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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 26.04.2016

Juli Zeh - Unterleuten
Helga Egetenmeier

In einem brandenburgischen Dorf mit dem vielversprechenden Namen Unterleuten l├Ąsst Juli Zeh, selbst ins Berliner Umland gezogen, ihren neuesten Roman spielen. Ein Konglomerat aus Einheimischen...



...und Zugezogenen, Wessis, die das kleine Paradies suchen und dort geborene Ossis, finden durch einen umstrittenen Windpark als Katalysator zueinander.

Dabei werden alte Feindschaften aufpoliert, angesparte Gef├Ąlligkeiten eingefordert und die Neuen versuchen sich gewinnbringend dazwischen zu positionieren. Im typisch trockenen Juli-Zeh-Stil ist ihr damit als eine in Westdeutschland geborene Frau, ein spannender Nachwenderoman gelungen.

Sie wollte schon immer einen Gesellschaftsroman schreiben, sagt Juli Zeh zu ihrem neuesten Projekt, denn dies stelle f├╝r sie die "literarische K├Ânigsdisziplin" dar, die "Zeitgeist und die Befindlichkeiten einer ganzen Epoche" in sich vereint. In einem hei├čen Sommer im heutigen Brandenburg spielend, verbindet sie daf├╝r die Menschen ihres Spielorts Unterleuten, deren Ost-West-Unterschiede durch die ineinander wachsenden Generationen langsam verschwimmen. Stabilere Identit├Ątsmodelle gibt die Autorin durch Geschlechterzuordnungen, Stadt-Land-Unterschieden und ├Âkonomischen Interessen, mit denen sie ihre Epochenzeichnung klischeehaft unterf├╝ttert.

Anders als Regina Scheer, die sich f├╝r ihre mecklenburgische Dorfgemeinschaft "Machandel" ein Jahrhundert Zeit nimmt, beschr├Ąnkt Juli Zeh ihren Nachwenderoman auf das Jetzt eines kurzen Sommers. Die historischen Dimensionen gesellschaftlicher Ver├Ąnderungen reflektieren ihre Figuren als Erinnerungen, was dem Politischen eine auffallend private Note gibt. Doch die Dorfstrukturen nutzen beide Autorinnen ├Ąhnlich, ihre Einheimischen pflegen lange gewachsenen Freund- und Feindschaften und die Hinzugezogenen wundern sich und gehen eigenen Pl├Ąne nach.

Mit dem Dorf als ├╝berschaubarem Lebensraum scheint Juli Zeh ihr optimales Setting gefunden zu haben. Wie auch in fr├╝heren Romanen "Nullzeit", "Corpus Delicti" oder "Spieltrieb", l├Ąsst sie ihre Figuren auf einem begrenzten Raum aufeinanderprallen. So verhandelt sie die gro├če Welt im Kleinen und, wie auf einer B├╝hne, dramaturgisch eng und ausweglos. Dazu kreiert sie deutlich abgrenzbare Figuren, die au├čer ihrer Einsamkeit selten einen gemeinsamen Blick auf die Welt teilen.

Auch die LeserInnen kommen in den Genuss der klaren Zuordnungen, da sie ihren Kapitel├╝berschriften die Namen der elf Hauptfiguren gibt, darunter sind vier weibliche Protagonistinnen, parit├Ątisch besetzt zwischen Ost und West, drei modelliert als Ehefrauen mit Kind. Nur die toughe und ehrgeizige Linda, eine Equidentrainerin (Pferdefl├╝sterin), lebt trauschein- und kinderlos mit ihrem nerdigen Freund in einem renovierungsbed├╝rftigen Haus am Rand von Unterleuten. Einen ihrer Erfolgs-Merks├Ątze, "Wer seine Tr├Ąume selbst verwirklicht, braucht keinen Prinzen.", versucht sie mit der Coolness eines Sherlock Holmes gegen├╝ber dem abgebr├╝hten Immobilienspekulaten Meiler durchzusetzen. Damit ist Juli Zeh ein spannend-ironischer Zweikampf von Westlern um Boden im Osten gelungen, der sie ihren wahren Gegner ├╝bersehen l├Ąsst.

Jule, die junge, studierte Hippie-Mutter, f├Ąngt eine Unterschriftenaktion gegen die Windr├Ąder an und lernt dabei die seit Jahrzehnten in Unterleuten verheiratete Elena, gedem├╝tigte Ehefrau des ehemaligen LPG-Leiters und heutigen Chefs des ├ľkologica-Hofes, kennen. Doch warum diese ihr mit angsterf├╝lltem Blick und den Worten "Sie kommen von au├čerhalb. Sie wissen gar nicht, wo Sie sind." die T├╝r vor der Nase zuschl├Ągt, erhellt sich ihr nicht. Der politische Gegenspieler von Elenas Ehemann Gombrowski ist seit seiner Jugend der aufbrausende Kommunist Kron - beide die Alt-Kontrahenten in Unterleuten. Dessen ruhige Tochter Kathrin, ├ärztin in Neuruppin, ist die zweite Ostfrau, die in ihren vier Kapiteln neben einem Schriftsteller als Mann und einer achtj├Ąhrige Tochter, den ruhigsten Part in der Dorfgeschichte erh├Ąlt.

Auch wenn die Windkraft, ob Pro oder Contra, zur unerwarteten Beziehungsstifterin im Dorf mutiert, kondensieren sich die unterschiedlichen Lager zuerst anhand der alten Hahnenk├Ąmpfe um die in die Jahre gekommenen Dorf-Machos Kron und Gombrowski. Doch ihre alten Auseinandersetzungen interessiert die neue Gemeinschaft nur soweit, wie sie jedem selbst n├╝tzt. Mit dem Generationenwechsel schiebt die Autorin auch die Frauen an die Orte der Macht.

Juli Zeh liebt klare Motive, innerhalb derer sich ihre Figuren reflektieren und zu stimmigen Schlussfolgerungen kommen. Mit ihrem n├╝chternen Blick k├Ânnte sie sich tiefer in die vielschichtige Psyche ihrer durchaus komplexen Figuren wagen, um gesellschaftlich virulentere Themen mit einzubeziehen. Regina Scheer gelang dies unauff├Ąllig bei "Machandel", wo sie den sich fortschreibenden Rechtsextremismus ebenso mit aufnahm, wie auch kleine Fluchten aus der heterosexuellen Norm.

AVIVA-Tipp: Dieser dicke Juli Zeh-Band l├Ąsst sich f├╝r Fans kaum aus der Hand legen, selbst wenn er gegen Ende etwas an Fahrt verliert. Die Begrenztheit des Dorfs Unterleuten - ein Name, der auf der Zunge vergeht - f├╝hrt Zeh parallel mit den kleinen, oft verschwiegenen K├Ąmpfen, die die erhoffte Idylle als tr├╝gerische Fata Morgana entlarvt und in deren kleiner Arena sowohl Frau gegen Mann, wie auch Dorf gegen Stadt, antreten.

Das Buch im Netz: www.unterleuten.de, mit einem Rundgang durch das Dorf Unterleuten.

Lesungen mit Juli Zeh
17. Mai 2016, Z├╝rich, Kaufleuten
24. Mai 2016, Hannover, Cumberlandsche Galerie
06. Juni 2016, T├╝bingen, Sparkassen Carr├ę
20. Juni 2016, Braunschweig, Buchhandlung Graff
28. Juni 2016, Frankfurt, Schauspiel Frankfurt

Zur Autorin: Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, Jurastudium in Passau und Leipzig, Studium des Europa- und V├Âlkerrechts, Promotion und l├Ąngere Aufenthalte in New York und Krakau. Ihr Deb├╝troman "Adler und Engel" (2001) wurde zu einem gro├čen Erfolg, inzwischen sind ihre Romane in 35 Sprachen ├╝bersetzt. F├╝r ihre Werke wurde sie vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Hildegard-von-Bingen-Preis (2015).
Die Autorin im Netz: www.juli-zeh.de

Juli Zeh
Unterleuten

Luchterhand Literaturverlag, erschienen M├Ąrz 2016
Hardcover gebunden mit Schutzumschlag und Leseb├Ąndchen, 640 Seiten
ISBN-13: 9783630874876
24,99 Euro
Auch erh├Ąltlich als H├Ârbuch und eBook
www.randomhouse.de

Weiterlesen zu Juli Zeh auf AVIVA-Berlin:

Juli Zeh beleuchtet mit "Good Morning, Boys and Girls. Theaterst├╝cke" in vier be├Ąngstigend aktuellen B├╝hnenwerken die Paranoia des Rechtsstaats 2.0 und das Individuum in Zeiten maximaler Effizienzsteigerung. (2013)

Eine raffinierte Dreiecksgeschichte gelingt ihr mit "Nullzeit", der die scheinbar objektive Realit├Ąt in potenziell endlose Wahrnehmungen zerfallen l├Ąsst, was f├╝r eine Schuld im juristischen Sinn beunruhigend ist. (2012)

In ihrem Sch├╝lerInnenroman "Spieltrieb" vertauscht sie die Rollen, die GymnasiastInnen sind die Qu├Ąlgeister der LehrerInnen, die sie als jugendlich-gr├Â├čenwahnsinnig jenseits der Moral stellt. (2006)

Ihr Erstlingswerk "Adler und Engel" ist ein rasender Politthriller ├╝ber Liebe und Politik, Realit├Ąt und Drogenwahn mit einem Roman-Stil, der unter die Haut geht. (2004)



Literatur Beitrag vom 26.04.2016 Helga Egetenmeier 

   




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