Hildegard Baumgart, Bettine und Achim von Arnim - Die Geschichte einer ungewöhnlichen Ehe - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 27.04.2016

Hildegard Baumgart, Bettine und Achim von Arnim - Die Geschichte einer ungewöhnlichen Ehe
Yvonne de Andrés

Ihre mehr als dreißig Jahre andauernde Verbindung galt als eine der großen Liebesgeschichten der deutschen Romantik. Die Biographin untersuchte anhand von umfangreichem Quellenmaterial das Leben, das Werk, sowie auch den Antisemitismus Achim von Arnims.



Die Autorin Hildegard Baumgart ist eine ausgewiesene Kennerin von Bettine und Achim von Arnim. Viele ihrer Bücher und Artikel haben sich mit den beiden und ihrer Auffassung der Institution "Ehe", die von der romantischen Liebe geprägt ist, beschäftigt. In diesem Buch zeichnet Baumgart auf 750 Seiten die Stationen der zwanzigjährigen Lebensgemeinschaft der von Arnims nach.

"Auf den ersten Blick steht Bettine für das Bunte, Spontane, Prächtige, auch für das moralisch und emotional Offene. Sie war überzeugt, dass Autoritäten aller Art es so genau nicht nehmen, weil sie jederzeit bereit sind, ihr liebes Kind, das es ja nicht schlimm gemeint hat, wieder in die Arme zu schließen. Armin dagegen war geprägt von der preußischen Pflichtauffassung, [...] Er war ernst, schmal, streng und verlangte viel von sich und anderen."

Hildegard Baumgart stellt uns ein gebildetes ebenbürtiges Paar auf Augenhöhe vor. "Was Armin und Bettine aneinander fesselte, waren aber nicht nur die Gegensätze. Es verband sie die Ausrichtung ihres Lebens auf die Kunst – bei Armin vor allem auf das Wort, bei Bettine in dieser Phase ihres Lebens noch überwiegend auf die Musik, die aber ohne das Wort nicht zu denken war."

Durch den von der der Biographin angelegten Perspektivenwechsel kann die Leserin kapitelweise abwechselnd auf den Spuren Bettines oder Achims wandern. Detailliert zeichnet sie die unterschiedlichen Stationen dieser Ehe in den Jahren von 1811 bis 1831 nach. Die Freundschaft zu Goethe, die Reisen zu den Gebrüdern Grimm, der Rückzug der Franzosen, der Sieg über Napoleon, das Leben in Wiepersdorf, Bettine in Berlin, die Begegnung mit Rahel Varnhagen, die Trauer bei den Brentanos in Frankfurt und viele weitere Stationen. Es ist ein Buch über das Leben, über die Liebe aber auch über die Nähe zum Tod. Für Frauen konnte um das Jahr 1800 Schwangerschaft und Geburt noch den Tod bedeuten. Das Ehepaar hatte sieben Kinder und beide wurden füreinander verlässliche Partner. Meist war ihr Leben von Geldnöten gekennzeichnet, denn Achim von Arnim erbte hochverschuldete Güter, für die er sich immer wieder Geld von allen möglichen Seiten her borgen musste. So konnte von Arnim zwar seine Güter behalten, doch die Situation muss er wohl als Schmach empfunden haben. Sein Schreiben brachte finanziell wenig ein, so dass Bettine mit ihrer großen Erbschaft immer zuschießen musste. Über die Jahre schmolz so Bettines Erbschaft dahin.

Antisemitische Ausfälle

Sehr ausführlich thematisiert Hildegard Baumgart das Engagement von Achim von Arnim in der "Deutschen Tischgesellschaft" und seine Rede gegen die Juden, seinen Rauswurf bei Sara Levy und eine Prügelei mit Moritz Itzig.

Seine bei der Deutschen Tischgesellschaft gehaltene Rede "Über die Kennzeichen des Judentums" spiegelt den Antisemitismus dieser Zeit wieder.
Bei Achim von Arnim vereinen sich die Klischees des Judenhasses mit politischen Problemen der Zeit und verdichten sich zum Antisemitismus. Seine Rede ist ein eindeutig antisemitischer Text, er bedient sich dabei zahlreicher Gemeinplätze der antisemitischen Literatur.

Seit Erscheinen von Stefan Nienhaus: "Geschichte der deutschen Tischgesellschaft" (2003) und der "Texte der deutschen Tischgesellschaft. Werke und Briefwechsel, Band 11 - Historische-kritische Ausgabe (Weimarer Arnim-Ausgabe", (2008) liegt eine eindeutige Quellenlage vor. Eine kritische Auseinandersetzung ist notwendig. Die Rede und die Reaktion darauf zeigen, dass das kulturpolitische Engagement einiger Berliner Romantiker nationalistisch-antifranzösischer und antisemitischer Natur war.

Mit Schaudern kann man heute feststellen, dass niemand aus dem prominenten Kreis von Schleiermacher über Brentano bis Kleist hier ein Veto eingelegt hatte. Wie seine Frau auf die Rede reagierte, ist leider in den vorliegenden Quellen nicht klar erkennbar. Hildegard Baumgart ist sehr vorsichtig in ihrer Interpretation und vermutet auf Grund der dürftigen Quellenlage und dem Briefwechsel folgendes: "Sie (gemeint ist Bettine – d. Verf.) war wie niemals vorher verliebt in ihren Mann und litt selbstverständlich mit ihm – also wird sie sich kaum um Objektivität in der Judenfrage bemüht haben." Kurz nach dieser Rede verließen die von Armins Berlin für ein halbes Jahr, um Gras über die Sache wachsen zu lassen. Achim von Armin hatte sich nicht nur unmöglich gemacht, er war auch pleite und konnte sich das Leben in Berlin nicht leisten. Bettine lebte in Berlin und Achim in Wiepersdorf.

Dass sich im Laufe der Beziehung ein gereizter Tonfall in der Korrespondenz zwischen den Eheleuten einschlich ist festzustellen, "dazwischen aber", so die Biografin, "am Ende immer die Sorge, das Nachgeben, bei Bettine der Wunsch: Behalt mich lieb."

Die Ehe der beiden dauerte über den Tod hinaus. Hildegard Baumgart schreibt: "Ich bin geschieden und Gott hat mich geschieden und ich muss sehr weinen, dass es so ist", schrieb Bettine 1832 an Schleiermacher. Sie pries Armins Treue und Zuverlässigkeit, aber er kam nicht wieder. […]"Jetzt blieb es still."

Zur Autorin: Hildegard Baumgartist promovierte Romanistin und übersetzt aus dem Spanischen (u.a. Jorge Guillén, Ramón del Valle-Inclán). Neben journalistischen Arbeiten zum Thema Paare veröffentlichte sie bislang die Bücher "Briefe aus einem anderen Land" (1972) sowie "Eifersucht. Erfahrungen und Lösungsversuche im Beziehungsdreieck" (1985) sowie die viel beachtete "Doppelbiographie Bettine Brentano und Achim von Arnim: Lehrjahre einer Liebe" (1999). Seit etwa zehn Jahren beschäftigt sie sich mit der Romantik, besonders ihrer Ehe- und Liebesauffassung, und mit Paarträumen. Sie selber ist eine Romantikerin und stellt das Zitat ihres Mannes Reinhard Baumgart vorneweg: "Was für mich das höchste Glück ist? Der Anfang einer Liebe, die Dauer einer Ehe."

AVIVA-Tipp: Das große Thema von Hildegard Baumgart ist die romantische Liebe. Exemplarisch stellt sie diese anhand von Bettine und Achim von Arnim dar. Das Interesse der akribischen Philologin gilt den literarischen Quellen und nicht der gegenwärtigen Geschlechterforschung oder der Psychohistorie. Eine sehr detaillierte und gut lesbare Biographie.

Hildegard Baumgart
Bettine und Achim von Arnim. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Ehe

Suhrkamp Verlag, erschienen am 07.03.2016
Fester Einband, 750 Seiten
32,00 Euro [D] / 32,90 Euro [A]
ISBN: 978-3-458-17661-9
www.suhrkamp.de

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Literatur Beitrag vom 27.04.2016 Yvonne de Andrés 

   




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