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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 20.02.2017

Dagmar Manzel - Menschenskind
Silvy Pommerenke

Ein Star ohne All├╝ren - bodenst├Ąndig, normal, humorvoll und gleichzeitig genial, melancholisch und geheimnisvoll! Sie wird von KollegInnen als "B├╝hnenraubtier" mit "Pratzen" bezeichnet, aber auch als zutiefst verletzlich und hochemotional.



Knut Elstermann, Radiomoderator und Filmjournalist, der diese Biographie als Interviewform gestaltet hat, schildert "La Manzel" als eine Frau, die jederzeit und intensiv mit ihrer Umwelt kommuniziert. Nicht nur verbal, sondern auch emotional. Durch die literarische Form, die Elstermann gew├Ąhlt hat, kommt frau/man sich zwar ein wenig wie eine Voyeurin vor, die heimlich einem Gespr├Ąch unter FreundInnen lauscht, aber dieses Gef├╝hl schleicht sich h├Ąufig ja auch beim Lesen von Briefwechseln oder bei Tagebuchaufzeichnungen ein. Und letztendlich siegt dann doch die Neugier, sich mit der Lebensgeschichte von Dagmar Manzel zu befassen. F├╝r Dagmar Manzel war diese Form ├╝brigens der einzig gangbare Weg, um sich ├╝berhaupt auf eine Autobiographie einzulassen. Sie nimmt sich selbst nicht so wichtig (was ├Ąu├čerst charmant ist) und m├Âchte am liebsten explizit nur ├╝ber die Arbeit reden und nicht ├╝ber sich als Privatperson. Knut Elstermann entlockt ihr dennoch einige Details, die in Nebens├Ątzen durchschimmern und die nicht nur eine ├Ąu├čerst begabte und scheinbar nimmerm├╝de Theater-Schauspielerin und S├Ąngerin zeigen, sondern die den Blick freigeben auf eine sehr loyale, ├Ąu├čerst witzige, sympathische und gl├╝ckliche Frau.

Elstermann entfaltet auf knapp 200 Seiten einen Dialog zwischen sich und Manzel, hakt immer wieder dezent nach, wenn Manzel sich ein wenig fortm├Ąandert von der eigentlichen Fragestellung und l├Ąsst auch andere SchauspielkollegInnen und die Familie zu Wort kommen. So wird das reine Zweiergespr├Ąch immer wieder aufgelockert durch Intermezzi von Sylvester Groth, Barrie Kosky, Gudrun Ritter, Ulrich Matthes, ihrer Mutter oder ihren Kindern. Und jede/r gibt eine kleine Liebeserkl├Ąrung an Dagmar Manzel ab. Beispielsweise Thomas Langhoff, der "Deine Neugier. Deine Wachheit, Deine Kontrollsucht, Dein Ver- und Misstrauen, Deine unb├Ąndige, hemmungslose Lust, Dein Talent bis zum letzten Rest auszubeuten" lobt.

Als Manzel darauf angesprochen wird, ob sie sich als lachende Melancholikerin sieht, antwortet sie mit einem herrlichen Zitat von Emil M. Cioran: "In einer Welt ohne Melancholie w├╝rden die Nachtigallen anfangen zu r├╝lpsen." Dieses Zitat spiegelt auch die Schauspielerin Dagmar Manzel wieder, deren Spektrum von der Femme Fatale bis hin zur rotzfrechen G├Âre reicht, von der "ArbeiterInnenklasse" bis hin zur "Aristokratie", und sie wechselt zwischen "Emotion und viel Reflexion", wie sich Adam Benzwi, Dirigent an der Komischen Oper, l├Âblich ├╝ber sie ├Ąu├čert. Ob als Theater-Schauspielerin, als S├Ąngerin oder Tatort-Kommissarin, Manzel ist eine absolute Gigantin in ihrer Branche!

Ihren Durchbruch hatte Manzel bereits mit 22 Jahren, als sie - ungew├Âhnlich f├╝r eine Jungschauspielerin - am Dresdener Theater die "Maria Stewart" gespielt hat. Seitdem sind mehr als drei├čig Jahre vergangen und Manzel hat viel an ihrer Sprache und K├Ârperhaltung gearbeitet, hat unz├Ąhlige Preise gewonnen und Theater- und Filmrollen gespielt. Der SchauspielerInnen-Beruf ist ein harter und verlangt viel von denen, die ganz oben mitmischen wollen. Aber nicht nur pers├Ânliche Motivation und Leidenschaft haben ihr den Weg an die gro├čen deutschen B├╝hnen geebnet, sondern auch die Unterst├╝tzung von Regisseuren wie Thomas Langhoff oder Heiner M├╝ller halfen ihr, einem riesigen Publikum bekannt und vertraut zu werden.

1958 in Ost-Berlin geboren, hat sie sich - obwohl die DDR das kulturelle Erbe der Juden & J├╝dinnen totgeschwiegen hat -, sehr fr├╝h mit der j├╝dischen Kultur auseinandergesetzt, was unter anderem zu der Interpretation von Friedrich Hollaender oder Werner Richard Heymann f├╝hrte. Manzel, die ihre ganz eigene, melancholische Art hat, den alten Liedern neues Leben einzuhauchen, hat 2014 ebenfalls unter dem Titel "Menschenskind" eine CD aufgenommen, auf der sie ausgew├Ąhlte Songs von Friedrich Hollaender interpretiert hat.

Neben ihrer Berufsbiographie und den Abl├Ąufen am Theater erf├Ąhrt die Leserin aber auch Pers├Ânliches, was mehr oder weniger zwischen den Zeilen ├╝ber Dagmar Manzel herauskommt: Dass sie Mutter von zwei Kindern ist, dass sie abstrakte Malerei und moderne Musik liebt, gerne eine kr├Ąftige Kartoffelsuppe f├╝r ihren Sohn Paul kocht, Katzenmutti ist, und - das vielleicht ungew├Âhnlichste, was frau/man aus dieser Autobiographie entnehmen kann -, dass sie eine leidenschaftliche G├Ąrtnerin ist!

AVIVA-Tipp: Knut Elstermann entfaltet durch klug und behutsam gestellte Fragen ein facettenreiches Bild der Schauspielerin und S├Ąngerin Dagmar Manzel. Die "Facharbeiterin f├╝r Schauspielkunst", wie sie sich selbst sehr bescheiden und bodenst├Ąndig bezeichnet, ist nicht nur auf der B├╝hne ganz gro├č, sondern auch in diesem Gespr├Ąch. Frau/man muss sie einfach m├Âgen!

Zum Autor: Knut Elstermann, besser bekannt unter dem Namen "Kino King Knut", geboren am 4. August 1960 in Berlin, Studium der Journalistik in Leipzig (1982-86), danach Nachrichtenredaktion ND (bis 1989) und Arbeit f├╝r die DDR-Zeitschrift "Filmspiegel", bis 1991 Moderator und Kulturredakteur beim Jugendradio DT 64, seit 1992 freier Filmjournalist, vor allem f├╝r den ORB-H├Ârfunk (Radio Brandenburg, radioeins), f├╝r das ORB-Fernsehen, Dokumentationen f├╝r ARTE ├╝ber die DEFA-Geschichte und das russische Kino. (Quelle: Radio Eins)

Dagmar Manzel
Menschenskind

Aufbau Verlag, erschienen Februar 2017
Gebunden mit Schutzumschlag, 239 Seiten
ISBN 978-3-351-03649-2
Euro 19,95
www.aufbau-verlag.de

Dagmar Manzel im Netz: www.dagmar-manzel.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Die Verlorene Zeit - ein Film von Anna Justice, Drehbuch Pamela Katz Inspiriert von einer wahren Geschichte, erz├Ąhlt der Film von einer ganz gro├čen Liebe, der zwischen einer J├╝din und einem Polen im Jahr 1944 in einem deutschen KZ. Erst 1976, 32 Jahre sp├Ąter, erf├Ąhrt Hannah Levine in New York, dass Tomasz Limanowski noch lebt. Mit Dagmar Manzel in der Rolle der Hannah Levine (2012)

Interview mit Franziska Meletzky und Dagmar Manzel Was passierte hinter den Kulissen des Kinofilms "Nachbarinnen"? Die Regisseurin und Hauptdarstellerin sprechen mit AVIVA-Berlin unter anderem ├╝ber die sch├Ânsten Momente bei den Dreharbeiten. (2005)



Literatur Beitrag vom 20.02.2017 Silvy Pommerenke 

   




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