Shumona Sinha - Erschlagt die Armen! Assommons les pauvres! Paneldiskussion mit der Autorin am 09. Mai 2016 im Rahmen der Europäischen Schriftstellerkonferenz in der Akademie der Künste, Berlin - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 30.04.2016

Shumona Sinha - Erschlagt die Armen! Assommons les pauvres!
Kristina Tencic

Die in Kalkutta geborene und seit 2001 in Frankreich lebende kontrovers diskutierte Autorin trifft mit ihrem lyrischen Roman direkt ins Herz der gegenwärtigen Asyldebatte, und verschafft uns einen persönlichen Einblick...



... an die Front zwischen den verzweifelten AntragstellerInnen und den abgebrühten und oft inkompetenten Beamten, die quotenbasierte Bürokratie umsetzen.

Obgleich Shumona Sinhas Roman bereits vor vier Jahren in Frankreich erschien, ist er aktueller denn je. Sie erzählt darin von ihrer Zeit als Dolmetscherin in einer Asylbehörde und wie sie dazu kam, in einem Akt der inneren Verzweiflung einem Einwanderer in der Metro eine Weinflasche überzuschlagen.

"Wenn lieben verstehen heißt, wird Unverständnis schnell zu Hass."

Schonungslos und mit großen Emotionen zwischen Wut und Mitleid lässt sie uns eintauchen in ihren Alltag mit den Menschen, "die wie ungeliebte Quallen die Meere befallen und sich an fremde Ufer geworfen haben."

Da, wie sie beschreibt, Menschenrechte nicht das Recht enthalten, dem Elend zu entkommen, wird bei der Asylantragstellung bis zur Selbstunterwerfung gelogen und geheuchelt. Nur politisch und religiös Verfolgte haben das Recht auf Asyl und so erzählen sie ihre vorgefertigten, oft absurden Geschichten und den ÜbersetzerInnen wie Sinha, den "Sprachenturnern", bleibt nur die harte Wahl zwischen der Wahrheit oder der Mitverschwörung. "Die Märchen der menschlichen Zugvögel" lassen die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge, Antragsteller und Bearbeiter verschwimmen und die Zukunft des Asylbewerbers liegt in der Händen der Worte - und gerade dies treibt die Sprachenverliebte Sinha in den Wahnsinn:

"In meinen Augen rechtfertigte ihr Leid nicht ihre Ungeschicklichkeiten und ihre Lügen, ihre Aggressivität und ihre Mittelmäßigkeit."

Sie fühlt sich durch ihre Wortwahl und Unwahrheiten gar körperlich angegriffen und ihr Groll verfestigt sich nur noch durch den Sexismus, der ihr von Ihren Landsmännern entgegenschlägt, da sie sich mit einer arbeitstätigen Landsmännin, "Schwester", in der Asylbehörde konfrontiert sehen und nicht fassen können, wie eine Frau es wagt, sie zu befragen und der Lüge zu bezichtigen.

"Schleuser führten sie zum anderen Ufer. Ein schmieriges, armseliges Dschungelbuch voller Korruption. In jedem Hafen warteten entfernte Brüder auf sie, kassierten das Geld und setzten sie auf Boote, in Flugzeuge. Das Netz war fest geknüpft. Die Immigranten verfingen sich darin wie glänzende Fische, die von Markt zu Markt transportiert und verkauft werden. Sie sind die Sklaven des neuen Jahrhunderts."

AVIVA-Tipp: Wortgewaltig zieht Shumona Sina in ihrem Debutroman, der ihr wohlgemerkt eine Kündigung der Asylbehörde eingebracht hat, mit östlichen und westlichen Sprachbildern in eine poetische Schlacht, bei der es keine Gewinner gibt. Gerade weil sie sich als Schwester der Einwanderer fühlt, geht sie hart mit ihnen ins Gericht und sucht andererseits nach Erklärungen, wie es soweit kommen konnte, dass sich ihre Landsleute nun vor einer/m französischen BeamtIn erniedrigen.
Assommons les pauvres! – Erschlagt die Armen! überschrieb Charles Baudelaire 1865 ein Prosagedicht, in dem ein Mann einem Bettler auf den Kopf schlägt. Dass Shumona Sina zu solch einer drastischen Geste in ihrem dichten Erzählstrang greift, zeugt von der Ohnmacht einer Gesellschaft, die sich mit einem Phänomen konfrontiert sieht, dass sie weder zu greifen noch in die richtigen Bahnen zu lenken weiß.

Zur Autorin: Shumona Sinha geboren 1973 in Kalkutta, lebt seit 2001 in Paris. An der Sorbonne schloss sie ihren Magister in Literaturwissenschaft ab. Von 2001 bis 2008 arbeitete Sinha als Lehrerin für Englisch an weiterführenden Schulen; ab 2009 war sie als Dolmetscherin für Asylsuchende tätig. Nach der Veröffentlichung von "Erschlagt die Armen!" 2011 verlor sie ihre Arbeit bei der französischen Migrationsbehörde, jedoch wurde ihre Roman seither viel beachtet und erhielt mehrere Auszeichnungen. 2008 erschien ihr erster Roman Fenêtre sur l´Abîme.
Ende 2013 erschien ihr dritter Roman, "Calcutta", ebenfalls vielfach ausgezeichnet. Sie veröffentlichte mehrere Gedichtbände auf Französisch und Bengalisch.


Shumona Sinha
Erschlagt die Armen!

Originaltitel: Assommons les pauvres!
Edition Nautilus, 2015
Aus dem Französischen von Lena Müller
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 128 Seiten
ISBN: 978-3894018207
18 Euro
www.edition-nautilus.de



Literatur Beitrag vom 30.04.2016 Kristina Tencic 

   




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