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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 02.02.2017

Ingeborg Gleichauf - Poesie und Gewalt. Das Leben der Gudrun Ensslin
Yvonne de Andrés

Eine extreme Person, ein extremer Lebensweg: Gudrun Ensslin geh√∂rte zur F√ľhrungsspitze der RAF. Ingeborg Gleichauf versucht in ihrer Ann√§herung zu erkl√§ren, wie aus der klugen ...



...s√ľddeutschen Pfarrerstochter eine knallharte Terroristin wurde.

Wer war Gudrun Ensslin wirklich? Gibt es jenseits der bekannten Zuschreibungen Neues zu entdecken? Diesen Fragen ist Ingeborg Gleichauf gefolgt. Sie hat daf√ľr viele Quellen durforstet und versucht, neue Zug√§nge zur Person zu finden. Diese Suche stellte sich jedoch als schwierig heraus, da Familienangeh√∂rige und Personen aus dem direkten Umfeld Ensslins entweder tot sind oder nicht bereit, Auskunft zu erteilen.

Ingeborg Gleichauf hat ihre Suche in Bartholom√§, dem Geburtsort von Gudrun Ensslin, am Ostrand der Schw√§bischen Alb begonnen. Hier wurde Ensslin am 15. August 1940 geboren. Aufgewachsen ist sie in Tuttlingen und Bad Cannstatt. Die Autorin macht den Versuch, den LeserInnen das Pfarrhaus der Ensslins als, jedenfalls f√ľr evangelische Verh√§ltnisse, ziemlich offen vorzustellen. Der Vater, Helmut Ensslin, war Mitglied der "Bekennenden Kirche", moralischer Antifaschist und verhinderter NS-Widerstandsk√§mpfer, so jedenfalls wird es berichtet. Er hatte sich in seinen Predigten kritisch zu Hitler √§u√üert und hoffte nach dem Krieg, dass Gudrun Ensslin einmal ein guter Mensch werden w√ľrde. Ensslin wird in diesem Buch entsprechend als belesen, literarisch interessiert und sehr fr√∂hlich pr√§sentiert. Nach dem Abitur studierte sie in T√ľbingen Germanistik, Anglistik und P√§dagogik. Sp√§ter wollte sie Lehrerin werden. Im Literaturkolloquium von Walter Jens begegnete sie ihrem sp√§teren Verlobten Bernward Vesper. Dieser, mit der "Blut-und-Boden"-Ideologie seines Vaters belastet, konnte sich jedoch von seinen Eltern nicht l√∂sen. Bernward Vesper war Jungkritiker und Jungverleger, mit starkem Drang zu Liebe, Sex und Rock ¬īn¬ī Roll. Vesper war ein wandelnder Widerspruch. Er versp√ľrte einen starken Drang, ein freier Mensch zu sein. Aber er konnte auch nicht damit aufh√∂ren, das "v√∂lkische" Schriftgut seines Vaters zu pflegen. Gudrun unterst√ľtzte ihn darin.

Ingeborg Gleichauf, die bereits einige andere Biographien ver√∂ffentlicht hat, versucht, da sie so viele Quellen aus dem unmittelbaren Umfeld Ensslins nicht fand, Gudrun Ensslin anhand ihrer Lekt√ľren zu erkl√§ren. Die Antwort auf die dr√§ngende Frage, die LeserInnen beantworten haben wollen, wie die sensible, weltoffene Pfarrerstocher sich in die Kassenw√§rtin und die Cheflogistikerin der Baader-Meinhof-Gruppe verwandelte, l√§sst sich auf diesem Weg nur sehr bedingt begreifen.

AVIVA-Fazit: Ingeborg Gleichauf versucht mit g√§ngigen Klischees √ľber Gudrun Ensslin, wie etwa dem der provinziellen Pastorentochter, aufzur√§umen. In der Biographie schimmert nur in Andeutungen die Enge der Bundesrepublik und die nicht verarbeitete NS-Vergangenheit hindurch. Doch bei der Nachzeichnung der Lebensstationen Gudrun Ensslins √ľberspringt sie die famili√§re Vorgeschichte im Nationalsozialismus, an der sich die Generation der 68er famili√§r und politisch besonders gerieben hat. Ingeborg Gleichauf, die antritt, den Menschen Gudrun Ensslin hinter den Zuschreibungen aufzufinden, die √ľber sie im Umlauf sind, spekuliert. Das ist schade.
Die ambivalenten Haltungen Gudrun Ensslins und Bernward Vespers hierzu werden nur teilweise angesprochen. Der Spannungsbogen, der sich bei Ensslin von der T√§tigkeit als Mit-Nachlassverwalterin der Vesperschen NS-Prosa bis zur Herausgabe von Black-Power-Schriften spannt und dann in den bewaffneten Kampf wechselt, in dem Ensslin Sprache und K√∂rper zu Waffen macht, kommt dabei nicht wirklich zur Geltung. Die von Gleichauf beschrittene "behutsame Ann√§herung" bleibt leider bei bereits lange bekannten Einblicken stehen und f√ľgt ihnen ein paar neue Spekulationen hinzu. √úber die anderen F√ľhrungskader der RAF - Baader, Meinhof und Mahler - gibt es bereits pr√§zise Biographien, √ľber Meinhof sogar mehrere, √ľber Ensslin noch gar keine. Der Versuch von Ingeborg Gleichauf ist leider gescheitert.

Zur Autorin: Ingeborg Gleichauf, geboren 1953, studierte Philosophie und Germanistik und promovierte √ľber Ingeborg Bachmann. Unter ihren zahlreichen Ver√∂ffentlichungen finden sich biografische Publikationen im Erwachsenen- und Jugendbereich √ľber Max Frisch, Hannah Arendt und Simone de Beauvoir. 2015 erschien von ihr "So viel Fantasie. Schriftstellerinnen in der dritten Lebensphase" im AvivA-Verlag. Auszeichnungen: 2008 Preis der "Jungen Kritiker Wiens".

Ingeborg Gleichauf
Poesie und Gewalt. Das Leben der Gudrun Ensslin

Klett-Cotta Verlag, 2. Druckauflage erschienen 2017
Gebunden mit Schutzumschlag, mit Abbildungen, 350 Seiten
22,00 Euro
ISBN: 978-3-608-94918-6
www.klett-cotta.de

Veranstaltungshinweis: Donnerstag, 09. Februar 2017 um 20.00 Uhr
J√∂rg Barberowski, Jens Bisky und Elke Schmitter sprechen in der Reihe "Was ist denn hier passiert?" √ľber Ingeborg Gleichaufs neues Buch (Die Autorin ist nicht anwesend!)
Literaturhaus Berlin, Fasanenstr. 23, 10719 Berlin

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

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Die vierjährige Beziehung zwischen Bachmann und Frisch bleibt rätselhaft. Sind Beziehungen tatsächlich ein Mordschauplatz ganz eigener Art? Als sie sich 1958 in Paris persönlich kennen lernten, waren beide bereits bekannte SchriftstellerInnen. (2013)

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Jutta Ditfurths Ulrike Meinhof-Biografie
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Ingeborg Gleichauf - Ich will verstehen. Die Geschichte der Philosophinnen
Voltaire? Kennt jeder, aber wer hat schon mal etwas von seiner Lebensgef√§hrtin, der Marquise de Ch√Ętelet geh√∂rt? Und kann frau/man die frz. Revolution ohne Olympe de Gouges verstehen? Auf keinen Fall! Mit Personenregister und gut aufgebautem Glossar ist "Ich will verstehen" ein kleines, aber wertvolles Handbuch der Philosophie. (2005)


Literatur Beitrag vom 02.02.2017 Yvonne de Andr√©s 

   




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