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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 18.11.2015

Peace Research Institute in the Middle East (Hrsg.) - Die Geschichte des Anderen kennen lernen. Israel und Palästina im 20. Jahrhundert
Lisa Sophie Kämmer

Ein auf den ersten Blick innovatives Buchkonzept, durch das israelische und palästinensische Jugendliche an die Geschichte des Anderen herangeführt werden sollen. Das im Jahr 2000...



... initiierte und vermeintlich unvoreingenommene Projekt israelischer und palästinensischer LehrerInnen entpuppt sich in seiner Darstellungsform jedoch schnell als asymmetrisch, da beide Seiten nicht gleichermaßen zu Wort kommen.

Die Geschichte als Konflikt der Narrative

Das historische Wissen von Individuen und Gruppen basiert zu keiner Zeit allein auf objektiven Fakten, sondern setzt sich – in einigen Gesellschaften stärker ausgeprägt, in anderen weniger – immer auch aus zeitgenössischen Erfahrungen und Emotionen zusammen. Die Geschichte ist demnach nie als eine rein objektive, unveränderliche Faktendarstellung zu lesen, sondern als das Produkt menschlichen Deutens und Sinnstiftens, das je nach zeitlichem und politischem Kontext veränderlich ist. Das von einer Gruppe verinnerlichte historische Wissen kann so nie den Anspruch erheben, alleingültig zu sein, da es von nachfolgenden Generationen umgedeutet werden kann, wie auch parallel zu ihm andere Narrative existieren können. Dass es vor allem in nationalen Konfliktsituationen zu unterschiedlichen Aneignungen der Geschichte kommt, wird mit Blick auf den israelisch-palästinensischen Konflikt besonders deutlich. So haben sich im Nahen Osten zwei unterschiedliche Geschichtsnarrative herausgebildet, die auf die gleichen historischen Ereignisse rekurrieren, diese jedoch anders darstellen und bewerten.

Die Geschichte des Anderen kennenlernen – ein Buchprojekt

Die sich in weiten Teilen widersprechenden israelischen und palästinensischen Narrative sind der jeweils anderen Seite zumeist nicht bekannt. Um einen Verständigungsprozess zwischen beiden anzuregen und über die Existenz und Legitimität der jeweils anderen Darstellung aufzuklären, initiierte das 1998 im Westjordanland gegründete "Peace Research Institute in the Middle East" (PRIME) im Jahr 2000 ein Buchprojekt, durch das beide Narrative gleichermaßen zu Wort kommen sollen. Das Buch, von israelischen und palästinensischen LehrerInnen über einen Zeitraum von sieben Jahren gemeinsam und getrennt voneinander erarbeitet, richtet sich dabei an Schulkinder im Alter von 15 bis 17 Jahren, denen gezeigt werden soll, dass Geschichte stets aus der Sicht mehrerer Perspektiven zu verstehen ist. Die Jugendlichen sollen – so die Herausgeber – Anerkennung, Verständnis und Respekt für die Erzählung der jeweils anderen Seite entwickeln, um sich ihr im Zuge eines gegenseitigen Austauschs friedlich zu nähern. Dass das Buch, dessen deutsche Drucklegung u.a. durch die "Stiftung Deutsch-Palästinensisches Jugendwerk" und den "Münsteraner Arbeitskreis für Frieden in Palästina und Israel e.V." gefördert wurde, bei der Leserin vor allem Verständnis und Anerkennung primär für das palästinensische Narrativ wecken möchte, machen das Vorwort und die weitere Darstellung jedoch schnell deutlich.

Ein ungleiches Konzept

Das Buch, dessen hebräische und arabische Originalausgabe 2012 erstmals auf Englisch übersetzt wurde, möchte beide Seiten gleichermaßen zu Wort kommen lassen. Nimmt frau/man den innovativ gestalteten Band zur Hand, der im Querformat jeweils auf der linken Seite das israelische und auf der rechten Seite das palästinensische Narrativ aufführt, so fällt grundsätzlich auf, dass der israelische Textteil, das dazugehörige Glossar sowie die Bibliografie stets kürzer ausfallen. Zur besseren Anschaulichkeit sind die Texte beider Seiten mit Karten, Originaldokumenten und Fotos illustrativ bespickt sind, wobei auch hier ein Ungleichgewicht deutlich zutage tritt. So finden sich im palästinensischen Teil zahlreiche emotional ergreifende Abbildungen wie etwa das Foto einer weinenden Palästinenserin, die durch den Grenzzaun versucht, ihren Verwandten die Hand zu reichen. Neben dieser und weiteren aufwühlenden Abbildungen finden sich zudem mehrere Karikaturen, in der die Leserin mit antisemitischen Bildern, die ihr zum Teil aus der NS-Zeit bekannt sein dürften, konfrontiert wird. Der israelische Teil hingegen verfügt über keine ergreifenden Bilder. Opfer infolge von palästinensischen Attentaten, durch Sprengsätze zerstörte Busse, Cafés oder Diskotheken werden nicht abgebildet. Die Anteilnahme – so scheint es – soll sich medial in erster Linie auf das Schicksal des palästinensischen Volkes richten.

Die Asymmetrie der Narrative


Die beiden Narrative reflektieren, wie die Herausgeber einleitend richtig bemerken, eine Machtasymmetrie zwischen den beiden Konfliktparteien. Das palästinensische Narrativ sei demnach viel emotionaler und in seinem Duktus aggressiver als die israelische Darstellung, da es das Bedürfnis der Palästinenser nach einem eigenen Staat ausdrücke. Aussparungen unliebsamer Ereignisse und Verdrehungen nachweislicher Fakten, die die eigene Opferrolle in Frage stellen könnten, sind ebenso wie die Gleichsetzung der Nakba mit dem Holocaust vor diesem Hintergrund zu sehen. Die Leserin dürfte angesichts des palästinensischen Narrativs, auch wenn sie eingangs zu Recht auf die ihm zugrundeliegenden nationalen Bedürfnisse und Gefühle hingewiesen wird, bestürzt sein. Wenn palästinensischen Kindern dieses Geschichtsbild in den Schulen vermittelt wird, so dürfte eine Annäherung der jungen Generation in weiter Ferne liegen. Vielmehr müssen die jüngsten Übergriffe palästinensischer Jugendlicher auch vor diesem Hintergrund gesehen werden.

Es stellt sich somit grundsätzlich die Frage, inwiefern das Buch zu einer Annäherung beitragen kann. Positiv hervorzuheben ist sicherlich das israelische Narrativ, das sich wesentlich nüchterner gestaltet und Selbstkritik vor allem in Bezug auf die Vertreibungen und Umsiedlungen 1948 oder die israelische Kriegsführung im Libanonkrieg 1982 übt. Trotz dieser offeneren Darstellungsweise, die sich ganz offenbar der Mitarbeit linkspolitischer, kritischer LehrerInnen verdankt, wurde das Buch in palästinensischen Schulen verboten. Es würde die "Geschichte des Feindes lehren". Auch das israelische Bildungsministerium ließ es für den Unterricht nicht genehmigen, offenbar weil eine weiterführende kritische Lektüre nicht durch alle LehrerInnen gewährleistet werden könne.

Die Benutzung des Buches in Europa und Amerika

Sami Adwan, der Co-Direktor von PRIME, bemerkt stolz, dass das Buch auch in einzelnen Schulen in Europa, den USA und Kanada benutzt würde. Durch die bislang erfolgten Übersetzungen ins Französische, Deutsche, Italienische, Spanische und Englische versprechen sich die Herausgeber, auch SchülerInnen außerhalb der nahöstlichen Krisenregion ein komplexeres Verständnis vom israelisch-palästinensischen Konflikt zu ermöglichen. Dass der Ansatz ihrer dualen Narrative nicht derart offen und unvoreingenommen ist, sollte der kritischen Leserin vor allem mit Blick auf die Verwendung des Buches in diesen Ländern zu denken geben. Indem Jugendliche dort in der Regel über nur unzureichende historische Vorkenntnisse verfügen, können sie folglich weitaus leichter durch die ungleiche Darstellung des Buches beeinflusst werden. Nach der Lektüre müssten die meisten von ihnen jedenfalls – es sei denn, ihre LehrerInnen problematisierten die so präsentierten Narrative – Anteilnahme vor allem am Schicksal der PalästinenserInnen empfinden, während die israelischen Opfer von ihnen kaum emotional erfasst werden.

Zu den Herausgebern:

Dan Bar-On
wurde 1938 als Sohn deutsch-jüdischer Eltern in Haifa geboren. Mehr als zwei Jahrzehnte lebte und arbeitete er in einem Kibbuz im Negev, studierte Psychologie und spezialisierte sich auf die Therapie von Holocaust-Überlebenden und deren Kindern. Als erster israelischer Wissenschaftler erforschte er die moralischen und psychologischen Nachwirkungen des Holocaust auf Kinder von NS-TäterInnen. Im Rahmen dieser Studie, die 1993 auf Deutsch erschien ("Die Last des Schweigens"), initiierte er einen Gesprächskreis zwischen Täter- und Opferkindern des NS-Regimes. Bar-On war bis 2007 Professor für Psychologie an der Ben-Gurion-Universität in Beer Sheva. Er veröffentlichte mehrere Bücher über den Dialog in Konfliktsituationen und setzte sich für eine Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts ein. Sein Engagement für Frieden und Verständigung wurde u.a. mit dem Bundesverdienstkreuz (2001) und dem Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis (2003) gewürdigt.
Sami Adwan, geboren 1954 in der Nähe von Hebron, ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Betlehem. Nach dem Studium der Pädagogik und Soziologie in den USA kehrte er Ende der 1980er Jahre nach Hebron zurück, wo er seine Universitätskarriere begann. Im Anschluss an die Oslo-Verhandlungen tauschte sich Adwan, der Mitglied der damals noch als terroristisch eingestuften Fatah war und das Existenzrecht Israels bestritt, im Rahmen eines europäischen Forschungsprojekts erstmals mit israelischen AkademikerInnen aus. Dort lernte er auch Dan Bar-On kennen. Gemeinsam mit ihm gründete er 1998 die Nichtregierungsorganisation PRIME, das "Peace Research Institute in the Middle East" in Beit Jala, dessen Ziel es ist, den Austausch zwischen israelischen und palästinensischen WissenschaftlerInnen zu fördern. Darüber hinaus engagiert sich das Institut für einen Dialog an Schulen.
Eyal Naveh ist nach dem Tod von Dan Bar-On 2008 zum Co-Direktor von PRIME ernannt worden. Er studierte Geschichte in Israel und den USA und lehrte bis 2007 an der Universität Tel Aviv sowie am dortigen Kibbutzim College of Education.

AVIVA-Fazit: Das ehrenhafte Anliegen des Buches, eine Annäherung zwischen israelischen und palästinensischen Jugendlichen zu fördern, indem diese an die Geschichte der jeweils anderen Seite herangeführt werden, vermag nur auf den ersten Blick zu überzeugen. Bereits im Vorwort wird deutlich, dass die Herausgeber bezugnehmend auf anhaltende politische Machtasymmetrien, Raum und Aufmerksamkeit vor allem dem palästinensischen Narrativ widmen. Wenn sich die AutorInnen des Buches also einen offenen, unvoreingenommenen Ansatz auf die Fahnen schreiben, der dem innovativen Projekt zu wünschen gewesen wäre, dann hätten beide Narrative gleichermaßen zur Sprache kommen müssen. Mit Blick auf die Verwendung des Buches in Europa und Amerika hätte das palästinensische Narrativ, dessen Form es im historischen und aktuellen Kontext zu sehen gilt, zudem einer weiterführenden neutralen Kommentierung bedurft.

Peace Research Institute in the Middle East (Hrsg.)
Die Geschichte des Anderen kennen lernen. Israel und Palästina im 20. Jahrhundert

Campus Verlag, erschienen am 09.07.2015
Kartoniert, 279 Seiten, mit zahlreichen Fotos und Karten
ISBN 978-3-593-50281-6
29,90 Euro
http://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wissenschaft/geschichte/die_geschichte_des_anderen_kennen_lernen-9687.html

Weitere Infos unter:
www.vimeo.com Interview mit Prof. Dr. Dan Bar-On über die Ziele und Tätigkeiten des PRIME, 30.03.2007

www.vispo.com/PRIME Homepage des Peace Research Institute in the Middle East (PRIME)


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Literatur Beitrag vom 18.11.2015 Lisa Sophie Kämmer 

   




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