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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 23.03.2017

Katharina Finke - Loslassen. Wie ich die Welt entdeckte und verzichten lernte
Silvy Pommerenke

Katharina Finke: "eine reisende Reporterin? Eine moderne Nomadin? Eine heimatlose Konsumkritikerin?" Nein, sie ist mehr als das: N├Ąmlich eine gute Erz├Ąhlerin, die es schafft, den eigenen Horizont zu erweitern (ohne zu reisen) und dabei gegen den unm├Ą├čigen Konsum unserer Gesellschaft zu appellieren!



Wieviel Dinge braucht der Mensch?

Der Prozess des radikalen Ausmistens geht nicht spurlos an Katharina Finke vorbei. Sie l├Ąsst die Leserin teilhaben an ihren ├ängsten, ob sie die Leere, die nach dem Verzicht auf materielle - und auch ideelle - Dinge vermutlich entstehen w├╝rde, f├╝llen kann. Mit sich f├╝llen muss. Es kommt zu diesem grunds├Ątzlichen Einschnitt in ihrem Leben, weil sie nach der Trennung von ihrem Freund die gemeinsame Wohnung aufl├Âsen. Und w├Ąhrend er aus melancholischen Gr├╝nden Dinge aufbewahrt, nutzt Katharina den gleichen Grund, um sich von Dingen zu verabschieden und um sich vor dem Gef├╝hl der Melancholie in Zukunft zu sch├╝tzen. Ob es ihr auch wirklich gelingt? Denn so leicht, wie sie es ihrem Ex-Freund glauben machen will, f├Ąllt ihr der Schritt nicht, ihr altes Leben so sehr auf den Kopf zu stellen bzw. loszulassen. Genau diese Zweifel machen es f├╝r die Leserin aber sehr nachvollziehbar, dass so ein Prozess m├Âglich (eventuell sogar n├Âtig), zugleich aber auch nicht einfach ist. Oder, um eine Freundin der Autorin zu zitieren: "Diese Widerspr├╝che machen dich menschlich."

Die Leserin erf├Ąhrt etwas ├╝ber die Minimalismus-Szene (deren bekanntestes Gesicht wohl Heidemarie Schwermer war), und aus welch unterschiedlichen Gr├╝nden Menschen diesen Lebensstil bevorzugen: aus politischem Bewusstsein, als Konsumkritik, wegen Erkrankung oder Verlust eines nahen Menschen und noch aus vielerlei anderen Gr├╝nden mehr. F├╝r Finke hatte es anfangs damit zu tun, dass sie sehr viel auf Reisen war und eine eigene Wohnung in Hamburg eine Belastung darstellte. Sie durchlebt aber einen Entwicklungsprozess, der letztendlich zu einem neuen, bewussteren Lebenskonzept f├╝hrt.

Letztendlich hat der Entschluss zum Loslassen bei Katharina Finke aber schon vor vielen Jahren begonnen. So nimmt sie die Leserin autobiografisch mit auf ihrer r├Ąumlichen und mentalen Entwicklungs-Reise ├╝ber Stationen wie Bristol, Barcelona, Sevilla, Jerusalem, New York, Neu-Delhi - um nur einige Stationen der Kosmopolitin zu nennen. Sie schildert die zahlreichen sch├Ânen Erlebnisse, die aufregenden Eindr├╝cke jeden neuen Ortes, das Gef├╝hl der unbegrenzten Freiheit. Sie schildert aber auch das Gef├╝hl von Leere, Entwurzelung und Einsamkeit und die Schwierigkeit, die das unstete Leben in Bezug auf emotionale feste Beziehungen mit sich bringt. Und, sehr selbstkritisch, dass das ziellose Durch-die-Welt-Jetten eine Flucht vor sich selbst war.

Zudem schildert sie die Selbstzweifel, die sie ├╝berkommen, nachdem zwei ihr nahestehende Menschen verstarben, w├Ąhrend sie auf Reisen war. Sie konnte sich somit nicht von ihnen verabschieden und Finke sieht immer mehr die negativen Seiten, die mit dem Freiheitsgef├╝hl des stetigen Reisens verbunden sind: emotionale Bindungen und eine feste Bande sind dadurch kaum lebbar. Sie bringt es auf den Punkt: Soziale Einzelg├Ąngerin - "Ich war im freien Fall, weil da nichts war, was mich halten konnte." Schlie├člich f├╝hrt das zu einer depressiven St├Ârung, die sie in Berlin psychotherapeutisch behandelt, und auch dadurch, dass sie sich ein festes WG-Zimmer anmietet und nun endlich auch einen R├╝ckzugsort und Privatsph├Ąre findet. Nach kurzer Zeit verl├Ąsst sie aber wieder Berlin und zieht nach New York - ein Jobangebot wartet dort auf sie. Und nach Big Apple folgen noch etliche andere Auslandsaufenthalte. Katharina Finke st├Â├čt dabei immer wieder an ihre Grenzen. Vor allem, wenn es darum geht, sich emotional auf Menschen einzulassen und eine feste Bindung einzugehen. Sie wirkt atem- und ruhelos dabei. Eine Suchende, die nichts findet - au├čer unz├Ąhlige Auslandsimpressionen. Und, so sch├Ân der Gedanke auch ist, st├Ąndig unterwegs zu sein und weniger Besitz zu haben, so bleibt nach der Lekt├╝re die Frage, ob bei Finke und all den Menschen, die diesen Lebenswandel pflegen, nicht einfach eine Suchtverlagerung stattfindet. Statt des materiellen Besitzes werden L├Ąnder, Menschen und Sehensw├╝rdigkeiten fast schon zwanghaft konsumiert. Das w├╝rde dann auch - trotz all der Konsumkritik und moralischen Appelle, die Finke in ihrem Buch untergebracht hat -, sehr gut zum heutigen Zeitgeist der ├ťberflussgesellschaft passen: schneller, h├Âher, weiter - immer mehr - konsumieren um des Konsums Willen... Sie stellt sich allerdings selbst die Frage, was sie eigentlich ist: "eine reisende Reporterin? Eine moderne Nomadin? Eine heimatlose Konsumkritikerin?" Und kann sie doch nicht beantworten... Bei allem gibt sie aber auch allerlei Historisches preis, schildert ihre Erlebnisse mit anderen Kulturen und ihre unb├Ąndige Neugier f├╝hrt sie an so manch ungew├Âhnlichen Ort. Als Reisef├╝hrer f├╝r neugierige Menschen allemal lesenswert!

AVIVA-Tipp: Katharina Finkes "Loslassen" ist mehr als nur ein Buch ├╝ber ihre pers├Ânliche Entwicklung. Es ist zugleich Reise- und Architekturf├╝hrer, gesellschaftskritischer und moralischer Appell, Lebensratgeber. Neben der unglaublich kurzweiligen Lekt├╝re und den schillernden Beschreibungen ferner L├Ąnder bleibt vor allem eins bei der Leserin zur├╝ck: die Idee des Loslassens auf das eigene Leben anzuwenden! Ein Schriftzug in Lissabons Stra├čen bringt das Lebensmotto von Katharina Finke wohl am besten zum Ausdruck: "The best things in life aren┬┤t things".

Zur Autorin: Katharina Finke (geboren 1985) ist Autorin und freie Korrespondentin. Sie arbeitet unter anderem f├╝r den Freitag, die ZEIT, SPIEGEL, ARD und ZDF. Seit f├╝nf Jahren berichtet Katharina Finke ├╝ber Nachhaltigkeits- und Menschenrechtsthemen von verschiedenen Orten auf der Welt, an denen sie dann auch immer lebt. 2015 ist ihr Buch "Mit dem Herzen einer Tigerin" erschienen, in dem es um Gewalt gegen Frauen in Indien geht. Sie berichtet von verschiedenen Orten auf der Welt. Bislang aus Australien, Bangladesch, China, Deutschland, Indien, Israel, Kanada, Niederlande, Neuseeland, Portugal und den USA. Ihre Schwerpunkte dabei sind Gesellschaft, Kultur, Reise und Umwelt, mit Fokus auf sozialen Projekten und Menschenrechtsthemen. Finke arbeitet f├╝r Print- und Onlinemedien, sowie f├╝r deutschsprachiges Fernsehen. In "LOSLASSEN ÔÇô Wie ich die Welt entdeckte und verzichten lernte" erz├Ąhlt Finke von ihrem minimalistischen Lebensstil und ihren Reisen rund um den Globus. (Quellen: Verlagsinfo & Freischreiber)

Katharina Finke
Loslassen ÔÇô Wie ich die Welt entdeckte und verzichten lernte

Piper / Malik Verlag, erschienen M├Ąrz 2017
Klappenbroschur, 224 Seiten
ISBN: 978-3-89029-481-0
Euro 15,00
www.piper.de

Katharina Finke im Netz www.katharina.finke.com

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Literatur Beitrag vom 23.03.2017 Silvy Pommerenke 

   




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