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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 13.04.2016

Lucia Berlin - Was ich sonst noch verpasst habe. Stories
Angelina Boczek

(Alp)traumhafte Geschichten, die an vielen verschiedenen Orten in den westlichen Staaten der USA spielen. Sie alle handeln von Frauen in - vordergründig - trostlosen, desolaten Situationen, besser gesagt von einer Frau – der Autorin selbst, mit fiktionalem Abstand.



Ihr Werk ist schmal geblieben, da Lucia Berlin 20 Jahre lang nichts schrieb bzw. nichts veröffentlichte, nachdem 1960 ihre erste verheißungsvolle Erzählung, der Auftakt zu insgesamt 76 Kurzgeschichten, erschienen war. Diese wurden in den 1980er Jahren publiziert und danach vergessen – bis durch die Initiative der Autorin Lydia Davis das Werk der 1936 als Lucia Brown in Alaska geborenen Lucia Berlin neu herausgebracht wurde. Die im August 2015 bei Farrar, Straus & Giroux unter dem Titel "A Manual for Cleaning Women. Selected Stories" neu zusammengestellte Auswahl landete kurz nach Erscheinen auf der New York Times-Bestsellerliste und zählte im letzten Herbst zu den wichtigsten literarischen Neuerscheinungen.

Die Übersetzerin Antje Rávic-Strubel spricht von der Autorin in ihrem Vorwort ("Das Schreiben als Fallschirm") als einer "Melancholikerin, die das Lachen nie verlernt hat, das Absurde in der Verzweiflung sehen, im Schrecklichen das Schräge, darin ist sie groß."

Davon zeugt auch die Geschichte "Tigerbisse": Die junge, von ihrem Ehemann verlassene Lou reist mit ihrem Baby Ben zu einer weihnachtlichen Familienfeier. Am Bahnhof in El Paso wird sie von ihrer mondänen Cousine erwartet. Beiden graust vor dem Familienbesuch. Lou gesteht der Cousine recht bald, erneut schwanger zu sein, worauf diese unverzüglich mit einer Abtreibungsklinik Kontakt aufnimmt.

Überrumpelt lässt sich Lou auf eine Abtreibung ein und fährt am gleichen Tag zu diesem tristen Ort, einer ehemaligen Fabrik. Dort wird sie unfreundlich und geschäftsmäßig empfangen, nach ihrem Namen wird nicht gefragt, aber nach den 500 Dollar, die ihr die Cousine für den Abbruch lieh. In dem Warteraum sitzen bereits zwanzig Frauen, ganz junge mit ihren Müttern und einige sehr viel ältere. Der Arzt, der daherkommt wie ein "argentinischer Filmstar", in einem teuren Seidenanzug ist herablassend und routiniert. Noch bevor weitere Maßnahmen in Gang gesetzt werden können, entscheidet sich Lou, "es doch nicht machen zu lassen". Sie will gehen: "Ich hab’s mir anders überlegt". Nach kurzer Diskussion mit dem Arzt geht der darauf schulterzuckend ein, nicht ohne zu erwähnen, dass die 500 Dollar nicht "zurückerstattet" werden können und sie außerdem die Nacht dort verbringen müsse.

Es wird eine unruhige Nacht, trotz verabreichter Beruhigungsmittel: Eine der jungen Patientinnen wird von Lou besinnungslos aufgefunden, mit starken Blutungen.
Der Morgen beginnt für Lou in einem "sonnendurchfluteten Zimmer", die weiteren Betten im Raum sind sauber, "ordentlich gemacht", Kanarienvögel und Finken zwitschern – alles ist gut! Lou fährt in das Hotel, in dem sie die Cousine und ihr Baby zurückließ. Kurz ist die Cousine geschockt von der Nachricht, Lou habe "es doch nicht machen lassen" - nur kurz. Beide fallen sich in die Arme, beide weinen, zusammen mit dem Baby Ben. Anschließend gehen sie essen und trinken "Tequila Sunrise".
Beim Eintreffen in dem Haus der Familie begegnen sie kuriosen, teils alkoholisierten Gestalten: Die Verwandten interessieren sich für die Neuankömmlinge nicht.

Eine typische Geschichte: Keine Figur ist nur böse und fies, keine Figur nur hilf- und segensreich. Auch schrecklichen Situationen oder Orten wird das Entsetzen durch absurde Wendungen oder mitfühlende Einfügungen genommen. Die Menschen stürzen nicht ins Bodenlose, es bleibt Hoffnung oder immerhin ein Witz. Tristesse und Trauer, Armut und Sucht werden erzählt, aber nicht zelebriert. Vom Tod wird in leisen Tönen mitgeteilt. In allen der hier ausgewählten Stories.

AVIVA-Tipp: Die Form der Short Story eignete sich für die Erzählweise der Autorin vorzüglich, jedes einzelne Wort ist unbedingt wichtig, nichts darf übersehen werden von uns LeserInnen, auch die kurzen Dialoge liefern prägnante, wichtige Versatzstücke für den Sound jeder Geschichte. Komprimiert, zusammengerückt wird erzählt, die scheinbar "fehlenden" Bilder entstehen in unserer Phantasie. Lucia Berlin war eine Meisterin dieser kurzen Form, sowohl inhaltlich als auch sprachlich, sie wird verglichen mit Anton Tschechow und Alice Munro.

Zur Autorin: Lucia Berlin zog mit ihren Eltern und später mit ihren vier Kindern viele Male um, sie kannte die Schauplätze in Kalifornien, Colorado oder Mexiko, wo ihre Protagonistinnen agieren, auch sie war Alkoholikerin, wie die Frauen (und Männer) in den Stories. Geboren wurde sie als Lucia Brown 1936 in Alaska, bereits mit zehn Jahren erkrankte sie an Skoliose, einer Wirbelsäulenverkrümmung, die sie bis zu ihrem Tod im Jahr 2004 belastete. Es heißt, dass sie als Kind sexuellem Missbrauch ausgesetzt war. Sie heiratete dreimal, zog ihre Kinder weitestgehend allein groß und musste viele Jahre schlecht bezahlte Jobs annehmen, bis sie 1994 an einer Universität als Dozentin arbeiten konnte.
Mehr Infos unter: www.luciaberlin.com
und www.facebook.com/LuciaBerlin

Zur Übersetzerin: Antje Rávic Strubel lebt und arbeitet als Schriftstellerin in Potsdam. Zu ihren Werken zählen "Unter Schnee" und "Fremd Gehen. Ein Nachtstück" sowie der Roman "Tupolew 134". Für "Kältere Schichten der Luft", erschienen 2007, erhielt sie den Hermann-Hesse-Preis und den Rheingau-Literatur-Preis und stand auf der Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse. Ihr 2011 erschienener Roman "Sturz der Tage in die Nacht" war für den Deutschen Buchpreis nominiert. Sie übersetzte außerdem Joan Didion aus dem Englischen und verfasste zwei Reise-Essays: "Gebrauchsanweisung für Schweden" und "Gebrauchsanweisung für Potsdam und Brandenburg". 2012/13 war sie als Visiting Writer am Helsinki Collegium for Advanced Studies, Finnland.


Lucia Berlin
Was ich sonst noch verpasst habe. Stories.

Originaltitel: A Manual for Cleaning Women. Selected Stories
Aus dem amerikanischen Englisch von Antje Rávic-Strubel
Arche Literatur Verlag, erschienen 19.2.2016
384 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-7160-2742-4
22,90 Euro
www.arche-verlag.com

Das gleichnamige Hörbuch, gelesen von Anna Thalbach, erschien am 26.2.2016 bei Hörbuch Hamburg.

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Von der Autorin von "Offene Blende", "Unter Schnee", "Fremd gehen" und "Kältere Schichten der Luft" und Übersetzerin von Lucia Berlins "Was ich sonst noch verpasst habe. Stories.".


Literatur Beitrag vom 13.04.2016 Angelina Boczek 

   




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