Germaine Tillion - Die gestohlene Unschuld. Ein Leben zwischen Résistance und Ethnologie - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 23.01.2017

Germaine Tillion - Die gestohlene Unschuld. Ein Leben zwischen Résistance und Ethnologie
Hannah Hanemann

Die französische Ethnologin Germaine Tillion war eine der großen intellektuellen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Am 30. Mai 2017 hätte sie ihren 110. Geburtstag gefeiert. In "Die gestohlene Unschuld" werden im AvivA Verlag erstmals von ihr geschriebene Fragmente...



... zu einem autobiographischen Gesamtwerk zusammengefügt.

Am 27. Mai 2015 erwies Frankreich der Ethnologin und Widerstandskämpferin Germain Tillion postum eine große Ehre: als Würdigung ihres Lebenswerkes wurde sie als eine der ersten Frauen nach Marie Curie ins Pariser Panthéon aufgenommen – gemeinsam mit Geneviève de Gaulle-Anthonioz, die auch Mitglied der Résistance war.
Tillions Leben war von mehreren großen Ereignissen des 20. Jahrhunderts geprägt: Als Kind erlebte sie die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs, im Zweiten wurde sie Widerstandskämpferin der Résistance und als politische Gefangene ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert. In den 1950er Jahren erlebte sie den Algerienkrieg hautnah mit und setzte sich unermüdlich gegen Folter und Hinrichtungen ein.
"Die gestohlene Unschuld" versammelt Aufzeichnungen Germaine Tillions über ihr Leben zwischen 1934 und 1957. Thematisch lassen sich diese in drei große Blöcke einteilen: die unbeschwerte Zeit vor 1940 als junge Ethnologin auf Forschungsreise, ihre traumatischen Erfahrungen während des Zweiten Weltkriegs und ihr späteres mutiges Engagement im Algerienkrieg.

Studium und Aufbruch

Germaine Tillion wird 1907 in Frankreich geboren. Nach dem Tod ihres Vaters werden sie und ihre Schwester von ihrer Mutter alleine aufgezogen, der Bildung und Selbstverwirklichung ihrer Töchter sehr wichtig sind. Sie ermöglicht Tillion ein Studium ihrer Wahl in Paris, das diese voll auskostet: als junge Frau studiert sie zunächst Archäologie, Vor- und Frühgeschichte, Kunstgeschichte, Religionsgeschichte und Völkerkunde. Über den von ihr sehr bewunderten Ethnologen Marcel Mauss kommt sie außerdem zum Studium der Soziologie und Ethnologie und wird von ihm für ein Stipendium des internationalen Londoner Afrikainstituts vorgeschlagen, das es ihr 1934 ermöglicht, eine Forschungsreise nach Algerien anzutreten.

Eine furchtlose Frau in der algerischen Einöde

Die ersten Kapitel des Buches, in denen Germain Tillion von ihrem insgesamt sechsjährigen Aufenthalt als Ethnologin in Algerien erzählt, lesen sich wie ein fesselnder Reise- und Abenteuerbericht. In wundervoll lebendiger und humorvoller Sprache beschreibt Tillion ihr Leben im algerischen Aurés-Gebirge, wo sie ethnologische Studien durchführte und teils über Monate so gut wie isoliert von der Außenwelt auf sich allein gestellt war. Trotz der Herausforderung, die dieses Leben für eine junge Frau aus Paris bedeutet haben muss, nennt Tillion diese Zeit in ihrem Leben die sicherste und harmonischste. Auf Grund ihres Einfühlungsvermögens und ihrer Hilfsbereitschaft erwirbt sie sich in den umliegenden Dörfern schnell einen guten Ruf und kann in jeder Situation auf Unterstützung hoffen. In Begleitung von Hund und Maultier zieht sie durch die algerische Berglandschaft, unternimmt Expeditionen und spricht mit den Einheimischen.
Ihre Beschreibungen sind wunderschön atmosphärisch, fast schon literarisch, und vermitteln den tiefen Frieden dieser Zeit in Tillions Leben, die den Leiden und Entbehrungen des Zweiten Weltkriegs vorausgeht.

Widerstand, Verhaftung und Deportation

Als Tillion 1940 aus Algerien zurückkehrt, wird sie vom Krieg in Europa geradezu überrumpelt. Weniger aus Gründen der Moral oder reiflicher Überlegung, wie sie später schreibt, sondern aus tief verwurzeltem Patriotismus schließt sie sich sofort dem französischen Widerstand an. Zwei Jahre lang kämpft sie für die Résistance, bis es 1942 durch einen Verrat zu ihrer Verhaftung kommt.
Von den fünf Anklagepunkten gegen sie lautet einer, sie habe versucht, deutschen Soldaten "die Unschuld zu stehlen" - Resultat eines Übersetzungsfehlers. In ihrer Verteidigungsschrift bedauert Tillion wortgewandt, dass sie sich leider außer Stande sehe, den Soldaten ihre Unschuld zurück zu geben. Sie rät ihnen jedoch, an die Ufer der Loire zu pilgern, an denen es eines alten französischen Chansons zufolge möglich sei, die verlorene Unschuld wiederzuerlangen.

Ihr Sarkasmus zeugt von einer fast unerschütterlichen Gelassenheit und Furchtlosigkeit und demonstriert zugleich ihren Glauben in das Rechtssystem, den sie zu dieser Zeit noch aufrecht erhält. Sie kann sich schlichtweg nicht vorstellen, dass man sie wegen eines so lächerlichen Vorwurfs in Gefangenschaft behalten wird. Doch im Oktober 1943 wird sie nach einjährigem Gefängnisaufenthalt ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert, zusammen mit ihrer Mutter, die dort stirbt. Tillion überlebt als eine der "Verfügbaren", die im Lager jederzeit der willkürlichen Zuteilung von Arbeiten aller Art ausgesetzt waren.
Über diese Gruppe der "Verfügbaren" verfasst sie, versteckt in einer Kiste, im Lager die Operette "Le Verfügbar aux Enfers", die erst 2007 anlässlich Tillions einhundertsten Geburtstags am Pariser Théâtre du Châtelet dirigiert von Hélène Bouchez uraufgeführt wird.
Im April 1945 werden Tillion und ihre Mitgefangenen vom schwedischen Roten Kreuz befreit. Es gelingt ihr, neben ihrer Operette auch eine Liste mit Namen der verantwortlichen SS-Männer des Lagers sowie das Negativ eines Films mit Aufnahmen der Beine junger Polinnen, an denen der KZ Arzt Gebhardt Vivisektionen durchgeführt hatte, aus dem Lager zu schmuggeln.

Die Aufzeichnungen über ihre Zeit im KZ Ravensbrück unterscheiden sich sehr von denen über ihre Algerienforschung. Tillions Sprache ist viel knapper und reservierter, es geht ihr nicht um eine Beschreibung ihres Innenlebens, sondern vor allem um eine Dokumentation von Fakten. In einem Interview sagt sie dazu:

"Was ich am meisten an Büchern von anderen Autoren mag, ist wenn sie von sich selbst sprechen. Je offener sie es sagen, desto mehr berührt es mich...In meinem Ravensbrück Buch habe ich aber darauf geachtet, so wenig wie möglich von mir zu sprechen.(...) Ich habe es aus Schamgefühl gemacht, ich glaube aus einer natürlichen Zurückhaltung heraus. Und ein wenig auch, weil ich mir sagte:`Die anderen sollen auch zu Wort kommen.`"

Rückkehr nach Algerien und Kampf gegen die Folter

Tillion gibt sich in ihren Aufzeichnungen niemals wehleidig, trotzdem ist ihnen zu entnehmen, welche Traumata die Zeit in Ravensbrück bei ihr hinterlassen haben. Nach ihrer Befreiung wohnt sie der Verurteilung ehemaliger KZ Aufseher bei und ist geschockt, dass diese wie "ganz normale" Menschen wirken, fast empfindet sie Mitleid mit ihnen. In den Jahren zwischen 1945 und 1954 verarbeitet sie die traumatischen Ereignisse des Krieges und schreibt ihre Erfahrungen nieder. Von einem befreundeten Professor hört sie 1954 vom Unabhängigkeitskrieg in Algerien und reist sofort los, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Sie ist entsetzt über die Menschenrechtsverletzungen durch die französische Regierung und fühlt sich in ihrem Patriotismus erschüttert. Ihr vorrangiges Ziel wird es, Folter und Hinrichtungen an Algeriern zu verhindern.

Zeugnis unglaublichen Muts und Glaubens an den Menschen

Nach Ende des Algerienkrieges finden sich keine Aufzeichnungen Germaine Tillions mehr, weshalb das Buch an dieser Stelle endet und auf den letzten Seiten mit einem Nachwort schließt. In den folgenden Jahren veröffentlicht Germain Tillion mehrere Bücher, forscht über die Stellung der Frauen in den afrikanischen Gesellschaften und lehrt am Institut für Sozialwissenschaft in Paris, wo sie 2008 hundertjährig stirbt.
"Die gestohlene Unschuld" ist ein faszinierender Einblick in ihr Leben. Ihre Schriften zeichnen das Bild einer zutiefst menschlichen, intelligenten, humorvollen und mutigen Frau, sie sich ihren Wissendurst und Forschergeist immer bewahrt hat, ebenso wie einen unerschütterlichen Glauben an die Menschheit.

AVIVA-Tipp: "Die gestohlene Unschuld. Ein Leben zwischen Résistance und Ethnologie" fügt schriftstellerische Fragmente Germaine Tillions zu einem fesselnden und bewegenden Gesamtwerk zusammen. Es ist Biographie, Literatur und Zeitzeugnis zugleich und ehrt das Vermächtnis einer beeindruckenden Frau.

Zur Autorin: Germaine Tillion, am 30. Mai 1907 in Allègre, Haute-Loire geboren, am 19. April 2008 in Paris gestorben, war Ethnologin und Widerstandskämpferin. Tillion arbeitete in den 1930er Jahren in Algerien als Ethnologin, engagierte sich 1940 im Widerstand gegen die Deutschen und wurde im Oktober 1943 in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert. Auf der Grundlage ihrer Beobachtungen entstand nach dem Krieg in Frankreich die erste wissenschaftliche Studie über Ravensbrück. Ihre Analyse erschien in Buchform unter dem Titel "Frauenkonzentrationslager Ravensbrück". Während des Unabhängigkeitskrieges kehrte Tillion im Auftrag der französischen Regierung nach Algerien zurück und hatte dort ein folgenreiches Treffen mit dem Chef der algerischen Befreiungsbewegung in Algier. Im Anschluss daran engagierte sie sich für die Unabhängigkeit des Landes und gegen die Anwendung der Folter. In den 1960er und 1970er Jahren widmete sie sich vor allem der ethnographischen Erforschung der Situation der Frauen in Afrika. Parallel dazu mischte sie sich stets aktiv in das politische Zeitgeschehen ein.
Zu ihren wichtigsten Schriften gehören "Ravensbrück"(1946), "L´Afriquebasculeversl´avenir" (1959)", Le harem et les cousins" (1966) und"Il étaitunefoisl´ethnographie"(2000).
Für ihre Arbeit erhielt sie als eine von nur fünf Frauen das Großkreuz der Ehrenlegion, eine der höchsten französischen Ehren und für ihre Bemühungen um eine deutsch-französischen Aussöhnung 2004 das Große Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.
Am 27. Mai 2015 wurde Germaine Tillion symbolisch ins Pariser Panthéon aufgenommen. Die Urne enthält Erde von ihrer Grabstelle auf dem Friedhof Condé de Saint-Maur-des-Fossés.

Zur Herausgeberin: Mechthild Gilzmer ist Lehrkraft für besondere Aufgaben im Fachgebiet Romanistikder Universität des Saarlandes/Saarbrücken. Nach einem Studium der Romanistik undGermanistik war sie als DAAD-Lektorin an der Universität Toulouse-le Mirail in Frankreichtätig. Während dieser Zeit begann sie ihre Forschungen zu Exil, Internierung undWiderstand im Frankreich der 1930er-/1940er-Jahre. Sie promovierte 1993 an derFreien Universität Berlin mit einer kulturwissenschaftlichen Arbeit über zwei Fraueninternierungslager in Südfrankreich. Zwischen 1998 und 2009 arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Gastprofessorin im Fachgebiet Französisch der Technischen Universität Berlin. Mechthild Gilzmer verfasste zahlreiche Beiträge zu GermaineTillion und ist Mitglied der Association Germaine Tillion.
www.uni-saarland.de

GermaineTillion
Die gestohlene Unschuld. Ein Leben zwischen Résistance und Ethnologie

Originaltitel: Fragments de vie
Übersetzt, herausgegeben und mit einem einführenden Essay von Mechthild Gilzmer
Ausgewählt und mit einem Nachwort von Tzvetan Todorov
336 Seiten, gebunden
AvivA Verlag, erschienen 2015
22,00 Euro
ISBN 978-3-932338-68-7
www.aviva-verlag.de

Mehr Infos zu Germaine Tillion unter:

www.germaine-tillion.org

www.youtube.com

www.larousse.fr

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Germaine Tillion erhält das Große Bundesverdienstkreuz
Die französische Ethnologin wird für ihr Engagement gegen jede Art von Folter, gegen Massaker und Todesstrafe, sowie als Vermittlerin zwischen den islamischen und europäischen Kulturen geehrt. (2004)

Barbara Degen - Das Herz schlägt in Ravensbrück. Die Gedenkkultur der Frauen
Im Konzentrationslager Ravensbrück waren 130.000 Menschen, zum großen Teil Frauen, interniert. Zu ihren Überlebensstrategien gehörte auch das Niederschreiben und künstlerische Verarbeiten des (Über)Erlebten. (2010)

Simone Veil - Und dennoch leben. Die Autobiographie der großen Europäerin
Die französische Politikerin, Frauenrechtlerin und Auschwitz-Überlebende gewährt Einblicke in ihr berührendes privates und bewundernswertes politisches Leben. Versöhnung, Hoffnung, Integrität und Mut zeichnen bis heute diese Ausnahmepolitikerin aus, die stets gegen alle Widerstände unbeirrbar ihren Weg gegangen ist. (2009)


Literatur Beitrag vom 23.01.2017 AVIVA-Redaktion 

   




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