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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 17.07.2016

Gila Lustiger - Erschütterung. Über den Terror
Kristina Tencic

Leider wieder hochaktuell ist Gila Lustigers wegweisendes Essay über den Terror in Frankreich. Erst im Juni 2016 wurde die in Paris lebende deutsch-jüdische Autorin für ihr "widerständiges Erzählen im Sinne von Freiheit und Humanität" mit dem Jakob-Wassermann-Literaturpreis...



... der Stadt Fürth ausgezeichnet.

Als "Nachrichtensüchtig" hat sich Gila Lustiger bezeichnet, als sie nach den Terroranschlägen vom 13. November 2015 nicht aufhören konnte, der Berichterstattung zu folgen, immer noch mehr neue Fakten, oder auch nur Vermutungen, in sich einzusaugen und irgendwie zu verstehen versuchen, was hier mitten im ´friedlichen´ Europa vor sich geht. Auch dieser Tage nach dem Massaker in Nizza folgen wir alle dem Nachrichtenfluss, erstarrt, ungläubig und machtlos, da sich hier jemand der banalsten Waffe bedient hat, einem LkW, um Leid in die Welt zu tragen.

An einem Punkt jedoch hat sich Gila Lustiger gebremst und in ihrer analytischen Manier gefragt, was hier eigentlich vor sich geht. Sie hat angefangen, einen Essay mit Fragen zu schreiben, statt den journalistisch und politisch vorgefertigten Antworten zu folgen. In "Erschütterung" blickt sie auf diese französische Gesellschaft, der sie als Deutsche und Jüdin seit 1987 angehört, und was sie sieht, macht nicht gerade Hoffnung.

Sie geht einen Schritt zurück in der jüngsten Geschichte, nämlich zu den vielleicht im Nachhinein zu wenig beachteten Jugendkrawallen im Jahre 2005, die Sarkozy zum politischen Aufstieg verhalfen, und schaut genauer hin. Jugendliche rebellierten, setzten 10.000 Autos in Brand, 230 Schulen, Rathäuser, Polizeiwachen, Bibliotheken - Bibliotheken?

"Wieso gab keiner auch nur zu bedenken, dass man dort, wo man Bücher verbrannte, bald auch ihre Autoren ahnden würde?" (Was ja am 7. Januar 2015 mit dem Anschlag auf Charlie Hebdo leider auch so geschah.)

"Damals fragten sich alle Kommentatoren schockiert, ob sich solche Ausbrüche von Gewalt wiederholen könnten. Dass sich zehn Jahre später ein 29-jähriger Franzose mit algerischen Wurzeln aus dem Pariser Vorort Courcouronnes, ein 28-jähriger Busfahrer aus dem Pariser Vorort Drancy und ein 23-jähriger Dschihadist aus Straßburg in einer Konzerthalle in Paris in die Luft sprengen würden, vermuteten jedoch wohl nicht einmal die Pessimisten unter ihnen."

Gila Lustiger versetzt sich in die Köpfe der Jugendlichen, geht den Fragen nach dem Warum der Krawalle und Anschläge nach und kommt zu keinen leichtfertigen Denkansätzen. Denn über Jahre hinweg hat es sich die Politik (und somit auch die Gesellschaft) zu leicht gemacht mit den Banlieusards, den in die Vororte abgestoßenen Einwanderern und deren Kindern und Kindeskindern. Sie wurden "gefördert aber nicht gefordert" und so sehr räumlich und infolgedessen sozial ausgegrenzt, dass selbst die Rebellion nicht im Stadtzentrum stattfand, sondern ohne Anführer und ohne politisches Sprachrohr in der Banlieu. Langeweile und Arbeitslosigkeit herrschen vor in diesen Plattenbauten, die "für Arbeiter und nicht für Arbeitslose" geschaffen wurden.

"Dass diese islamistische Ideologie absoluten Gehorsam von ihnen verlangte und ihren Alltag bis ins kleinste Detail bestimmte, machte sie für die Jugendlichen, die sich meist selbst überlassen waren, nur noch reizvoller, befreite es sie doch endlich nicht nur von der Qual, täglich selbst entscheiden zu müssen, sondern entband sie auch von jeglicher Verantwortung für ihr Tun."

Das Gefühl der Demütigung ist für Gila Lustiger von zentraler Bedeutung. Die Jugendlichen fühlen sich Lustiger zufolge gedemütigt von den Behörden, von allem was sie mit dem Staat, also auch Schulen und Bibliotheken, und mit Reichtum verbinden - also auch klischeegemäß Juden. Sie wissen ihre Wut und Resignation nicht anders auszudrücken, als Kawumm in jedweder Hinsicht zu machen.

Und auch eine weitere wichtige Frage, wichtig auch jetzt im Zusammenhang mit dem Anschlag am Nationalfeiertag Frankreichs, stellt Gila Lustiger: Wäre es anders verlaufen, wenn man ihnen nicht die drei Grundwerte Frankreichs eingebläut hätte? Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit für alle - oder eben nur für fast alle?

AVIVA-Tipp: "Denken ohne Geländer" hat Hannah Arendt ihrerseits das bezeichnet, was auch Gila Lustiger hier eindrucksvoll betreibt. Fragen zu stellen statt vorgefertigten Antworten zu folgen ist vielleicht die mühseligere und zeitintensivere (Denk-)Tätigkeit, doch Kawumm mit Kawumm zu beantworten, hat sich noch in den seltensten Fällen als gute Lösung erwiesen. Das Gefühl der Demütigung eines Individuums kann wohl kaum mit Gewalt bezwingen werden, sondern langfristig nur mit einem offenen Herzen, Verständnis und einer Forder- statt Förderpolitik.

Zur Autorin: Gila Lustiger wurde 1963 in Frankfurt am Main geboren. Sie ist die Tochter des Historikers Arno Lustiger, der als Jude in Polen in der NS-Zeit mit seiner Familie in KZs und Arbeitslager kam und schließlich auf einem Todesmarsch entfliehen konnte. An der Hebräischen Universität in Jerusalem studierte sie Germanistik und Komparatistik, bevor sie 1987 nach Paris ging, wo sie bis heute als freie Autorin lebt. Ihr erster Roman "Die Bestandsaufnahme" erschien 1995, dann 1997 "Aus einer schönen Welt". Ihr Familienroman "So sind wir" war 2005 für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert. 2011 erschien "Woran denkst du jetzt" und im Frühjahr 2015 ihr großer französischer Gesellschaftsroman "Die Schuld der anderen", der wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste stand.

Gila Lustiger
Erschütterung
Über den Terror

Berlin Verlag, erschienen 01.03.2016
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 160 Seiten
ISBN: 978-3-8270-1332-3
16 Euro
www.berlinverlag.de


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Gila Lustiger - Die Schuld der anderen
Die in Paris lebende Schriftstellerin legt nach ihren Romanen "So sind wir" und zuletzt "Woran denkst Du jetzt" nun einen spannenden kriminalistischen Gesellschaftsroman vor. Korruption, Gewalt und Vertuschung in den gesellschaftlichen Verhältnissen ihrer Wahlheimat Frankreich sind die großen Themen, zu denen ihr Protagonist im inneren Dialog reflektiert. (2015)

"Herr Grinberg und Co", Gila Lustiger (2008), Berlin Verlag
Ein verschrobener alter Mann, einige wilde heranwachsende Kinder, deren Träume, Phantastereien und Ängste thematisiert die begabte Autorin Gila Lustiger in diesem Konzept. Für Kinder und Erwachsene.

"So sind wir", Gila Lustiger (2005), Berlin Verlag
Gila Lustigers dritter Roman ist ein Roman der autobiografischen Suche. Inspiriert von Fotos und Gegenständen erinnert sie sich an Eltern, Großeltern, Verwandte und deren Geheimnisse.

"Aus einer Schönen Welt", Gila Lustiger (2006), Aufbau-Verlag
Eine unterforderte Hausfrau kurz vor dem Zusammenbruch aus Langeweile: In Gila Lustigers "Aus einer Schönen Welt" ist der freie Nachmittag der Feind und die Shoppingmall der einzig friedliche Ort.

"Mein weisser Frieden" ein Roman von Marica Bodrozic
Mit ihrem dritten Buch bestätigt Marica Bodrozic, dass sie eine ausgezeichnete Beobachterin ist, die sich keinem literarischem Genre beugen muss. Sie nimmt uns mit auf ihre tiefgründige Suche nach dem Verstehen des Unverständlichen: Der Conditio Humana, uns selbst und dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien. (2015)





Literatur Beitrag vom 17.07.2016 Kristina Tencic 

   




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