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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 05.01.2017

Céline Minard - So long, Luise
Hannah Hanemann

Erinnerungen an ein bewegtes Leben und Hommage an die Geliebte vermischen sich in diesem Roman zu einem surrealistischen Rausch aus Lyrik und Lüge. Dafür erhielt die französische Autorin, die sich darauf versteht, weibliche Protagonistinnen in männlich dominierten Genres zu ...



... portraitieren, 2011 den Franz-Hessel-Preis.


"Es besteht Philosophieren nicht darin, das Sterben zu lernen. Sondern mannigfaltiges Leben in unzähligen entwendeten Figuren zu leben."

Wenn dem so ist, dann kann die Protagonistin, die diese Worte in ihrem Testament an ihre langjährige Lebensgefährtin richtet, wohl als eine der ganz Großen unter den PhilosophInnen bezeichnet werden. Zumindest, wenn ihren Erinnerungen an ihr ausschweifendes Leben Glauben zu schenken ist.
Laut Klappentext handelt es sich bei Minards Roman um das fiktive Testament einer gefeierten alternden Schriftstellerin, die sich in diesem nach einem ereignisreichen Leben von ihrer großen Liebe verabschiedet.
Doch mit einem Testament im eigentlichen Sinne haben diese Aufzeichnungen nicht viel gemeinsam. Vielmehr entwickeln sie sich zu einem Dickicht aus Erinnerung, romantischer Prosa, Träumerei und Phantasterei.
Die Schreiberin springt in ihren Erinnerungen in atemberaubendem Tempo von Ort zu Ort, von Geschehnis zu Geschehnis und lockt die Leserin dabei immer tiefer in einen Wirbel aus Worten, bis diese nicht mehr ausmachen kann, wo genau im Zeitgeschehen sie sich eigentlich befindet – und ob das was sie liest, Wahrheit oder Fiktion ist.

Spazierstöcke tragende Panoten mit langen Ohren

So behauptet die scheidende Schriftstellerin unter anderem, in ihrem Leben die Bekanntschaft allerlei phantastischer Fabelwesen gemacht zu haben.
Nicht in einem herausstechenden, einzigartigen Abenteuer, sondern nebenbei, im Alltag, als Teil des Selbstverständnisses ihrer Welt, einer Welt, in der alles möglich ist. In der Pixies die Seen und Wälder bevölkern und frau beim Einsturz in einen Ameisenhaufen schon mal Spazierstöcke tragenden Panoten begegnet, welche als freundliche Wesen beschrieben werden, deren Äußeres an Chinakohl erinnert und die sich gerne in ihre überlangen Ohren wickeln. Weshalb es "schwer sei", sich mit ihnen zu unterhalten, da sie oft unverständlich in ihre Ohren murmelten, statt diese zum Zuhören zu gebrauchen.
Bei so viel Spaß am Unsinn wundert es nicht, dass auch Zwerge, Kobolde und Feen ihren Weg ins Testament finden, sich unter die Erinnerungen mischen und fröhlich in ihnen ihr Unwesen treiben.
Diese verspielten Abschweifungen in farbenfrohe Fantasiegebilde werden wortreich aufs Genüsslichste ausgewälzt und überschlagen sich in übersprühendem Ideenreichtum.

Feministische Outlaws

Im Laufe der Erzählung gewinnt der Roman immer mehr an Fahrt und je phantastischer die Beschreibungen werden, desto mehr wird die LeserIn in sie hineingesogen. Mit Ironie, lebendiger Sprache, einem Hang zur Absurdität, sowie einer lustvoll inszenierten Schamlosigkeit und Frechheit schlägt die Erzählerin die Leserin in ihren Bann und kreiert zugleich ein Bild von sich als eine mit allen Wassern gewaschene Tausendsassarin.
So ist die angesehene und erfolgreiche Schriftstellerin stolz darauf, als gewiefte Trickbetrügerin unter dem fiktiven Namen Anna Appleston sogenannte "Schwadronage-Aktionen" durchführt zu haben, während derer sie ihren Opfern in einer Mischung aus Drohungen und manipulativer Semantik ihr Hab und Gut abschwatzte.
So erinnert "So long, Luise" manchmal auch ein wenig an eine feministische "Bonnie und Clyde"-Geschichte, in der die Erzählerin sich selbst und ihre Geliebte zu Outlaws der Gesellschaft deklariert, die überwiegend aus der Freude am Adrenalin oder als Wetteinsatz mit sich selbst krumme Dinger dreht und aufgrund ihrer wortgewandten Dreistigkeit nie erwischt wird.
Dabei ist ihr Testament selbst eine "Schwadronage-Aktion" gegen die Leserin, ein Einlullen derselben hin zur vollständigen Kapitulation unter die Macht der Sprache, ein Aufruf zu organisiertem Nonsens und purer Lebensfreude.

Das schönste aller möglichen Leben

Trotzdem verkommt Minards Roman nie zur reißerischen Posse. Neben all den phantastischen Ausbrüchen schafft es die Autorin, zugleich eine anrührende Liebes-und Lebensgeschichte zu erzählen.
Die Beschreibungen des Liebespaars, das von Schnee eingeschlossen einen Monat lang ein unbeschwertes Leben zwischen Eierkuchen und kindlichem Herumgealbere in der Abgeschiedenheit führt, zusammen auf Reisen geht oder eine exzessive, dionysisch anmutende "Silberne Antihochzeit" feiert, sind so lebendig, so bewegend und mit solcher Leichtigkeit beschrieben, dass sie in der Leserin eine tiefe Sehnsucht nach jenem freien, hedonistischen Leben wecken. Und so versteht diese es auch, wenn die Schriftstellerin gegen Ende ihres Testaments an ihre Lebensgefährtin schreibt:
"Die Art, wie du mir aus den Kleidern halfst, entschlossen und direkt, wie es deine Gewohnheit ist, ließ mich glauben, dass du von Anfang an alles über mich wusstest, das wir schon gelebt und beschlossen hatten, dieses Leben ein zweites Mal zu leben, genau dieses unter vielen möglichen, denn alles in allem ist es das schönste."
Um schließlich, in der reinsten Form die sie sich wünschen kann, in den Händen ihrer Geliebten zu enden – als Buch, als ihr zum Buch gewordenes Testament.

AVIVA-Tipp: Céline Minards wunderbar verspielter Roman "So long, Luise" hinterlässt die Leserin in einem trunkenen euphorischen Taumel, wohlig berauscht von seiner Fülle und Poesie.

Zur Autorin: Céline Minard wurde 1969 in Rouen geboren. Nach einem Studium der Philosophie arbeitete sie zunächst als Buchhändlerin, bevor sie sich ganz der Schriftstellerei verschrieb. Sie veröffentlichte bislang neun Bücher, von denen einige wichtige Preise gewonnen haben. Ihr literarisches Debüt feierte sie 2004 mit dem Roman "R". 2011 erhielt sie den deutsch-französischen Franz-Hessel-Preis für den Roman "So long, Luise". Für den Roman "Mit heiler Haut" (Matthes & Seitz Berlin, 2014) wurde sie u.a. mit den Literaturpreisen Prix Virilo und Prix du Style ausgezeichnet.
Sie dekliniert in ihren Büchern verschiedene populäre Genres (Science Fiction, Fantasy, Krimi etc.) spielerisch durch, insbesondere klassisch männlich dominierte Genres, die sie sehr varianten- und trickreich ins Weibliche wendet.
Céline Minard lebt in Paris.
Quelle: Verlagsinfos.
Mehr Infos unter: www.matthes-seitz-berlin.de

Zur Übersetzerin: Nathalie Mälzer, geboren 1970 in Berlin, ist Professorin für Transmediale Übersetzung an der Universität Hildesheim. Sie hat zahlreiche literarische und essayistische Texte aus dem Französischen übersetzt, darunter für Matthes & Seitz Berlin "Der Allerhöchste" von Maurice Blanchot, "Eclipse" von Cécile Wajsbrot und "Mit heiler Haut" von Céline Minard.
Mehr Infos zu Nathalie Mälzer finden Sie unter: www.uni-hildesheim.de

Céline Minard
So long, Luise

Editions Denoël, 2011
Aus dem Französischen übersetzt von Nathalie Mälzer
Verlag Matthes & Seitz Berlin, erschienen 2016
251 Seiten, Hardcover (bedruckter Schutzumschlag)
ISBN: 978-3-95757-324-7
22,00 Euro
www.matthes-seitz-berlin.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Céline Minard - Mit heiler Haut
Die französische Schriftstellerin versucht sich, laut Verlagsinfo, gerne an männerdominierten Genres. Für ihren neuen Roman hat sie sich sehr erfolgreich an den verstaubten Western-Roman gewagt. (2014)

Literatur Beitrag vom 05.01.2017 AVIVA-Redaktion 

   




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