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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 17.12.2016

Marina Abramović - Durch Mauern gehen. Autobiographie
Sharon Adler

Zu ihrem 70. Geburtstag am 30. November 2016 erzählt die Künstlerin, die in ihren Performances oft schweigt, nun selbst davon, wie sie zu der wurde, die sie ist. Der Untertitel der Originalausgabe "Walk Through Walls: Becoming Marina Abramović" impliziert, wie intensiv...



... Abramović selbst den Mythos um ihre Person zementiert hat.


Furchtlos, revolutionär, kontrovers, brillant, verstörend, kongenial, charismatisch, radikal, … die Liste der Adjektive und Attribute, mit denen die Künstlerin in Verbindung gebracht wird, ließe sich endlos fortsetzen.
Marina Abramović polarisiert wie kaum eine andere zeitgenössische Künstlerin, sie fasziniert, übt aber gleichzeitig mit ihren öffentlichen Performances und Installationen auch beinahe körperliche Abwehrreaktionen aus. Kalt lässt sie niemanden. Vieles ist über sie schon geschrieben und gesagt worden. Hier nun aber schreibt sie selbst.

Nichts beschönigend erzählt sie von ihrer Kindheit im kommunistischen Jugoslawien, die trostlos war und geprägt von der Lieblosigkeit und gewalttätigen Übergriffe durch die strenge Mutter. Abramović empfand sich selbst als hässlich, wertlos, und wurde von ihren MitschülerInnen wegen ihrer Körpergröße und Magerkeit "die Giraffe" genannt. Sie lässt uns in ihrer Autobiographie teilhaben an den psychischen und physischen Verletzungen ebenso wie an den Erfolgen, die hart erarbeitet sind und die Künstlerin streckenweise an den Rand des Belast- und Ertragbaren gebracht haben.

Sie hat die Grenzen der Kunst gesprengt: sich gepeitscht, mit einer Glasscherbe ein Pentagramm in den Bauch geritzt, ein Messer in die Finger gerammt. Sie ist 2500 Kilometer, 90 Tage lang nonstop auf der Chinesischen Mauer gelaufen ("The Great Wall Walk"), zwölf Jahre mittellos in einem umgebauten Citroën-Bus durch die Welt gefahren und hat ein Jahr bei den Aborigines in Australien gelebt. Spätestens seit "The Artist is Present" – ihrer berühmten Performance 2010 im New Yorker Museum of Modern Art - gilt Marina Abramović in der ganzen Welt als Kultfigur. Sie selbst beschrieb die Erfahrung in der MoMA als grenzwertig: "The hardest thing is to do something which is close to nothing, because it´s demanding all of you."
Robert Redford schwärmt für sie genauso wie Lady Gaga. Vom "Time Magazine" wurde sie zu den 100 wichtigsten Menschen des Jahres 2014 gewählt.

In ihren Memoiren blickt Abramović auch zurück auf die symbiotische zwölfjährige Beziehung zu ihrem künstlerischen Gegenstück Ulay und den rasanten Aufschwung, den ihre Kunst nach der schmerzlichen Trennung von ihm erfuhr. Neben den detaillierten Beschreibungen ihrer von Presse und Öffentlichkeit gefeierten, aber auch öffentlich weniger beachteten künstlerischen Arbeiten, erfährt die Leserin auch Aufschlussreiches über den Anspruch Abramovićs, ihr Wissen weiterzugeben. So hat sie das "Marina Abramovic Institute (MAI)" ins Leben gerufen, um eine Schnittstelle zu schaffen zwischen Kunst und Wissenschaft. Ihre StudentInnen kommen aus der ganzen Welt, um bei und mit ihr zu lernen.
Vor allem aber benutzt Abramović sich selbst und das Publikum als Medium: Marina Abramović löst die Grenze zwischen Kunstschaffender und Publikum beinahe vollständig auf, um so den Weg freizumachen für persönliche Veränderungen, die ihr vor allem am Herzen liegen.

AVIVA-Tipp: Mal konstatierend, mal zornig, und hin und wieder auch mit trockenem schwarzen Humor: Schonungslos ehrlich mit sich selbst und ihren LeserInnen hält Marina Abramović Rückschau auf sieben Lebensjahrzehnte als Künstlerin und Grenzgängerin der Traurigkeit und des Schmerzes. Die Meisterin der überbordenden Phantasie verwandelt diese Gefühle in Kunst, immer und überall. Die Künstlerin ist anwesend.

Zur Künstlerin: Marina Abramović, 1946 in Belgrad geboren, ist eine der schillerndsten Künstlerinnenpersönlichkeiten unserer Zeit. Ihre Werke sind in Museen weltweit zu sehen, in der Tate Modern, im Guggenheim Museum, im Centre Pompidou und im Hamburger Bahnhof in Berlin. Zu Beginn ihrer Karriere machte sie mit radikalen Performances wie etwa "Delusional" auf sich aufmerksam. 1997 wurde sie auf der Biennale 1997 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Ihre jüngsten Arbeiten waren sensationelle Erfolge: 750.000 Menschen besuchten 2010 allein ihre Performance "The Artist is Present" im New Yorker MoMA. Drei Monate lang, insgesamt 716 Stunden, saß die Künstlerin auf einem Stuhl, schaute ihrem Gegenüber in die Augen - und schwieg.
Filme: "The Space in Between: Marina Abramovic and Brazil" (2016) und "Picasso Baby: A Performance Art Film" (2013).
Marina Abramović ist u. a. Gastprofessorin an der Hochschule der Künste in Berlin. Sie lebt in New York.
Marina Abramović auf IMDb: www.imdb.com, Facebook: www.facebook.com und Twitter: twitter.com/hashtag/MarinaAbramovic. Das Marina Abramovic Institute ist online unter: marinaabramovicinstitute.org

Marina Abramović - Durch Mauern gehen.
Autobiografie

Originaltitel: Walk Through Walls: Becoming Marina Abramović
Aus dem Amerikanischen von Charlotte Breuer und Norbert Möllemann
Originalverlag: Crown Archetype
Luchterhand Literaturverlag, erschienen: 14.11.2016
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, mit 141 Schwarz-weiß-Fotos und 16 Seiten Farbbildteil
ISBN: 978-3-641-17759-1
Euro 22,99
eBook (epub)
Luchterhand Literaturverlag, erschienen: 14.11.2016
ISBN: 978-3-641-17759-1
Euro 22,99
Mehr Infos zum Buch unter: www.randomhouse.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Marina Abramovic: The Artist Is Present - ein Film von Matthew Akers. Ab 17. April 2013 auf DVD, Blu-ray und VoD
Was daran ist Kunst, wenn eine Frau mitten im Museum of Modern Art in New York den ganzen Tag auf einem Stuhl sitzt? Von März bis Mai 2010 war die serbische Performancekünstlerin in den Räumen des MoMA anzutreffen – ist das jetzt Kunst, oder kann das weg? (2012)

VALIE EXPORT - Ikone und Rebellin. Ein Film von Claudia Müller. Ab April 2016 auf DVD
In der feministischen Aktionskunst gilt die Professorin, Medien- und Performancekünstlerin sowie Filmemacherin spätestens seit 1968 als mutige Pionierin, ihre Performances sind immer noch hochaktuell. Die Portraitfilmerin Claudia Müller rückt in ihrem filmischen Essay auch die Schriftstellerin Elfriede Jelinek, sowie die Künstlerinnen Marina Abramovic, Carolee Schneemann und Kiki Smith mit in den Blick. (2016)

Literatur Beitrag vom 17.12.2016 Sharon Adler 

   




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