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AVIVA-BERLIN.de im September 2017 - Beitrag vom 15.05.2016

Elizabeth Kolbert - Das 6. Sterben. Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt
B├Ąrbel Gerdes

Eisb├Ąren, Elefanten, Gro├čer Panda, die Kegelrobbe, Menschenaffen, Nash├Ârner, Tiger, L├Âwen ... dies sind nur einige der S├Ąugetiere, die gegenw├Ąrtig vom Aussterben bedroht sind. Laut WWF gelten zurzeit 22.413 Arten auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN) als gef├Ąhrdet.



Gegenw├Ąrtig gibt es etwa 5500 S├Ąugetierarten auf der Welt. W├╝rde die nat├╝rliche Aussterberate zugrunde gelegt, w├╝rde etwa alle 700 Jahre eine Spezies verschwinden. Dies wird Hintergrundaussterben genannt: seltener als neue Spezies entsteht, stirbt eine Art aus.
Jedes Jahr aber sterben mehrere tausend Arten aus: Insekten, Amphibien, S├Ąugetiere, V├Âgel, Fische, aber auch Hunderte von Pflanzenarten.
Darauf aufmerksam werden wir dann, wenn Zeitungen die Fotos verendeter Tiere zeigen oder wenn, wie Ende April 2016 in Kenia geschehen, die Regierung tonnenweise Elfenbein ├Âffentlich verbrennt, um ein Zeichen gegen Elefanten- und Rhinozeroswilderei zu setzen. Betrug der Bestand der Elefanten in der ersten H├Ąlfte des 20. Jahrhunderts noch mehrere Millionen, so ist er jetzt auf gerade einmal eine halbe Million zur├╝ckgegangen.

Amphibien geh├Âren zu den ├ťberlebensk├╝nstlerinnen auf der Erde. Bereits vor 400 Millionen Jahren krochen die Vorfahren unserer Fr├Âsche aus dem Wasser. Etwa alle tausend Jahre stirbt eine Amphibienart aus, so dass es h├Âchst unwahrscheinlich ist, dass ein Mensch Zeugin dieses Ereignisses wird. Heutige Amphibienforscher_innen aber wurden bereits Zeug_innen des Aussterbens mehrerer Amphibienarten.

Die amerikanische Wissenschaftsjournalistin Elizabeth Kolbert hat sich in ihrem preisgekr├Ânten Buch Das 6. Sterben mit diesem Massenph├Ąnomen auseinandergesetzt. In der Geschichte gab es bislang f├╝nf solcher Ereignisse, wobei das letzte 65 Millionen Jahre zur├╝ckliegt. Ein Asteroid war auf der Erde eingeschlagen, worauf das Aussterben der Dinosaurier folgte.

Das sechste gro├če Massenaussterben aber findet gegenw├Ąrtig statt und ist vom Menschen gemacht. Umweltverschmutzung und die daraus resultierende Klimaver├Ąnderung, der Verlust des Lebensraumes, Verdr├Ąngung heimischer Arten durch eingeschleppte Arten und weitere direkte Eingriffe des Menschen sorgen daf├╝r, dass "signifikante Anteil[e] der Lebewesen auf der Welt in einem geologisch unbedeutenden Zeitraum" eliminiert werden.

Im ersten Teil des Buches stellt Kolbert die spannende Geschichte der Entdeckung von Aussterbeph├Ąnomen dar. Zu unvorstellbar war es, dass Arten tats├Ąchlich verschwinden k├Ânnten, noch unvorstellbarer, dass Menschen die Ursache daf├╝r sein k├Ânnten. Dabei haben bereits Seem├Ąnner im 19. Jahrhundert den Riesenalk auf den Inseln des Nordatlantiks ausgerottet.

Im zweiten Teil widmet sich Kolbert, die fr├╝her f├╝r die New York Times arbeitete und heute Redakteurin des New Yorker ist, der Gegenwart, und die ist vernichtend. Das Korallensterben aufgrund der Versauerung der Meere, die wiederum das Ergebnis des massiven Aussto├čes von Kohlendioxid ist, ist nur eines der drastischen Beispiele f├╝r den Eingriff des Menschen in die Natur. Es gibt kaum noch naturbelassene Gebiete auf der Welt, denn die Globalisierung zahlt ihren Tribut unter anderem durch das Einschleppen fremder Arten, die die heimische Flora und Fauna zerst├Âren.

Das alles liest sich spannend wie ein Krimi und wohlverdient ist der Pulitzerpreis, den die Autorin f├╝r dieses Werk erhalten hat. Es liest sich aber auch ├Ąu├čerst resignierend. Sehr deutlich wird, dass nur ein radikaler, also ein an der Wurzel anpackender Wandel sowohl ├Âkologischer, aber auch ├Âkonomischer Faktoren noch irgendeine Ver├Ąnderung bringen k├Ânnte.
Der niederl├Ąndische Meteorologe Paul Crutzen schlug im Jahre 2000 vor den jetzigen Zeitabschnitt der Erdgeschichte nicht l├Ąnger als Holoz├Ąn, sondern als Anthropoz├Ąn zu bezeichnen. Das kommt aus dem Altgriechischen: "Das menschlich gemachte Neue."

AVIVA-Tipp: Das 6. Sterben zeigt drastisch, ohne populistisch zu sein, wie sehr der Mensch die Umwelt vernichtet ÔÇô eines der wichtigsten B├╝cher zu diesem Thema.

Zur Autorin: Elizabeth Kolbert 1961 in New York City geboren, studierte Literatur an der Yale University und in Hamburg. Von dort aus leistete sie Zuarbeit f├╝r Artikel der New York Times und wurde dort 1992 politische Reporterin. Zudem arbeitete sie f├╝r das Times Magazine. Seit 1999 arbeitet sie als Redakteurin des New Yorker. 2006 erschien ihr Buch "The Climate of Man", das von der Erderw├Ąrmung handelt. Das 6. Sterben wurde 2015 als "Wissensbuch des Jahres", sowie mit dem Los Angeles Times Book Prize in der Kategorie "Science and Technology" ausgezeichnet, war Bestseller der New York Times und wurde 2015 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Die j├╝disch-amerikanische Schriftstellerin ver├Âffentlicht auch im Jewish Currents. Lesenswert ist hier auch ihr Beitrag "The Last Trial" ├╝ber Oskar Gr├Âning, den letzten Buchalter in Auschwitz, erschienen im Februar 2016 im New Yorker.
Mehr Infos zu Elizabeth Kolbert unter: elizabethkolbert.com, www.newyorker.com und jewishcurrents.org

Zur ├ťbersetzerin: Ulrike Bischoff ├╝bersetzt aus dem Englischen (u.a. "Das 6. Sterben. Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt" von Elizabeth Kolbert sowie aus dem Franz├Âsischen (u.a. "Steueroasen - Wo der Wohlstand der Nationen versteckt wird" von Gabriel Zucman) und ist auch als Dolmetscherin t├Ątig.

Elizabeth Kolbert
Das 6. Sterben. Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt

Originaltitel: The Sixth Extintion. An Unnatural History
Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff
Suhrkamp Verlag, erschienen am 31.3.2015
Gebunden, 312 S.; auch als E-Book erh├Ąltlich
ISBN 978-3-518-42481-0
24.95 Euro

Elizabeth Kolbert
Das 6. Sterben. Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt

Gepl. Erscheinen: 11.07.2016
suhrkamp taschenbuch 4687
Broschur, 300 Seiten
ISBN: 978-3-518-46687-2
12.00 Euro

Mehr Infos zum Buch und zur Autorin unter:

www.suhrkamp.de

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Literatur Beitrag vom 15.05.2016 B├Ąrbel Gerdes 

   




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