht erwidernde Geliebte ist trotz seiner eigentlichen inneren Abwehr nicht bereit, die Liebende aus ihrer Hörigkeit zu entlassen. Wo sie anfängt zu vergessen, tritt er wieder aktiver in ihr Leben. Der Roman erzählt davon, wie die junge Frau jede Geste, jede Äußerung, jeden Blick, selbst sein mitunter monatelanges Schweigen deutet und an den Rand des psychischen Verfalls getrieben wird.

"Die Luft wurde den ganzen Tag nicht klarer, und er rief nicht an. Sie auch nicht, aber wenn sie nicht anrief, bedeutete das etwas anderes, als wenn er das nicht tat, denn er entschied, er hatte die Macht. Dass es sich so verhielt, dafür gab es keine Belege, und daran gab es keinen Zweifel."

Während sich die LeserInnen zunehmend Esters intellektueller Überlegenheit über Hugo bewusst werden, kommt sie nicht von ihm los. Wir begegnen in ihm einer Gestalt, die angebetet und dabei nicht besessen werden will, wie ihr Gegenpart, Ester, anbeten und dabei besitzen will. Indirekt wird die Frage aufgebracht: Ist das Machtverhältnis gegenseitig? Lena Andersson zeigt in diesem Roman in geradezu verstörender Eindringlichkeit, wie Verliebtsein in Besessenheit umschlagen kann. Dabei setzt sie eher auf die Kunst der Formulierung als auf eine rasante Spannungskurve. Es wird mehr gegrübelt als miteinander geredet. Darauf sollte sich jede/r LeserIn einlassen können, um sich der Tragkraft der Geschichte bewusst zu werden.

Die Hauptfigur des Romans ist Dichterin. Als wolle sie den Bezug stärken, schreibt Lena Andersson selbst sehr poetisch, baut in die Beobachtung Ester Nilssons Reflektionen über die Welt und allgemeine menschliche Verhaltensmuster ein. Die Emotionen der Personen sind zwischen den Zeilen zu suchen, die Schilderung bleibt schnörkellos. Vielfach sprechen die Protagonist_innen in Aphorismen und Sentenzen, die Leser_innen sind aufgefordert, diese zu entschlüsseln, um Zugang zu den tieferen Nuancen des Geschehens zu gewinnen. Dabei ist die Handlung auf einen einzigen Strang reduziert: Es wird fast nichts gesagt über Esters Vorleben, ihre Familie, ihr Bekanntenkreis erscheint nur als "Chor der Freundinnen", der von ihr vernachlässigte Ratschläge zum Umgang mit Hugo erteilt. Es geht der Autorin nicht nur darum, eine Geschichte zu erzählen: Sie arbeitet eine Thematik, die Thematik des Verlassenwerdens und Nichtloskommens, auf.

Zur Autorin: Lena Andersson (geb. 1970) ist Journalistin und Autorin. Sie studierte in Stockholm Englisch, Politikwissenschaften und Deutsch, war zunächst als Sportjournalistin tätig und arbeitet heute frei für verschiedene schwedische Zeitungen und Magazine, darunter den "Dagens Nyheter", Schwedens größte Tageszeitung. Aufgewachsen ist sie in einem Vorort von Stockholm, bereits als Jugendliche zog sie nach Torsby, um ihre Leidenschaft fürs Skifahren auszuleben. Andersson fuhr jahrelang wettkampfmäßig Ski, lebt inzwischen aber wieder in Stockholm, wo sie sich einen Namen als streitbarste zeitgenössische Kritikerin des Landes gemacht hat. "Widerrechtliche Inbesitznahme", Gewinner des "Augustpreises" und die monatelange Nummer 1 auf der schwedischen Bestsellerliste, ist nach "Die Idylle von Stensby" (2002) ihr zweiter Roman. (Quelle: Verlagsinformation)

AVIVA-Tipp: Ein Buch, das beklemmend ist in seiner Realitätsnähe. Die Leser_innen riskieren, hier sich selbst (oder einem Teil davon...) zu begegnen, was wahres Talent der Autorin bezeugt. Unbedingt in Ruhe und konzentriert lesen – und wirken lassen.

Lena Andersson
Widerrechtliche Inbesitznahme

Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs
Roman Luchterhand, erschienen im April 2015
Gebunden, 220 Seiten
ISBN 978-3-630-87469-2
18,99 Euro
www.randomhouse.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Renata Adler – Pechrabenschwarz

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Literatur Beitrag vom 28.08.2015 Teresa Lunz 

   




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