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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 13.05.2016

Tanja Birkner - Halbe Stunde
Laura Seibert

Die Fotografin schafft eine alternative und respektvolle Sichtbarkeit für ein stark stigmatisiertes Tätigkeitsfeld: Ihr Fotobuch vereint Interviews mit Portraitaufnahmen von ProtagonistInnen der Hamburger Prostitutionsszene.



"Klischees und Mythen erschweren einen vorurteilsfreien Blick auf die Menschen, die in der Prostitution tätig sind." schreibt Tanja Birkner in der Einleitung. Dem setzt sie etwas entgegen, indem sie Menschen aus einem breitem Spektrum vorstellt, die aus verschiedensten Gründen in der Sexarbeit und deren Umfeld arbeiten.

2010 ging die Berliner Beratungsstelle für Prostitution Hydra e.V. von 400.000 Sexarbeiter*innen in Deutschland aus, welche die derzeit aktuellste Zahl darstellt, auch das BMFSFJ schreibt von der mangelnden Existenz eindeutiger Angaben.

Ein Blick ohne Vorurteile

Auf einem anderen Weg als über eine gesichtslose statistische Datenerhebung nähert sich die Fotografin Tanja Birkner dem Thema Prostitution. Bevorzugt fotografiert sie vor Ort, in Hamburg, wie auch in ihrer Reportage und Portraitreihe "Xpac", für die sie minderjährige Geflüchtete traf. Ihre Arbeiten orientieren sich stark an der Selbstwahrnehmung der Portraitierten. Aber auch die Atmosphäre und der urbane Kontext fließen in ihre Aufnahmen ein: In dem Buchprojekt "Kleine Freiheit" von 2011 dokumentieren ihre Fotografien das sich wandelnde Stadtbild der gleichnamigen Straße im bekannten Hamburger Viertel St. Pauli. Dabei verzichtet sie nicht auf einen künstlerischen Blickwinkel, der sich in fortgeführten Farbläufen sowie Detailansichten ausdrückt.
In ihrem neuen Fotobuch, erschienen im September 2015, portraitiert sie siebzehn Personen unterschiedlicher Geschlechter, Nationalitäten und Biographien, die in der Hamburger Prostitutionsszene in St. Georg tätig sind. Begleitend zu den Aufnahmen führte sie Interviews. Jede Person entschied dabei selbst über die Preisgabe der eigenen Identität. Wie in den vorhergehenden Projekten war auch in "Halbe Stunde" die Selbstwahrnehmung der Beteiligten wichtiger als eine Inszenierung durch die Fotografin, was dem Bildband Authentizität verleiht und die besondere Erzählqualität der Aufnahmen ausmacht. Ergänzt werden die Portraits durch Detailaufnahmen, Innenansichten und Panoramaaufnahmen des als Reportage angelegten Fotoprojekts.

St. Georg im Portrait

Voyeurismus findet in diesen Aufnahmen keinen Platz, das Portrait wird als sehr differenziertes Format eingesetzt. Die vor der Publikation des Buches an den Folgen einer HIV-Erkrankung verstorbene Mariam zum Beispiel ließ sich aus drei Perspektiven fotografieren, ohne ihr Gesicht zu zeigen, dabei sollten aber ihre Tätowierungen nicht verborgen bleiben. Über ihre Arbeit als Prostituierte sagte sie im Interview: "Ich such mir die Leute aus." Mariam ist nicht ihr richtiger Name, wie sie haben auch andere darauf verzichtet, ihren Klarnamen zu veröffentlichen.
Undine de Rivière, im klassischen Portrait abgelichtet, möchte alles andere als sich zu verbergen: Als Gründungsmitglied des Berufsverbandes erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V. ist sie bekannt für ihre öffentlich wirksame Arbeit gegen die Stigmatisierung von Sexarbeit. Gleichzeitig ist sie sich auch der Realität anderer Frauen bewusst: "Hier in St. Georg schaffen ganz viele Frauen an, die sonst keine andere Möglichkeit haben, Geld zu verdienen." Die aktuelle gesetzliche Lage zur Prostitution möchte sie nicht hinnehmen. Sie tritt ein für die Anerkennung von Sexarbeit auf gesellschaftlicher und politischer Ebene.
Eine Stimme bekommen auch Liliana und Mehmet Simsit, die Inhaber*innen des Hansa-Treffs, der 2009 entstand. "Wir haben Gäste von A bis Z: Schwule, Lesben, Türken, Kurden, Transsexuelle, Prostituierte. Das harmoniert, sie verstehen sich alle gut. Darauf achten wir sehr." Die ehemalige Teestube und jetzige Kneipe ist ein wichtiger Treffpunkt in der Szene, ihre Selbstbeschreibung als ehrenamtliche Sozialstation könnte nicht passender sein. Liliana war selbst Zwangsprostituierte. Heute ist sie ein Vorbild für andere, die sich lösen wollen.

Politische Entwicklungen

Das Projekt dokumentiert außerdem die angespannte Stimmung in St. Georg, verbunden mit der einsetzenden Gentrifizierung des Stadtteils, ausgelöst durch Polizeikontrollen, das Kontaktverbot und verhangene Bußgelder (meist 220 Euro). Für viele Sexarbeiter*innen bedeuten die ständigen Kontrollen und Razzien Stress, besonders wenn sie ihre Kunden auf der Straße treffen. Ablehnung erfahren sie auch durch die Anwohner*innen in St. Georg, die mit Eiern und Wasser werfen. Abschätzigkeit ist keine Seltenheit in den Begegnungen im Kiez.
Auf politischer Ebene war Prostitution in den letzten Monaten mehrfach Thema der Debatten: Das sogenannte Prostituiertenschutzgesetz wurde am 23. März 2016 vom Bundeskabinett beschlossen, das zur Regulierung des Prostitutionsgewerbes sowie zum Schutz von in der Prostitution tätigen Personen beitragen soll.
Kurze Zeit später, am 6. April diesen Jahres hat das Bundeskabinett den Entwurf des Bundesjustizministeriums zur Verbesserung der Bekämpfung des Menschenhandels beschlossen, nach dem Freier von Zwangsprostituierten mit einer Freiheitsstrafe rechnen müssen. AVIVA-Berlin berichtete dazu am 9. April 2016 und stellte die Kritik an der fehlenden Stärkung der Opferrechte seitens von Menschenrechts- und Frauenorganisationen dar.

AVIVA-Tipp: "Halbe Stunde" ist das Ergebnis einer intensiven Recherche der Fotografin Tanja Birkner, die mit ihrer sensiblen Portraitserie einen vorurteilslosen Blick auf die Prostitutionsszene in St. Georg gewähren will.

Zur Fotografin: Tanja Birkner, geboren 1971, ist Kulturwissenschaftlerin. Seit 1999 arbeitet sie in Hamburg als freie Fotografin und Dozentin. Ihre Projekte gelten Menschen und Orten, denen bisher eine größere mediale Sichtbarkeit verwehrt blieb. Sie arbeitet dafür mit Elementen der Reportage und Dokumentation und zeigt in ihren Aufnahmen die Blickwinkel der beteiligten Personen. Bisher realisierte sie folgende Projekte: "Seefahrerinnen der Gegenwart" (2000), "Mit und ohne Kopftuch" (2004), "Xpac" (2008), "Kleine Freiheit" (2011). Ihre Lehrtätigkeiten umfassen den Unterricht zu digitaler und analoger Fotografie an universitären Einrichtungen und in der Jugendbildung.
Mehr Informationen zu Tanja Birkner unter: tanjabirkner.de

Tanja Birkner
Halbe Stunde

Sieveking Verlag, erschienen 2015
160 Seiten, 75 Abbildungen, Broschur mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-944874-28-9 (Deutsch)
35,00 EUR
sieveking-verlag.de


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Statements zum neuen Gesetz zu Zwangsprostitution und Menschenhandel
Am 6. April 2016 hat das Bundeskabinett den Entwurf des Bundesjustizministeriums zur Verbesserung der Bekämpfung des Menschenhandels beschlossen. Freier von Zwangsprostituierten müssen demnach mit einer Freiheitsstrafe rechnen, doch Menschenrechtsorganisationen kritisieren die fehlende Umsetzung der Opferrechte.

Pieke Biermann - Wir sind Frauen wie andere auch! Prostituierte und ihre Kämpfe
Beruf Hure - Opfer oder DienstleisterInnen? Vor 30 Jahren meldeten sich erstmals die Betroffenen selbst zu Wort. Eine neue Debatte gegen Prostitution verleiht ihren Statements wieder Aktualität. (2014)

Gitta Seiler - über mädchen
"Mädchen am Scheideweg" ist das übergeordnete Thema des Bildbands der Fotografin Gitta Seiler, in dem sie einfühlsam und neutral zugleich die Herausforderungen dokumentiert, denen sich jungen Frauen in schwierigen Lebenssituationen stellen müssen. (2011)

Das Bessere Leben. Ein Film von Malgoska Szumowska
Juliette Binoche zeigt eine überragende schauspielerische Leistung als Journalistin, deren Sichtweise ins Wanken gerät. Ihre Recherchen zu Studentinnen, die sich prostituieren, führen sie zu zwei jungen Frauen die einen tiefen Eindruck bei ihr hinterlassen. (2012)

Five Sex Rooms und eine Küche
Eva C. Heldmanns Film dokumentiert den Arbeitsalltag in einer von Frauen betriebenen Bordellwohnung, in der die Prostituierten ihren Lebensunterhalt zwischen Küche und Sex Rooms bestreiten. (2008)

Silvia Kontos - Öffnung der Sperrbezirke - Zum Wandel von Theorien und Politik der Prostitution
Herrschaft und Lust sind die beiden stärksten Komponenten, die Prostitution vom Mittelalter bis heute prägten. Prostitution fand und findet noch immer in tabuisierten gesellschaftlichen Räumen statt. Silvia Kontos hat mit "Öffnung der Sperrbezirke" eine politische Geschichte der Prostitution verfasst und treibt darin gleichzeitig die aktuelle Debatte um Prostitution als "normalen Beruf" weiter an. (2010)

Quellen:
www.bmfsfj.de
Empirische Daten zu Prostitution in Deutschland auf der Seite des BMFSFJ
www.hydra-berlin.de


Literatur Beitrag vom 13.05.2016 AVIVA-Redaktion 

   




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