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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 31.12.2015

Beate und Serge Klarsfeld – Erinnerungen
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"Wir werden sie aufspüren, wo immer sie auch sind." In ihren Memoiren beschreiben die unermüdlichen Nazijäger ihr Engagement für die Rechte der Opfer und das Aufspüren und die Enttarnung von Nazis



"Ich schrie, so laut ich konnte, ´Nazi, Nazi!´ und ohrfeigte ihn mit voller Wucht", erinnert sich Beate Klarsfeld an diesen 7. November 1968, als sie auf dem Bundesparteitag der CDU Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger demonstrativ für seine Mitgliedschaft in der NSDAP anprangerte. Die deutsche Justiz nahm den Fehdehandschuh auf und verurteilte Beate Klarfeld in einem Schnellverfahren für diese "Majestätsbeleidigung" zu einem Jahr Gefängnis. Für das Ehepaar Klarsfeld war es der Auftakt für seine lebenslange Mission: Die nationalsozialistischen Schreibtischtäter und Mörder zu enttarnen und dafür zu sorgen, dass sie für ihre Taten zur Verantwortung gezogen werden.

Als Au-pair-Mädchen lernte die in Berlin geborene Beate Künzel im Mai 1960 in Paris Serge Klarsfeld kennen und lieben. Über die Shoa wusste die damals 21-Jährige wenig bis nichts. An deutschen Schulen wurde so etwa nicht vermittelt. Das sollte sich jedoch rasch ändern: Ihr zukünftiger Mann, dessen Vater in Auschwitz ermordet worden war, hatte nur mit viel Glück überlebt. Schon kurz nach der Niederschlagung des Nationalsozialismus hatte Serge damit begonnen, das Schicksal seines Vaters zu erforschen und sich intensiv mit der Geschichte der Shoa auseinanderzusetzen. Rund 80.000 Juden haben die NS-Mörder aus Frankreich in die Vernichtungslager deportiert, wie Serge Klarsfeld anhand von unzähligen Dokumenten und in seinem Standardwerk "Vichy – Auschwitz" akribisch nachgewiesen hat.

Doch neben dem Wunsch, den Opfern der "Endlösung" eine Identität zu geben, stand schon früh die Enttarnung der vielen unbehelligten NS-Täter im Fokus von Serge und Beate Klarsfelds Engagement: "Wir werden sie aufspüren, wo immer sie auch sind." Anfang der 1970er Jahre gelang es dem Ehepaar, Klaus Barbie, den Kommandeur der Gestapo von Lyon, in Bolivien ausfindig zu machen. Der "Schlächter von Lyon" lebte dort als "unbescholtener" Geschäftsmann und Sicherheitsberater des bolivianischen Innenministeriums. Es dauerte über zehn Jahre, bis Barbie 1983 an Frankreich ausgeliefert wurde, vier Jahre später verurteilte ihn ein französisches Gericht zu lebenslanger Haftstrafe. In Deutschland waren schon 1952 Ermittlungen gegen Klaus Barbie eingeleitet worden – erfolglos, wie so oft bei NS-Verfahren. Mit dem Gerichtsverfahren gegen Klaus Barbie wurde in der französischen Öffentlichkeit auch die jahrzehntelang verdrängte Kollaboration des Vichy-Regimes mit den Deutschen erstmals diskutiert.

Ein weiterer spektakulärer Coup gelang den Klarsfelds mit der versuchten Entführung von Kurt Lischka, sie wollten ihn französischen Behörden übergeben. Er war u. a. Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD von Paris und verantwortlich für Deportationen und Massenerschießungen. Bis 1971 lebte Lischka als ehrbarer kaufmännischer Angestellter in Köln – obwohl ihn ein französisches Militärgericht 1950 in Abwesenheit zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt hatte. Doch die deutschen Behörden lieferten ihn nicht aus und hatten kein Interesse an einer Strafverfolgung. Erst die aufsehenerregende Aktion der Klarsfelds führte zu einem Umdenken. Im Herbst 1979 wurde Lischka vor dem Landgericht Köln angeklagt und zu zehn Jahren Haft verurteilt. Die Beweise für Lischkas Schuld hatten freilich Beate und Serge Klarsfeld zusammengetragen.

Bei ihrem jahrzehntelangen Kampf gegen Vergessen und für Gerechtigkeit beteiligten sich die Klarsfelds auch an der Jagd nach den hochrangigen Nationalsozialisten Alois Brunner, Josef Mengele und dem Entwickler der berüchtigten Gaswagen, Walter Rauff. In ihren Memoiren beschreiben die unermüdlichen Nazijäger ihr Engagement für die Rechte der Opfer und präsentieren der Leserin und dem Leser erschreckende Dokumente und Sachverhalte, die von Justiz und Politik verdrängt und ignoriert wurden. Ein packendes Buch, das neben spannender Zeitgeschichte auch viel sehr Persönliches von Beate und Serge Klarsfeld bietet, wobei leider manche Schilderungen ein wenig eitel und kritiklos daherkommen. Trotz dieses Wermutstropfens bleiben die "Erinnerungen" eine zu empfehlende Lektüre, da Beate und Serge Klarsfeld Gerechtigkeit einfordern und unbequeme historische Wahrheiten aufzeigen.

Beate und Serge Klarsfeld wurden am 26. Oktober 2015 in Paris für ihre Aufklärungsarbeit zur Geschichte des Holocausts und den Kampf gegen Völkermord zu Sondergesandten und Ehrenbotschaftern der UNESCO ernannt. Im Juli 2015 war das Ehepaar für sein jahrzehntelanges Engagement gegen Antisemitismus und politische Unterdrückung mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden.


Beate und Serge Klarsfeld
Erinnerungen

Originaltitel: Mémoires
Vorwort von Arno Klarsfeld
Übersetzt von: Helmut Reuter, Anna Schade, Andrea Stephani
Gebunden, 624 Seiten
28,00 Euro
ISBN: 978-3-492-05707-3
Piper Verlag, erschienen 9.11.2015
www.piper.de

Diese Rezension ist am 29. Dezember 2015 auf haGalil, Jüdisches Leben online, erschienen und wurde AVIVA-Berlin vom Autor freundlicherweise zur Verfügung gestellt.


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Literatur Beitrag vom 31.12.2015 AVIVA-Redaktion 

   




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