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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 16.09.2017

Nachrichten aus dem gelobten Land. Die Briefe der Anuta Sakheim. Herausgegeben von Katharina Pennoyer und der Initiative 9. November
Sharon Adler

Sie versuchte das Leben nach dem Überleben und überlebte doch am Ende nicht. Die erste weibliche Taxifahrerin in Palästina wurde am 15. Februar 1896 in Lodz, Polen, als Anuta Plotkin geboren, verheiratet war sie mit Dr. phil. Arthur Sakheim. Ihre Reise ins Exil und das schwierige Leben danach ist in ihren Briefen an ihren Sohn und an ihre Schwägerin in New York dokumentiert. Den letzten schrieb sie am 16. Juli 1939. Im August 1939 nahm sie sich in Tel Aviv das Leben.



Die in "Nachrichten aus dem gelobten Land" veröffentlichte briefliche Korrespondenz beginnt am 17. März 1938. Da ist Anuta Sakheim schon in Tel Aviv, wohin sie nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes am 23. August 1931 in Frankfurt am Main und nach ihrer persönlichen Odyssee und endgültigen Entlassung aus dem Ullstein Verlag nach der Machtübernahme der Nazis geflohen war. Geflohen gegen den Rat der Familie, die wie so viele glaubte, dass die braune Herrschaft nur eine vorübergehende sein würde, und dass ihnen als angesehenen – größtenteils assimilierten jüdischen Menschen – doch nichts geschehen würde.

Ausgrenzungen und soziale Isolation waren es, die Anuta Sakheim mit ihrem zehnjährigen Sohn zur Flucht aus der zweiten Heimat (Hamburg, Frankfurt, Berlin) zwangen. Die Emigration bedeutete für Anuta Sakheim auch den Verlust der Sprache und Kultur, und der einigermaßen gesicherten Existenz der alleinerziehenden Mutter.
Anuta Sakheim hat jedoch vor allem die Zukunft im Blick, und ganz besonders die ihres Sohnes. Als sie Ende 1933 mit ihrem kleinen Sohn Ruben nach Palästina flieht, in ein fremdes Land, dessen Sprache sie nicht spricht, kauft sie von ihrem letzten Geld ein Auto – und verdient als erste Taxifahrerin in Jaffa ihren Lebensunterhalt. Mehr schlecht als recht. Das Leben ist bestimmt von chronischem Geldmangel, zudem bleibt ihr kaum Zeit für Ruben, denn sie ist oft tagelang unterwegs. Um wenigstens dem inzwischen 14-Jährigen eine Zukunft zu ermöglichen, schickt sie ihn 1938 schweren Herzens zur Ausbildung zu ihrer Schwägerin Jeanette Sakheim nach New York. In Anutas Briefen ist ihre finanzielle Situation, die Hürden für die Beschaffungen der erforderlichen Affidavits oder die ärztlichen Untersuchungen aufs Genaueste dokumentiert.

An Jeanette Sakheim, Tel Aviv, 17. März 1938:
"(…) Nun könnte er fahren. Nun fehlt das Reisegeld. Ich habe alles, was nur möglich war, in Bewegung gesetzt. Bisher ohne Erfolg. Bekannte von mir fragten bekannte, in Jerusalem, bei Landshuts nochmal gesprochen – nichts bisher. Meine Freunde, die die Lage kennen, fragen jeden, der nur infrage kommt und den, von dem man annimmt, dass er es könnte. N i c.h.t s."

Schließlich gelingt es, doch es wird ein Abschied für immer. Einzig diese Briefe sind geblieben.

An Ruben Sakheim, Tel Aviv, 17. Oktober 1938:
"Wir hatten einen Menahel-Avoda (einen Arbeitsleiter), der die Preise ansagt, bestimmte – und keine Debatten mit den Kunden, kein Handeln. Nichts. Einsteigen, Gepäck – Preis- Abfahrt. Im Port hatte ich nichts zu tun, die Kollegen ließen mich nicht einmal den Strick anfassen. Aber im Haus angekommen, muss ich die schweren Koffer schleppen, die schwerer waren, als ich im Ganzen bin. Es war ungeheuer schwer und anstrengend, aber Rubele, stell Dir vor, an dem Tag mit der "Polonia" habe ich über 2 Pfund gehabt und bei der "Galilea" nicht weniger."

Doch so sehr Anuta auch mit ihrem eigenen Schicksal beschäftigt ist, so sehr sieht und berührt sie auch das Schicksal anderer. Derer, die erst nach ihr in das "Gelobte Land" kommen, oder derer, denen die Einreise durch die Briten verweigert wird. Es sind Überlebende der Pogrome auf der Flucht vor den Nazis.

"(…) 700 Illegale hat man hier geschnappt und sie heute wieder auf hohe See gesetzt, ohne Ziel, ohne Pass, ohne Geld, es soll entsetzlich gewesen sein. Die hygienischen Zustände auf dem alten Wrack entsetzlich und Krankheiten an Bord mit Babys u.s.w. Eine Frau hat ein Kind geboren und schlechtes, oder gar kein Essen und wieder weg in See, und keine Ahnung wohin."

Anuta Sakheims Briefe sind im Kontext ihrer Zeit zu verstehen und zu lesen. Sie berichten eindringlich vor allem von ihren persönlichen (den finanziellen, jedoch niemals von den gesundheitlichen) Sorgen, ihrem Alltag im fremden Land, von den Erniedrigungen der Geflüchteten durch die Briten während der Mandatszeit und von der Sehnsucht nach ihrem Kind sowie von ihrer immer aussichtsloseren Lage in Palästina. Ebenso emphatisch wie über Terror, Tote und Verwundete schreibt sie von einem nicht fertig gestrickten Pullover für Ruben:

" (...) Rubchen, für den Pullover ist es nun zu spät, ich hab auch so viel zu stricken und zu tun, aber für den Herbst mache ich ihn Dir. Schicke unbedingt Farbe und Größe ein, die Du willst. Ja, nicht vergessen. Größe auch, da ich ja keine Ahnung habe, wieviel Du eigentlich wächst."

Gerade diese scheinbar banalen Dinge sind es, die den Druck verdeutlichen, unter dem sie stand. Doch Anuta Sakheim, geborene Anuta Plotkin, war eine, die nie ans Aufgeben dachte, die alles daran tat, durchzuhalten, weiterzugehen. Am Ende hat sie es nicht geschafft. Vereinsamt und mittellos nahm sich Anuta Sakheim, schwer an Krebs erkrankt, im August 1939 das Leben.
Ein Trost aber war ihr ganz sicher der Gedanke daran, ihrem Sohn das Leben gerettet zu haben. Zurück bleiben diese Briefe, die als Dokument eines großen (Frauen-)Lebens gelesen werden können und sollten.

Die Auswahl der Briefe aus dem Briefkorpus wird ergänzt durch akribisch recherchierte Biographien der Familie Sakheim, deren Schicksal des Davor und des Danachs sowie durch die sorgfältige Editierung. So sind die erhaltenen Briefe gleichermaßen als Rückblick zu verstehen auf eine leidvolle Zeit in Deutschland, die Anuta Sakheim geprägt und zutiefst verletzt hat, aber auch als Chronik der Emigrantin in Palästina unter dem britischen Mandat.

Der Sohn, den Anuta Sakheim in ihren Briefen liebevoll Ruble, Rubchen, Rübchen, Ruben-Kindchen nennt, hat überlebt. George, wie sich Ruben später nannte, kam 1944 als Soldat mit der ´104th Infantry Division´ zurück nach Deutschland kämpfte mit seiner Einheit bei Aachen und Köln und befreite das KZ Nordhausen. Bei den Nürnberger Prozessen arbeitete er als Dolmetscher und war so direkt mit den Tätern konfrontiert: "Natürlich glaubte ich ihnen nicht. Sie logen eindeutig und wollten die Vergangenheit vertuschen. Sie wollten sogar bemitleidet werden."

George, früher Ruben Gabriel Sakheim, ist mit Ilse Oschinsky verheiratet, die 1939 durch einen Kindertransport über Holland nach England überlebt hatte. Sie bekamen die Kinder Ruth und David.
Anutas Sohn, heute 94 Jahre alt, schreibt: "Wenn wir in Berlin geblieben wären, wäre ich 1943 zwanzig Jahre alt gewesen. Das war gerade das richtige Alter, um in ein KZ wie Auschwitz geschickt zu werden. Dieses Schicksal hat mir meine liebe und weitsichtige Mutter erspart."

AVIVA-Tipp: Ohne dieses sorgfältig aufbereitete und mit originalen Fotos herausgegebene Büchlein, dem Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt und der Initiative 9. November wäre die Geschichte der von den Nazis vertriebenen Anuta Sakheim wohl für immer in Vergessenheit geraten.
Anuta Sakheim, a woman to remember.

Nachrichten aus dem gelobten Land
Die Briefe der Anuta Sakheim

Herausgegeben von Katharina Pennoyer und der Initiative 9. November
Mit vielen s/w Fotos und farbigem Vorsatzpapier
Halbleinen, kleines Format, 96 Seiten
Verlag weissbooks.w., erschienen August 2017
978-3-86337-122-7
14,00 € (D)
www.weissbooks.com

Weiterführende Informationen erhalten Sie unter:

Der Lebensweg von George und Ilse Sakheim ist ausführlich dokumentiert vom Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt unter:
www.juedisches-leben-frankfurt.de

Die Seite 9. November finden Sie unter: www.initiative-neunter-november.de

Auf der Seite der Initiative "Stolpersteine Hamburg": www.stolpersteine-hamburg.de

Der Verleger Rainer Weiss erzählt auf boersenblatt.net, dem Portal der Buchbranche, wie es zur Herausgabe der Briefe von Anuta Sakheim kam: www.boersenblatt.net


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin.

Kristine von Soden - Und draußen weht ein fremder Wind .... Über die Meere ins Exil
Wie gelang den wenigen Überlebenden 1933 bis 1941 die Flucht ins Ungewisse, was ging dem Verlust um Heimat, Familie, Sprache und Kultur voraus? Im Zentrum dieses Buches steht der verzweifelte Kampf jüdischer Emigrantinnen um Visa und Affidavits für das von den Nazis erzwungene Exil. Anhand von Tagebüchern, Briefen, Gedichten sowie unveröffentlichten Bild- und Textdokumenten und literarischen Zeugnissen aus den im Deutschen Exilarchiv in Frankfurt am Main befindlichen Nachlässen jüdischer Emigrantinnen zeichnet die Autorin die dramatischen Umstände der individuellen Fluchtwege akribisch nach. (2017)

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Literatur Beitrag vom 16.09.2017 Sharon Adler 

   




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