Marlow Moss - A Forgotten Maverick - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
Aviva-Berlin .
.
P
R
.
.

AVIVA_gegen_AFD Happy End
Aviva-Berlin > Literatur
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   Jüdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   Jüdisches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 
  Hier suchen, oder zur Sucheseite!


AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook
 


AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2017




Happy Birthday AVIVA




Gleichstellung weiter denken. Ein Leitbild für das Land Berlin

Gleichstellung weiter denken
Mehr Infos unter:
www.gleichstellung-weiter-
denken.de



<< Kleine Suche
Nutzen Sie gern unsere Suche in größerer Schrift!

TIPP: über den Zurück-Button Ihres Browsers kommen Sie erneut zur Suche.




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 02.06.2017

Marlow Moss - A Forgotten Maverick
Lisa Baurmann

Zeichnungen, Malereien, Reliefs und Skulpturen mit rhythmischen Linien und geometrischen Formen: Die Geschichte von Marlow Moss ist die einer unangepassten, lesbischen, jüdischen Malerin und Bildhauerin in der Kunstszene der 1930er und 40er Jahre, die trotz ihrer richtungsweisenden Innovationen...



... in der öffentlichen Wahrnehmung – im Gegensatz zu ihren Zeitgenossen – kaum berücksichtigt wurde.

Der Mechanismus, der bei der Rezeption von Marlow Moss am Werk war, ist ein allzu bekannter: Eine Künstlerin und ein Künstler, die sich womöglich nahe stehen, beeinflussen sich gegenseitig und entwickeln eine neue Bildsprache – im Nachgang werden die Neuerungen dem Künstler zugeschrieben und die Künstlerin wird bestenfalls zur Fußnote der Kunsthistorie. So auch die posthume Wahrnehmung von Marlow Moss und Piet Mondrian: Er erlangte weltweite Berühmtheit, sie geriet fast vollständig in Vergessenheit.

Langsam wird das Werk der gebürtigen Britin, die lange in Frankreich und den Niederlanden lebte und arbeitete, jedoch wieder entdeckt. 2014 wurde ihr in ihrem Heimatland die erste Retrospektive gewidmet, die in St. Ives, Leeds, Hasting und in der Tate Britain in London gastierte. Nun ist die Wiederentdeckung von Marlow Moss´ Werk auch im deutschsprachigen Raum angekommen: Die Direktorin des Museums Haus Konstruktiv in Zürich, Sabine Schaschl, kuratierte gemeinsam mit der Kunsthistorikerin und Moss-Forscherin Lucy Howarth das Werk der Künstlerin. Vom 9. Februar bis zum 7. Mai 2017 zeigten sie die Ausstellung "Marlow Moss. A Forgotten Maverick". Zusammen mit dem gleichnamigen Bildband soll sie einen Beitrag dazu leisten, Moss endgültig aus dem Schatten Mondrians heraus rücken.

Die Erfindung der Doppellinie

Dies ist überfällig, die Malerin und Bildhauerin arbeitete in ihrer Zeit in Paris nicht nur auf Augenhöhe mit Mondrian, sie hatte bedeutenden Einfluss auf ihn. 1930, zwei Jahre vor dem niederländischen Maler, verwendete sie zum ersten Mal zwei parallele, von einer schmalen weißen Fläche getrennte schwarze Linien in ihren abstrakten Kompositionen. Mondrian schrieb Moss bald darauf einen Brief, in dem er sie bat, ihr ihren Einsatz der Doppelline zu erläutern, die bis dahin innerhalb der strikten Formsprache des Neoplastizismus äußerst unorthodox war. Marlow Moss´ Erklärung ist wie folgt überliefert:

"First: single lines split up the canvas so that the composition falls apart into separate planes [...].
Second: single lines make the composition static.
Third: the double line or a multiplicity of lines renders ´a continutity of related and inter-related rhythm in space´ possible, which makes the compostion dynamic instead of static."


Mondrian gesteht in einem Brief an den befreundeten Künstler Jean Gorin ein, dass er die Theorie nicht verstanden habe – und wird die parellelen Linien nichtsdestotrotz später selbst verwenden, ohne auf Marlow Moss´ Urheberinnenschaft hinzuweisen.

Schönheit in Linien und Kreisen

Während sich die beiden Künstler_innen zutiefst bewunderten und gegenseitig beeinflussten, unterscheiden sich ihre Werke, so ähnlich sie sich in den 30er Jahren äußerlich auch sind, grundlegend in der Konzeption. Mondrian malte intuitiv und verband mit seinen strengen Linien und Flächen eine Symbolik, die mit essentialistischen, patriarchalen Vorstellungen unterfüttert war. So sah er in vertikalen Linien ein vermeintlich männliches Prinzip, in horizontalen das weibliche.

Moss dagegen lehnte jegliche metaphysische Komponente ab. Ihre Linien und Flächen ergaben sich aus arithmetischen Berechnungen. Die detaillierten Vorstudien zu ihren Werken sind mit Zirkel und Lineal gezeichnet und mit dutzenden Zahlenangaben versehen. In den klaren Formen findet sie Schönheit. Lucy Howarth zitiert Moss in ihrem Essay zur Ausstellung 2014 in der Tate Gallery:

"Quoting from Plato….. what I understand by beauty of form is, something characterized by straight lines and circles [...]. For these forms are not like the others (natural forms), beautiful under certain conditions, but are always beautiful in themselves"

Die streng geometrische Arbeitsweise behält sie auch in späteren Jahren bei, als sie sich zunehmend von dem Regelwerk des Neoplastizismus emanzipiert. Allmählich ergeben die schwarzen Linien und Farbflächen in ihren Malereien nicht mehr ein geschlossenes Raster, sondern sind freier über die Leinwand verteilt. Sie beginnt, mit Reliefs und Skulpturen zu arbeiten. Die Materialien der Reliefs sind grobes Leinen, Kordel, flache Holzleisten, die – oft in Weiß auf Weiß – auf der Leinwand aufgebracht sind. Die streng geometrischen Formen erhalten so eine erstaunliche Plastizität und Tiefe. Die Skulpturen aus Holz und Metall übertragen die dynamische, rhythmische Sprache ihrer Malerei in alle Dimensionen des Raums.

Bildband zur Ausstellung: A Forgotten Maverick

Auch nach Ende der Ausstellung in Zürich lässt sich am Bildband die künstlerische Entwicklung Moss´ nachvollziehen, von ihrer gestalterischen Nähe zu Mondrian über die Einführung der Doppellinie bis hin zur Auflösung des Rasters und den dreidimensionalen Arbeiten.

Obwohl mit Ankie Jongh-Vermeulen und Lucy Howarth ausgesprochene Moss-Expertinnen zum Band beitragen, haben die Essays eher Einführungscharakter. Möglicherweise war dies intendiert, um das deutschsprachige Publikum erst einmal an das Œuvre heranzuführen. Dennoch hätten einige der Punkte, die Howarth bereits tiefgehend in ihrer Dissertation zu Moss untersucht hat, die Textbeiträge gewinnbringend ergänzen können.

Ressentiment, Verfolgung, verschollene Werke

Obwohl sich die Frage der Leserin geradezu aufdrängt, wird beispielsweise nur oberflächlich thematisiert, warum die Würdigung von Moss´ Werk so lange fast völlig ausblieb und auch in den letzten Jahren nur langsam aufgeholt worden ist. Im Band wird angedeutet, dass Moss Einzelgängerin ("Maverick") war und eher zurückgezogen arbeitete, und zudem ihr Nachlass äußerst lückenhaft ist. Lange Jahre lebte sie mit ihrer Lebenspartnerin Nettie Nijhoff auf dem Château d´Evreux in der Normandie, später alleine in einem Atelier in Cornwall, wo sie 1958 starb. Das Château wurde bei einem Luftangriff 1944 zerstört, und mit ihm ein Großteil der Werke der Künstlerin. Hinzu kommt, dass von den Werken, die Marlow Moss in England schuf, eine große Zahl nach einer Retrospektive in Arnhem 1995 unauffindbar geblieben ist.

Marlow Moss als Einzelgängerin zu charakterisieren, erzählt aber nur einen Teil ihrer Geschichte. Dass sie bereits in der zeitgenössischen Rezeption wenig Beachtung fand, obwohl sie Gründungsmitglied der Pariser konstruktivistischen Gruppe Abstraction-Création war und in Briefkontakt zu einigen europäischen Kunstgrößen stand, muss auch mit den Hindernissen erklärt werden, die ihr als Frau, die alle Geschlechterkonventionen der Zeit brach, zweifelsohne in den Weg gelegt wurden: Moss war unabhängig, lesbisch, gab sich selbst den Namen ´Marlow´, schnitt sich die Haare kurz und trug mit Vorliebe Reiteranzüge.

Mit dem Kriegsausbruch in Europa drohte ihr noch dazu die Verfolgung durch den Nationalsozialismus. Als Jüdin musste sie im Jahr 1940, als deutsche Truppen die Niederlande okkupierten, auf einem Fischkutter über den Ärmelkanal nach England fliehen. Zurück in Cornwall, wo sie bereits nach dem Studium in London einige Jahre verbracht hatte, nahm sie nur ausgewählte Kontakte zur lokalen Kunstszene auf. Wo sie es versuchte, stieß sie auf Widerstände: Unter ihren britischen Kolleg_innen waren nicht nur sexistische Ressentiments noch stärker verankert, sondern auch ein großer Skeptizismus gegenüber der europäischen Moderne.
Letzterer war Moss nicht nur zweifellos zugehörig: Sie leistete einen zu Unrecht übersehenen Beitrag.

AVIVA-Tipp: Der Bildband wirft ein Schlaglicht auf eine Künstlerin, die viel zu lange in Vergessenheit geraten war, und deren Œuvre und Biographie gleichermaßen beeindrucken. Sabine Schaschl, Ankie de Jongh-Vermeulen und Lucy Howarth zeigen uns, dass es an der Zeit ist, unser Bild von der Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts um diese wichtige Protagonistin zu ergänzen.

Zur Künstlerin: Marlow Moss wurde 1989 in Kilburn, London als Tochter von Frannie Moss und des Textilhändlers Lionel Moss geboren und erhielt den Namen Marjorie Jewel Moss. 1916 begann sie, gegen die Wünsche ihrer Familie, ein Kunststudium an der St. John´s Wood Art School, später an der Slade School of Fine Arts. 1920 brach sie sowohl den Kontakt zur Familie als auch ihr Studium ab und zog allein nach Cornwall. Zu dieser Zeit nahm sie den Namen ´Marlow´ an und begann, sich die Haare kurz zu schneiden und androgyn zu kleiden. Drei Jahre später nahm sie erneut ein Kunststudium an der Penzance School of Art auf. Marlow Moss zog es 1927 nach Paris: dort begann sie, an der Académie Moderne bei Fernand Léger und Amédée Ozenfant zu studieren, und traf ihre spätere Lebenspartnerin, die Schriftstellerin Antoinette Hendrika (Nettie) Nijhoff-Wind. 1929 begegnete sie zum ersten Mal Piet Mondrian, dessen Kunst auf sie einen nachhaltigen Eindruck hatte. Zwei Jahre später wurde sie auf dessen Anregung hin Gründungsmitglied der Gruppe Abstraction-Création. Moss war mit ihren Kunstwerken bei Pariser, Baseler und Amsterdamer Sammelausstellungen vertreten. Mit Nettie Nijhoff zog sie sich 1937 auf das Château d´Evreux in Gauciel zurück, 1939 auf die niederländische Insel Walcheren. 1940, vor der deutschen Invasion der Niederlande, war sie gezwungen, alleine nach England zu fliehen. Dort ließ sie sich in Lamorna in Cornwall nieder. Ein Bombenangriff der deutschen Luftwaffe zerstörte 1944 das Château d´Evreux und damit alle dort befindlichen Werke der Künstlerin. Den Kontakt zu Nettie Nijhoff hielt Marlow Moss bis zu ihrem Krebstod im Jahre 1958.
Ihre Werke befinden sich heute in den Sammlungen der Tate Modern, des Gemeentemuseum The Hague, und des Kröller-Müller Museums.

Marlow Moss
A Forgotten Maverick

Hg. von Sabine Schaschl
mit Beiträgen von Sabine Schaschl, Ankie de Jongh-Vermeulen und Lucy Howarth
Übersetzungen von Ewa Dewes und Simon Thomas
Hatje Cantz Verlag, erschienen: April 2017
Gebunden, 132 Seiten, 116 Abbildungen
Sprache: Deutsch und Englisch
38 Euro
ISBN: 978-3-7757-4300-6
www.hatjecantz.de

Mehr Literatur zu Marlow Moss

Riet Wijnen, "Marlow Moss", Kunstverein Publishing, 2013

Florette Dijkstra, Annie Wright, "Marlow Moss: Constructivist and the Reconstruction Project", Platten Press, 1995

Mehr Infos zu Marlow Moss

Lucy Howarth – "The lonely radical:Marlow Moss at Tate St Ives"

Lucy Howarth – "Marlow Moss: Space, Movement, Light"

< a href="http://www.femininemoments.dk/blog/parallel-lives-marlow-moss-claude-cahun-2014/" target="_blank">Feminine Moments – Queer Feminist Art Worldwide – "Parallel Lives: Marlow Moss & Claude Cahun (2014)"


Facebook: "De Stijl 1917 - 1931 – Marlow Moss"


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

KÜNSTLERINNEN IM DIALOG. Drei Tassen und eine japanische Puppe
Unter diesem Motto zeigt "Das Verborgene Museum. Dokumentation der Kunst von Frauen e.V." vom 27. April 2017 - 06. August 2017 eine als Zwiegespräch in Bildern Europäischer Künstlerinnen der um 1900 geborenen Generation angelegte Ausstellung. Im Zentrum steht unter anderen das konstruktivistische "Stillleben mit Tassen" (1928) von Lou Loeber, für die die Begegnung mit den Kollegen der de Stijl-Bewegung, Piet Mondrian und Gerrit Rietveld richtungweisend war. (2017)

Hannah Höch. Revolutionärin der Kunst. Das Werk nach 1945. Der Ausstellungskatalog zur Ausstellung im Kunstmuseum Mülheim
Hannah Höch gilt als eine der bedeutendsten deutschen Künstlerinnen der klassischen Moderne. Sie zählt zu den zentralen Figuren, die die emanzipatorische Kunst der Avantgarden der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mitbegründeten. (2016)

Vera Molnar, F
[DAM]Berlin präsentiert vom 30.05.-12.07.2008 eine Ausstellung über die für ihr Lebenswerk ausgezeichnete Preisträgerin des d.velop digital art award 2005. Vera Molnar gilt als Vordenkerin und Pionierin im Bereich der Computerkunst. Sie legte ihrer konstruktivistischen Kunst algorithmische Berechnungen zugrunde. (2008)

Schwarze Ikonen der (Kunst-) Revolution
Die Deutsche Guggenheim Berlin zeigt die Ausstellung Kasimir Malewitsch - Suprematismus neuentdeckte Meisterwerke eines der Begründer der abstrakten Malerei. (2003)

Literatur Beitrag vom 02.06.2017 AVIVA-Redaktion 

   




   © AVIVA-Berlin 2017  
zum Seitenanfang suche sitemap impressum home Seite weiterempfehlenSeite drucken