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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 07.08.2016

Rose Tremain - Und damit fing es an
Hai-Hsin Lu, Sharon Adler

In ihrem neuen Roman skizziert die renommierte britische Schriftstellerin ein Portrait komplexer Beziehungen von Gustav Perle zu seiner Mutter Emilie und seinem jüdischen Kindheitsfreund Anton Zwiebel über den Zeitraum von fünfundsechzig Jahren.



Die Schweiz ist nach dem Zweiten Weltkrieg von dem Grauen der Zerstörungen und den mörderischen Verfolgungen unberührt. Dennoch leben Gustav Perle und seine Mutter Emilie in Armut: An den Samstagen putzen sie die Kirche und oft gibt es als warme Mahlzeit nur Suppe. Emilie ist eine verbitterte Frau die kaum lächelt und ihren Sohn zur Selbstbeherrschung erzieht. Sie spricht stets von seinem verstorbenen Vater als Helden, der sich für "die Juden" geopfert hätte.

Familienbilder

Als Gustav in der Schule einen neuen, aus Bern zugezogenen Schüler kennenlernt, ist er von dessen kultivierter Familie fasziniert: Anton Zwiebels Vater ist Bankier, seine Mutter eine liebevolle Frau und die Wohnung mit dem eleganten Flügel strahlt Wärme aus. Von seiner Mutter erfährt Gustav, dass Familie Zwiebel zu "den Juden" gehört. Tremain setzt als Gegenstück zu dem kalten, lieblosen Zuhause der Perles das Leben der Familie Zwiebel, die einen innigen Umgang miteinander hat.
Das gute Leben der Zwiebels weckt Emilies Neid und schürt ihr rassistisches Denken. Zwar äußert sie sich nie offen negativ über die Familie Zwiebel, doch ihre kalten Anmerkungen über "die Juden", die ihr "wohlbetuchtes" Leben führen, lassen ihre antisemitische Haltung deutlich werden. Leider bedient auch Tremain hier das klischeebesetzte Bild einer wohlhabenden großbürgerlichen jüdischen Familie, eines der weitest verbreiteten antisemitischen Stereotype.

Willige Vollstrecker versus Stille Helfer

Im zweiten Teil des Buches versetzt Tremain die Leser_innen zurück in das Jahr 1937 – Emilie, damals ein junges Mädchen, arbeitet als Dienstmagd und sehnt sich nach einem besseren Leben. Dann lernt sie den stellvertretenden Polizeichef ihrer Kleinstadt kennen: Erich Perle ist ein gutaussehender Mann, der für Emilie wie aus einem Traum wirkt. Ihre glückliche Ehe wird jedoch bald von der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland überschattet. Tausende jüdische Flüchtlinge überqueren die Grenze in die sichere Schweiz und Erich muss sich einem Dilemma stellen, das ihn und seine Ehe zerrütten wird: Als die Schweiz ihre Grenzen für Juden aus Deutschland und Österreich schließt, fälscht Erich Papiere, um die Menschen zu retten. Dafür wird er aus seinem Amt unehrenhaft entlassen und das Leben, das sich die junge Emilie so sehr erhofft hat, ist zerstört.

Tremain geht auf die zutiefst problematische Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg ein, indem sie mit Erich einen Charakter zwischen staatlich sanktioniertem Antisemitismus und persönlichen Moralvorstellungen entwirft. Somit stößt sie bei den Leser_innen indirekt einen Denkprozess über das als "neutral" betitelte Land an: Die Schweiz, sowie die meisten anderen europäischen Länder, verwehrten den jüdischen Flüchtlingen ihre Hilfe, indem sie in der ersten Hälfte des Zweiten Weltkriegs strikte Einwanderungsgesetze einführten. Somit haben sie sich einer Komplizenschaft am Genozid der Juden Europas schuldig gemacht.

Emilie kann jedoch nicht über ihren persönlichen Verlust hinwegsehen. Angesichts ihrer Armut entbrennt ein irrationaler Hass auf alle Menschen, die sie als jüdisch zu erkennen meint. Tremain gibt den Leser_innen Einblick in Emilies kaputte Gedankenwelt, etwa als diese vor einem jüdischen Laden steht: "Sie möchte in das Geschäft gehen und ihm erklären: Ihretwegen habe ich alles verloren. Ich möchte, dass Sie das wissen. Ich hatte ein wunderschönes Leben, und jetzt führe ich ein Leben in Armut und Elend – nur Ihretwegen."

Schuld und Verständnis

Der dritte Teil des Buches spielt in den 1990er Jahren. Gustav und Anton sind inzwischen über fünfzig. Sie sind sich als Freunde treu geblieben und leben immer noch am selben Ort. Emilie ist längst tot, doch die Erinnerung an sie quält Gustav nach wie vor – er möchte erfahren, warum seine Mutter so unglücklich war, warum sie ihn nicht lieben konnte. Bemerkenswerterweise lässt Tremain Gustav auf einen alten englischen Herrn treffen, der ihm von der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen Belsen erzählt. So schließt sich der Bogen zu Emilies permanenten Hasstiraden auf "die Juden". Tremain entlarvt sie somit endgültig als Antisemitin.

"Wir müssen die Menschen werden, die wir schon immer hätten sein sollen."

Gleichzeitig ist Anton, dessen Karriere als Konzertpianist früh scheiterte, zutiefst unzufrieden mit seinem provinziellen Leben. Als er nach Genf zieht und eine Beziehung mit einem Mann eingeht, ist Gustav am Boden zerstört. Ihr inniges, brüderliches Verhältnis verändert sich: In ihrem Lebensherbst finden die zwei Freunde endlich als Liebende zueinander.

In ihrem episch anmutenden Werk behandelt Rose Tremain zahlreiche Themen, darunter Altern, Homosexualität, Armut, und Antisemitismus. Ihre Sprache vermittelt warme Zuneigung, jugendliche Verwirrung und kalte Ablehnung mit einer bildlichen Prägnanz, die den Leser_innen lange im Gedächtnis nachhallen wird. "Und damit fing es an" wird eines der großen Bücher des Jahres sein.

AVIVA-Tipp: Ob es die Beziehung zwischen Mutter und Sohn ist, das Verhältnis zwischen zwei alten Freunden, oder der Hass einer einzelnen auf eine ganze Bevölkerungsgruppe – Rose Tremain gelingt es, Menschen realistisch und zugleich poetisch zu beschreiben.

Zur Autorin: Rose Tremain, geboren 1943 in London, ist die Autorin zahlreicher Romane, darunter "Die Verwandlung der Mary Ward" (2014) und "Zeit der Sinnlichkeit" (1989). Letzterer wurde 1995 verfilmt. Sie studierte Anglistik an der Pariser Sorbonne, und an der University of East Anglia und lehrte an letzterer zwischen 1988 und 1995 kreatives Schreiben. 2013 wurde sie zur Universitätskanzlerin ernannt. Sie erhielt für ihr Schaffen zahlreiche Preise, unter anderem dem "Sunday Express book of the Year Award" (1989) für "Zeit der Sinnlichkeit", dem französischen "Prix Femina Etranger" (1994) für "Die Verwandlung der Mary Ward", dem "Whitbread Novel of the Year Award" für "Melodie der Stille" (1999) und dem "Orange Prize for Fiction" (2008) für "Der weite Weg nach Hause".
Für "Und damit fing es an" hat sich Rose Tremain auf Fakten des Buches "Switzerland Unwrapped: Exposing the Myths" von Mitya News gestützt, das die Geschichte von Paul Grüninger erzählt, der 1938 Polizeihauptmann des Kantons St. Gallen war.
Mehr Infos zur Autorin unter: www.rosetremain.co.uk

Rose Tremain
Und damit fing es an

Originaltitel: The Gustav Sonata
Übersetzt von Christel Dormagen
Insel Verlag bei Suhrkamp, erschienen: 6. August 2016
Gebunden, 331 Seiten
ISBN 978-3-458-17684-8
22,00 Euro
Auch als E-Book erhältlich
Mehr Infos zum Buch unter: www.suhrkamp.de

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Literatur Beitrag vom 07.08.2016 AVIVA-Redaktion 

   




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