Shahar Arzy und Moshe Idel. Der Dibbuk im Gehirn. Kabbala und Neurowissenschaft - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 17.05.2017

Shahar Arzy und Moshe Idel. Der Dibbuk im Gehirn. Kabbala und Neurowissenschaft
Nea Weissberg

Das Buchprojekt entspringt einer Kooperation zwischen dem Forscher jüdischer Mystik, Historiker und Philosophen Moshe Idel, und seinem Jerusalemer Kollegen, dem Neurowissenschaftler und Neurologen, Shahar Arzy. Unter Zuhilfenahme neurowissenschaftlicher Arbeitsweisen...



... versuchen beide, die Handhabungen der Kabbala und die damit verbundenen, eingesetzten neurokognitiven Mechanismen zu ergründen.

Einblicke in kabbalistische Verzückung

Arzy und Idel benennen vier Wesenheiten ekstatischer Erlebnisse in der jüdischen Mystik, bei der es zu einer Trennung von Körper und Selbst kommt:

1. Die autoskopische Ekstase, bei welcher die/der Mystiker_in halluziniert, sich selbst außerhalb ihres/seines Leibes zu sehen und ihr/sein Spiegelbild im Sinne eines vermeintlich Anderen betrachtet.
2. Die Ekstase des Aufstiegs, in deren Ablauf die/der Mystiker_in wahrnimmt, wie sie/er - völlig schlaftrunken und wie in Trance - aus ihrem/seinem Körper heraustritt und transzendente "himmlische Wesen" antrifft.
3. Die Ekstase des symbiotischen Eins Werdens, in deren Folge ein/e Mystiker_in ihrer/seiner enthusiastischen Sehnsucht nachspürt, um sich mit einem Maggid, mit dem positiv besetzten Göttlichen, zu vereinigen.
4. Die dissoziative Ekstase ist die Stufe, bei der ein scheinbar auswärtiger Geist in die geistige Gemütslage des Mystikers/Mystikerin eindringt und ihn/sie beherrscht. Dies kann sich unter anderem darin äußern, dass fremde Stimmen eines Dibbuks, eines dämonenhaften Traumgespenstes gehört werden und ein Beeinflussungserleben auslösen.

Allen vier Formen ist gemeinsam, dass jede dieser intensiv empfundenen Erlebnisse auf neurokognitiven Mechanismen beruht.
Die beiden Forscher rekonstruieren mutmaßliche Techniken, derer sich kabbalistische Mystiker aus eigener Kraft bedienten. Sie gehen davon aus, dass sich ein ekstatischer Affekt nicht von selbst ausbildet. Vielmehr muss sich ein Befinden einer Bewusstseinsveränderung sorgsam ausformen, z. B. durch Fasten, Schlafentzug, durch stilles Rezitieren fortwährender Gebete, Imagination einer Bewegung etc.

Im Gehirn können motorische Schaltstellen angeregt werden:
Ein total verzückt entrückter Gemütszustand kann durch Zuhilfenahme von memorierten Methoden freigesetzt werden, aber auch fokale elektrische Hirnstimulierungen können neurokognitive und neurophysiologische Mechanismen steuern und ermöglichen.

Hervorgerufener übersteigerter Enthusiasmus zeigt sich im sensorischen und motorischen Verhalten etwa durch krampfhaftes Zittern, Hyperventilieren, durch gellende Schreie oder heftige, hitzige Bewegungsabläufe, die allenfalls im kollabierenden Zusammenbruch enden können.

AVIVA-Tipp: Leserinnen und Leser, die sich für Formen der Ekstase in der Kabbala sowie im osteuropäischen Chassidismus und für deren historischen Hintergründe interessieren, sowie althergebrachte spirituelle, mystische und symbolträchtige Ereignisse kennen lernen möchten, für die ist dieses Buch zu empfehlen und zugleich eine intellektuelle Herausforderung. Für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist "Der Dibbuk im Gehirn - Kabbala und Neurowissenschaft" eine wahre Fundgrube.

Zu den Autoren:

Moshe Idel
, geboren 1947 in Rumänien, lebt seit 1963 in Israel. Er lehrt an der Hebräischen Universität Jerusalem und ist derzeit international der führende Forscher zur jüdischen Mystik. Seine Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Israel-Preis (1999), mit dem Israel Prize in Jewish Thought and the Hebrew University President´s Prize for outstanding research und dem EMET Prize. Ebenfalls im Suhrkamp Verlag von Moshe Idel erschienen sind die Bücher "Alte Welten, neue Bilder - Jüdische Mystik und die Gedankenwelt des 20. Jahrhunderts", "Der Golem - Jüdische magische und mystische Traditionen des künstlichen Anthropoiden" sowie "Kabbala und Eros".

Shahar Arzy, studierte Medizin und Neurowissenschaft. Er ist Direktor des Computational Neuropsychiatry Lab an der medizinischen Fakultät der Hebräischen Universität in Jerusalem und arbeitet als Neurologe am Hadassah Hebrew University Medical Center.

Shahar Arzy - Moshe Idel
Der Dibbuk im Gehirn
Kabbala und Neurowissenschaft

Originaltitel: A Neurocognitive Approach to Mystical Experiences
Aus dem Englischen von Eva-Maria Thimme und Jürgen Schröder
Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, erschienen 2016
ISBN 978-3-633-54281-9
Gebunden, 221 Seiten
24,00 €
www.suhrkamp.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Das Sefer Jezira und Einführung in die lurianische Kabbala Die Übersetzung des wichtigsten Werkes der Kabbala (Sefer Jezira), sowie eine Einführung in die Lehren ihres einflussreichsten jüdischen Mystikers, sind nun im Verlag der Weltreligionen erschienen. (2008)

Literatur Beitrag vom 17.05.2017 AVIVA-Redaktion 

   




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