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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 19.01.2017

Karolin Klüppel - Mädchenland / Kingdom of Girls
Hannah Hanemann

Die Berliner Fotografin verbrachte insgesamt zehn Monate bei der ethnischen Minderheit der Khasi im Nordosten Indiens wo sie junge Mädchen in ihrem Alltag portraitierte, die dort in einer matrilinearen Gesellschaft aufwachsen. Für den sensiblen Einblick in deren Welt...



... wurde die Fotografin mehrfach ausgezeichnet.


In großen Teilen Indiens sind die gesellschaftlichen Bedingungen unter denen Mädchen und Frauen leben, katastrophal. Sie haben weit weniger Rechte als Männer, werden schlechter behandelt und oft schon vor der Geburt abgetrieben oder kurz danach getötet.

Umso überraschender ist es, dass sich im Nordosten Indiens eine Ethnie erhalten hat, die einem matrilinearen Gesellschaftsbild folgt: bei den Khasi, die vor allem im Bundesstaat Meghalaya leben, sind Mädchen nicht nur erwünscht, sondern besonders verehrt und geachtet. Sie sind dazu ausersehen, die Erblinie der Familie fortzuführen und übernehmen innerhalb der Gesellschaft große Verantwortung. Die Geburt eines Mädchens gilt als Segen, während Familien, die nur Söhne haben, bemitleidet werden. Frauen verfügen über das Erb- und Besitzrecht, das Bestimmungsrecht über Angelegenheiten der Familie und des Klans sowie das Recht der Partnerwahl und Kindererziehung. Zwar sind es auch bei den Khasi die Männer, die traditionell arbeiten gehen, während die Frauen sich um Haushalt und Kinder kümmern, der Besitz der Familie wird jedoch von den Frauen verwaltet. Bei den Khasi gilt die Überzeugung: "Wer einer Frau schadet, schadet der Gesellschaft", weshalb Frauen mit großer Hochachtung und Würde behandelt werden.

Mädchen zwischen Verehrung und Verantwortung

Von 2013 bis 2015 durfte Karolin Klüppel die Khasi im Dorf Mawlynnong begleiten und fotografieren. Ihre Fotos sind weniger Gesellschaftsportrait der Khasi, als ein Einblick in die Leben selbstbewusster Mädchen. Diese werden in teils zufälligen, teils (von den Mädchen selbst) angeleiteten Aufnahmen abgelichtet. Die Mädchen präsentieren sich in ihnen manchmal unbeschwert, manchmal auch stolz und ausdrucksstark. Einige Fotos zeigen Alltagssituationen, wie etwa das Baden und Schwimmen im Fluss, viele sind Einzelportraits, auf denen die Mädchen entweder nur direkt in die Kamera blicken oder sich selbst mit Alltagsgegenständen in Szene setzen. Im Mittelpunkt zu stehen und an der Gestaltung der Aufnahmen mitzuarbeiten ist ihnen offensichtlich nicht unangenehm.
Dass die Mädchen bei den Khasi schon früh Verantwortung übernehmen müssen, indem sie im Haushalt mithelfen und sich um ihre jüngeren Geschwister kümmern, zeigt sich besonders in den Gesichtern der etwas älteren Mädchen. Aus ihnen spricht eine Ernsthaftigkeit und Besonnenheit, die andeutet, dass sie sich schon früh über ihre Stellung innerhalb der Gesellschaft im Klaren sind und diese annehmen.

Schwachstellen des matrilinearen Gesellschaftssystems, wirtschaftliche oder politische Themen, sowie Vergleiche zu anderen Kulturen spart die Fotografin in ihren Aufnahmen aus. "Mädchenland" ist keine ethnologische Analyse, sondern Dokumentation der Mädchen, die sich innerhalb der Grenzen Indiens frei und würdevoll entwickeln können. Diese Freiheit ist ihnen anzusehen. Sie sind keine bloßen Statistinnen, sondern dominieren die Fotos mit großer Selbstverständlichkeit und Präsenz. Karolin Klüppel hat es geschafft, ihre kulturelle Verbundenheit und Natürlichkeit einzufangen und gleichzeitig jede Protagonistin nicht nur als Repräsentantin ihrer Kultur, sondern als Individuum und eigenständige Persönlichkeit zu portraitieren.

AVIVA-Tipp: Karolin Klüppels "Mädchenland" ermöglicht der Betrachterin einen faszinierenden Einblick in das Leben junger Mädchen in einer der wenigen matrilinearen Gesellschaften der Welt. Dabei ist die Fotografin mit diesen immer auf Augenhöhe und lässt sich mit großer Sensibilität auf jede von ihnen ein.

Zur Fotografin: Karolin Klüppel, 1985 in Kassel geboren, studierte von 2006 bis 2012 Fotografie an der Kunsthochschule in Kassel und an der "Faculdade de Belas Artes" in Lissabon. Inzwischen lebt sie in Berlin. Ihre Fotografien wurden mehrfach ausgezeichnet und sind in diversen Museen, Galerien und auf Festivals gezeigt worden, u.a. in der "Bibliothèque nationale de France", im "Kulturgeschichtlichen Museum Osnabrück", beim "Delhi Photo Festival" und der "Chennai Photo Biennale". Veröffentlicht wurden sie u.a. im New Yorker, im National Geographic Magazine, im Independent, in der Huffington Post und in der Washington Post. Für "Mädchenland" erhielt Karolin Klüppel 2014 den "Canon ProfiFoto Förderpreis" sowie 2015 den "Felix Schoeller Photoaward".
Mehr Infos zu Karolin Klüppel und ihren Arbeiten unter: www.karolinklueppel.de

Karolin Klüppel
Mädchenland / Kingdom of Girls

Text(e) von Andrea Jeska, Nadine Barth, Karolin Klüppel
Deutsch, Englisch
23.20 x 27.00 cm, 92 Seiten, 38 Abb.,Hardcover
Hatje Cantz Verlag, 2016
34,00 Euro
ISBN 978-3-7757-4206-1
www.hatjecantz.de

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Literatur Beitrag vom 19.01.2017 AVIVA-Redaktion 

   




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