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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 15.05.2016

Gabriele Tergit - Käsebier erobert den Kurfürstendamm
Esther Schwarz

Als der Volkssänger Käsebier 1931 zum Megastar wird, ist Berlin ist eine aufregende und dynamische Stadt, eine Stadt vieler Kulturen und Identitäten. Der satirische Gesellschaftsroman der als Elise Hirschmann geborenen Schriftstellerin und Gerichtsreporterin erschien 1931...



... erstmals im Rowohlt Verlag. In den Folgejahren wurde das Werk über das Berlin der späten Weimarer Republik in verschiedensten Verlagen veröffentlicht, geriet schließlich in Vergessenheit, bevor er nun, im Frühjahr 2016, im Schöffling Verlag von Nicole Henneberg herausgegeben und mit einem Nachwort versehen wurde.

Gabriele Tergits öffentliche Kritik an der "Reklame" der Zeit

Die Stadt wächst rasant im Takt der Spekulanten. Die Zeitungsstadt lebt von schnellen Geschichten, Klatsch und Tratsch und von Sensationen. Je bunter und doller, umso besser:
"Je schlechter geschrieben die Zeitungen sind, hat neulich so ein Verlagshengst gesagt, umso mehr werden sie gekauft. Wozu Talent? Nicht-Talent mit etwas Sadismus gewürzt bringt viel mehr Geld ein."

Von Neukölln an den Ku´damm

Die Redakteurinnen und Redakteure der Blätter sind fieberhaft auf der Suche nach der sensationellsten Geschichte. Die Berichterstattungen über den Volkssänger Käsebier aus dem unglamourösen Neukölln schaffen es auf die Titelseiten und so auch an den Ku´damm. Nach dem ersten Artikel wendet sich Georg Käsebier überschwenglich an die Redaktion: "Geehrte Herr, wie soll ich Ihnen je danken, daß Sie mich derart lobend erwähnt haben. Ich schicke Ihnen einen Paßpartu für alle Aufführungen, meine Frau dankt auch." Er wird zur großen Entdeckung aufgeblasen. Ein kometenhafter Aufstieg scheint zu gelingen. Seine harmlos-schmalzigen Songs betören die ganze Stadt. Ein wahnsinniges Merchandising treibt bizarre Blüten: von Schuhen Marke Käsebier bis zu Käsebier-Gummipuppen "für die Kleinen, damit sie lachen und nicht weinen".
An diesen Erfolg möchten sich viele hängen und ihr eigenes Profitsüppchen dabei schlürfen.

"Aber wenn man vorwärts kommen will, dann gibt´s nur den Westen. Den Zug nach dem Westen. ´Das Mädchen aus dem goldenen Westen´ gibt´s ne Operette. Sehen Sie, wenn Sie ein Theater am Kurfürstendamm haben, sind Sie ein gemachter Mann. […] Stellen Sie sich vor, Sie haben ein Theater am Kurfürstendamm ´Käsebiers Gute Stube´ oder ´Käsebiers Sommergarten´. Das ist richtig. Rokoko ist abgemeldet. Knif. Kommt nicht in Frage."

Käsebier selbst bleibt dabei bis zum Schluss konturlos und ist vielleicht mit den heutigen kurz aufsteigenden und wieder versinkenden Stars und Sternchen der Castingshows zu vergleichen. Eben ein kurzfristiges Phänomen. Bald ist er dann auch wieder out und vergessen, und das Leben geht weiter.

Ein weiterer wichtiger Protagonist dieses Romans ist Berlin. Ein laut schwirrender Bienenkorb. Die Arbeit in den Redaktionen der Zeitungen wird von der Autorin äußerst atmosphärisch als Mikrokosmos gezeichnet "Was soll ich bloß morgen an die Spitze bringen?"
Die LeserInnen erfahren so, wie der damalige Berliner Zeitungsmarkt aussah oder was eine gute Story ausmacht. Der Journalist Frächter, Käsebiers Entdecker und späterer "Retter" des dahinsiechenden "Abendblatts", hat sich fürstlich entlohnen lassen, bevor er am Ende geschasst wird. Die Zeitungsredaktion bildet auf einer zweiten Ebene das Spiegelbild der Stadt ab. Immobilienmakler und Spekulanten, Bankiers und Anwälte zeigen uns eine amoralische Stadt ohne Gewissen, in der nur der Profit zählt. Die kapitalistische Enthemmung frönt fröhliche Urstände. Bis irgendwann die Blase platzt.

Faszinierend sind auch die authentischen Schilderungen der Autorin über das Berliner Nachtleben. In Varietés, Kabaretts und Theatern herrscht Bombenstimmung. Käsebier gastiert im Wintergarten und singt freundlich seine Lieder. Er will nur unterhalten. "Ich tanz Charleston, du tanzt Charleston, er tanzt Charleston und was tun Sie?" Und die gelangweilten Erlebnishungrigen der guten Gesellschaft pilgern scharenweise zu ihm.

Die Schriftstellerin und Gerichtsreporterin Gabriele Tergit bringt ihre Sozialkritik vor allem an in ihren präzisen Betrachtungen des Molochs Berlin und seiner skrupellosen Geschäftemacher, aber auch in ihrer Beschreibung des aufkommenden Antisemitismus.
Bemerkenswert ist ihre genaue Beobachtung der Rolle der Frauen dieser Zeit: Sie portraitiert vor allem die "Neue Frau" zu denen sie bis zu ihrer erzwungenen Flucht aus Deutschland ebenfalls zählte.

Zur Autorin: Gabriele Tergit ist ein Pseudonym für Elise Reifenberg, die am 4. März 1894 in Berlin als Elise Hirschmann geboren wird. Ihr Vater ist jüdischer Fabrikant, die Mutter, Nicht-Jüdin, Frieda Hirschmann, geborene Ullmann, ist gemeinsam mit dem Vater in der Posamentenbranche tätig.
Elise, die sozial engagiert ist, besucht gegen den Willen des Vaters die "Soziale Frauenschule" von Alice Salomon. 1919 folgt die Aufnahme des Studiums der Geschichte, Soziologie und Philosophie, sie will unbedingt Journalistin werden. Auch dies missfällt ihrer Familie. Ab 1915 erfolgt die Veröffentlichung erster Feuilletons und Reportagen in Zeitungen, anfänglich in der "Vossische Zeitung", dem "Berliner Börsen-Courier", der antifaschistischen "Weltbühne" und später im "Berliner Tagblatt". Ihren ersten Zeitungsartikel widmet Gabriele Tergit Frauenproblemen im Krieg, sie publiziert auch zum Thema "Frauendienstjahr und Berufsbildung". Als Schriftstellerin wird sie durch den Roman "Käsebier erobert den Kurfürstendamm" (1931) bekannt. Als Gerichtsreporterin verfolgt und berichtet sie auch 1932 einen Gerichtsprozess gegen Hitler, der wegen eines Pressevergehens vorgeladen war. Dadurch gerät sie in das Visier der Nazis gerät, die 1933 durch die SA ihre Wohnung stürmt und sie verschleppen will. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Architekten Heinz Reifenberg, flüchtet sie über Prag, 1933 nach Palästina und 1938 nach London. Nach dem Ende der Nazi-Diktatur ist sie nochmals als Gerichtsreporterin tätig und verfolgt politische Prozesse, darunter den Veit-Harlan-Prozess in Hamburg, nach dessen Freispruch sie ihre Arbeit als Gerichtsreporterin desillusioniert aufgibt. Tergit fragte sich: "Kann man eine Zivilisation so neu anfangen? Indem man weitermacht, als wäre nichts geschehen?"
Symptomatisch für das Desinteresse der Deutschen am Schicksal der Juden ist auch der ausbleibende Erfolg des zweiten Romans von Gabriele-Tergit, "Effingers", den sie 1931 begonnen hatte und der erst 1951 erscheinen konnte. Der Roman beschreibt das Schicksal einer jüdischen Familie in Berlin von 1878 bis 1948.
Gabriele-Tergit starb am 25. Juli 1982 in London, wo sie von 1957 bis 1981 als Sekretärin des PEN-Zentrums tätig war. In ihrer 1983 posthum erschienenen Autobiographie "Etwas Seltenes überhaupt" schildert sie die Zeit des Schreibens als die glücklichste ihres Lebens. Nach der Gerichtsreporterin und Schriftstellerin wurde in Berlin die Gabriele-Tergit-Promenade benannt.

AVIVA-Tipp: Endlich ist dieser mitreißende Berlin-Roman wieder lieferbar. Es war der erste Roman der Gerichtsreporterin Gabriele Tergit, die mit Unterbrechungen in knapp vier Wochen die Geschichte zu Papier gebracht hatte. Ihr im November 1931 bei Rowohlt erschienener Debütroman wurde ein Bestseller. Das besondere Vergnügen dieses Romans ist die leichte, witzige und pointierte Sprache, in der von Aufstieg und Fall des Volkssängers Georg Käsebier ebenso wie von der erlebnishungrigen Berliner Gesellschaft, den skrupellosen Geschäftemachern und gewissenlosen Boulevard-Journalisten und deren Revolverblättern ebenso wie in scharf gesetzten Worten vom aufkommenden Nationalsozialismus berichtet wird. Gabriele Tergit steht damit in einer Riege u.a. mit Irmgart Keun, Vicky Baum, Siegfried Kracauer, Hans Fallada, Lili Grün und Mascha Kaleko. Diese SchriftstellerInnen haben das Berlin der 30er Jahre besonders gut abgebildet.

Gabriele Tergit
Käsebier erobert den Kurfürstendamm

Herausgegeben und mit einem Nachwort von Nicole Henneberg
Schöffling Verlag, erschienen am 07.03.2016
Fester Einband, Lesebändchen, 400 Seiten
24,95 Euro [D] / 25,70 Euro [A]
ISBN: 978-3-89561-484-2
www.schoeffling.de


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Literatur Beitrag vom 15.05.2016 AVIVA-Redaktion 

   




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