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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 17.09.2017

Gerda Lerner - Es gibt keinen Abschied
Isabel Rohner

Gerda Lerner, die Pionierin der feministischen Geschichtswissenschaften und Verfasserin der Standard-Werke "Die Entstehung des Patriarchats" (1986) und "Die Entstehung des feministischen Bewusstseins" (1993), war auch eine beeindruckend gute Literatin. Ihren Fans heute ist das spätestens seit dem Erscheinen ihrer Autobiographie "Feuerkraut" (Czernin Verlag) 2009 klar. Jetzt hat der Czernin Verlag auch ihren ersten Roman "Es gibt keinen Abschied" – erstmals auf Deutsch 1953 erschienen – neu herausgegeben, klug kommentiert von Marlen Eckl.



1934 kommt es in Österreich zum Bürgerkrieg. Der Konflikt zwischen dem Regime Dollfuß, der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und den Arbeitern eskaliert. Der Aufstand wird niedergeschlagen. Tote, Verletzte und viele Gefangene sind die Folge. Im Leben der Familie Bergschmidt ist nichts mehr wie vorher: Die Eltern, ein sozialdemokratischer Abgeordneter und eine Hausfrau, versuchen mit aller Kraft das gesellschaftliche Ansehen zu bewahren – was ihn jedoch nicht vom Fremdgehen abhält. Sohn Gustl, ein angehender Arzt, muss ein Jahr ins Gefängnis und bleibt danach im Widerstand, Tochter Agi sucht ausgerechnet den Umgang mit den Faschisten. Und auch Leni, Gustls Freundin aus wohlhabender jüdischer Familie, ist zerrissen, ob und wie sie sich positionieren soll.

Gerda Lerner beschreibt in ihrem Roman, wie sich die Stimmung in Wien in den Jahren 1934 bis zur Annexion Österreichs 1938 zunehmend verändert und Faschismus und offener Antisemitismus immer mehr die Oberhand gewinnen. Anhand der fünf Hauptfiguren zeigt sie, welche Kraft es erfordert, in politisch unsicheren Zeiten eine klare Haltung zu vertreten – und wie verlockend und einfach es ist, sich vermeintlich rauszuhalten oder gar mitzulaufen. Ihr Roman lebt dabei von fast schon cineastischen Schilderungen und Dialogen und verschafft den Leserinnen und Lesern tiefe Einblicke in die Gedankenwelt der unterschiedlichen Figuren. Ein Roman, der nicht nur künstlerisch und historisch lohnend ist, sondern gerade heute wieder von großer Aktualität.

Und auch die Entstehungsgeschichte des Romans ist hoch interessant: Lerner, geboren 1920 in Wien, beginnt bereits 1941, wenige Jahre nach ihrer Flucht nach Amerika mit der Arbeit an dem Roman. Zuvor hatte sie bereits einige Kurzgeschichten verfasst und erfolgreich in amerikanischen Zeitschriften veröffentlicht – und zudem "jeden Drecksjob gemacht, den es für Frauen gab", so schildert sie es einmal in einem Interview. Auch ihren Roman will sie auf Englisch schreiben, nicht in ihrer Muttersprache. Sie will eine amerikanische Schriftstellerin werden, bringt sich alle Feinheiten der neuen Sprache bei. Zehn Jahre lang arbeitet sie an dem Roman, immer wieder, überarbeitet akribisch bis sie sprachlich und künstlerisch damit zufrieden ist. Sie beginnt damit, als ihre zwei Kinder noch sehr klein sind, arbeitet zudem als Röntgenassistentin, später als Chefsekretärin einer Gewerkschaft. Sie hat alles andere als ideale Arbeitsbedingungen.

1951 schließt sie die Arbeit ab, findet in Amerika jedoch keinen Verlag: Eine Geschichte über die Faschisten im Österreich der 1930er Jahre? Im Amerika der 50er schwierig bis uninteressant, so die einhellige Meinung. Ironie der Geschichte, dass Lerner ihren Roman 1953 schlussendlich in Österreich veröffentlicht – in der sehr guten deutschen Übersetzung von Edith Rosenstrauch-Königsberg. Der Roman erhält gute Kritiken, bis 1955 erscheinen drei Auflagen. Dann veröffentlicht Lerner "No Farewell" doch noch in Amerika, mit weit besserer Resonanz als von den Verlagen vormals erwartet.

Die Autorin schlägt dennoch eine andere Laufbahn ein: 1958 beginnt sie ihr Geschichtsstudium, mit 46 Jahren wird sie an der Columbia University promoviert – als Erste über ein frauengeschichtliches Thema. Danach startet ihre Karriere als eine der wichtigsten Wissenschaftlerinnen des 20. Jahrhunderts.

AVIVA-Tipp: "Jede Frau verändert sich, wenn sie erkennt, dass sie eine Geschichte hat.", sagte Gerda Lerner einmal. Lerners Roman "Es gibt keinen Abschied" ist ein Stück davon.

Zur Autorin: Gerda Lerner. Die Lebensgeschichte der 1920 in eine wohlhabende jüdische Wiener Familie hineingeborene Gerda Hedwig Kronstein beginnt mit der für diese Zeit unüblichen freiheitlichen Lebensweise ihrer Eltern (Ihre Mutter Ilona war eine ungarische Malerin und ihr Vater Robert war Apotheker) und ist schon früh durch die Verfolgung durch die Nationalsozialisten geprägt. Nachdem Gerda und ihre Mutter von den Nazis mehrere Wochen in Haft genommen wird, gelingt die Flucht. Mit ihrer Mutter und jüngeren Schwester Nora emigriert Gerda 1938 zuerst nach Liechtenstein, wohin der Vater schon zuvor geflüchtet war. Kurz darauf trennen sich ihre Wege jedoch endgültig. Nora (verheiratete Nora Kronstein-Rosen) geht in die Schweiz, überlebt, und arbeitet ab 1962 als Künstlerin und Textildesignerin in Israel. Ihre Mutter Ilona (Ili) Kronstein, geborene Neumann flieht nach Südfrankreich, wird mit Tausenden anderen jüdischen Flüchtlingen, darunter Charlotte Salomon und Hannah Arendt, in Gurs interniert. Sie starb 1948 im Alter von 51 Jahren.

Gerda Kronstein kann sich 1939 nach New York retten und heiratet, um vom Schiff an Land gehen zu dürfen. Als die Ehe kurz darauf geschieden wird, kämpft sie sich zuerst mit kleinen Jobs durchs Leben. Bis sie 1958 ihr erstes Studium an der New Yorker New School for Social Research beginnt, durchlebt sie mit ihrem zweiten Mann, dem Filmemacher Carl Lerner, die sie wieder in die Armut treibende Kommunistenverfolgung der McCarthy-Ära. Sie engagiert sich in der Frauenbewegung, der Friedensbewegung und der Gewerkschaft, und bekommt zwei Kinder.
Gerda Lerner war Professorin für Geschichte an der University of Wisconsin und eine Pionierin der Frauengeschichte: 1963 gab Gerda Lerner an der New York University den weltweit ersten offiziellen Kurs zur Frauengeschichtsschreibung.
Neben ihrer umfassenden und wegweisenden Quellensammlung "Black Women in White America: A Documentary History" von 1967, zählen zu ihren wichtigsten Büchern ihre 1986 veröffentlichte Abhandlung "Die Entstehung des Patriarchats" und "Die Entstehung des feministischen Bewusstseins" von 1993.
Gerda Lerner ist Trägerin diverser Ehrendoktorate und Preise, u. a. 1996 des Österreichischen Ehrenzeichens für Wissenschaft und Kunst sowie des Bruno-Kreisky-Preises für ihr literarisches und publizistisches Gesamtwerk 2006. Ihr wurden insgesamt achtzehn Ehrendoktorinnentitel verliehen, u. a. von der Universität Wien und der Hebräischen Universität Jerusalem. Aus den Roben ihrer Ehrendoktorinnentitel machte sie einen bunten Wandbehang für ihr Wohnzimmer.
Gerda Lerner starb am 2. Januar 2013 in Madison, Wisconsin.

Gerda Lerner
Es gib keinen Abschied

Originaltitel: No Farewell
Aus dem Englischen von Elisabeth Rosenstrauch-Königsberg
Roman
Mit einem Vorwort von Marlen Eckl
Hardcover, Schutzumschlag, 352 Seiten
ISBN: 978-3-7076-0610-2
Czernin Verlag, erschienen 2017
Euro 24,90
Mehr Informationen zum Buch unter: www.czernin-verlag.com

Ebenfalls im Czernin Verlag erschienen:

"Feuerkraut. Eine politische Autobiografie" (Originaltitel: (Fireweed. A Political Autobiography)

Gerda Lerners Autobiographie gewährt einen Einblick in das Leben der renommierten Historikerin und Pionierin der Frauenbewegung. Lebendig wird alles, was sie selbst lebte: Von der Wiener Bourgeoisie über die Auswanderung nach Amerika bis zu ihrer beruflichen Laufbahn als eine der feministischen Leitfiguren des 20. Jahrhunderts.
Mehr Informationen unter: www.czernin-verlag.com

Mehr Literatur von Gerda Lerner

Zukunft braucht Vergangenheit. Warum Geschichte uns angeht. Helmer, Königstein/Taunus 2002
Die Entstehung des feministischen Bewusstseins. Vom Mittelalter bis zur ersten Frauenbewegung (= Frauen und Geschichte. Bd. 2). Campus, 1993
Die Entstehung des Patriarchats (= Frauen und Geschichte. Bd. 1). Campus-Verlag, Frankfurt am Main u. a. 1991
1979 Frauen finden ihre Vergangenheit. Grundlagen der Frauengeschichte. Campus-Verlag, Frankfurt am Main u. a. 1995
Ein eigener Tod. Der Schlüssel zum Leben. Böhme und Erb, Düsseldorf 1979

Weitere Informationen zu Gerda Lerner (Biographie, Bücher, Papers, Lectures und Interviews) finden Sie unter:

www.gerdalerner.com

www.womenneedtoclimbmountains.com

Jewish Women´s Archive

www.fembio.org

Schlesinger Library at the the Radcliffe Institute for advanced Study: www.radcliffe.harvard.edu/schlesinger-library

Mehr Literatur über Gerda Lerner:

Alice Schwarzer: Gerda Lerner, Historikerin. In: Alice Schwarzer: Alice Schwarzer porträtiert Vorbilder und Idole. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003, ISBN 3-462-03341-7, S. 108–122. (Erstveröffentlichung in EMMA 3/2000)

Barbara Schaeffer-Hegel: Gerda Lerner (geb. 1920), in: Hans Erler, Ernst Ludwig Ehrlich, Ludger Heid (Hrsg.): "Meinetwegen ist die Welt erschaffen." Das intellektuelle Vermächtnis des deutschsprachigen Judentums. 58 Portraits. Campus, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-593-35842-5, S. 505–512

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Warum Frauen Berge besteigen sollten - Eine Reise durch das Leben und Werk von Dr. Gerda Lerner. Regie: Renata Keller Ab September 2016 auf DVD bei absolut Medien
Im Alter von 92 Jahren stimmte die 1920 als Gerda Hedwig Kronstein geborene Historikerin Gerda Lerner doch noch zu, einen Dokumentarfilm über sich drehen zu lassen. Sichtbar wird darin eine kraftvolle Persönlichkeit, die als politisch wirkende Frau schreibend und engagiert den feministischen Diskurs prägte. (2016)

Ingeborg Gleichauf - Ich will verstehen - Geschichte der Philosophinnen
Voltaire? Kennt jede/r, aber wer hat schon mal etwas von seiner Lebensgefährtin, der Marquise de Châtelet gehört? Und kann die Französische Revolution ohne Olympe de Gouges verstanden werden? Auf keinen Fall! Unter den 44 Denkerinnen von der Antike bis zur Gegenwart ist auch die Pionierin der Frauengeschichtsforschung, Gerda Lerner. Diese beschreibt eindringlich, was die verschiedensten Philosophinnen über die Jahrhunderte eint (2005)

Kristine von Soden - Und draußen weht ein fremder Wind .... Über die Meere ins Exil
Wie gelang den wenigen Überlebenden 1933 bis 1941 die Flucht ins Ungewisse, was ging dem Verlust um Heimat, Familie, Sprache und Kultur voraus? Im Zentrum dieses Buches steht der verzweifelte Kampf jüdischer Emigrantinnen um Visa und Affidavits für das von den Nazis erzwungene Exil. Anhand von Tagebüchern, Briefen, Gedichten sowie unveröffentlichten Bild- und Textdokumenten und literarischen Zeugnissen aus den im Deutschen Exilarchiv in Frankfurt am Main befindlichen Nachlässen jüdischer Emigrantinnen zeichnet die Autorin die dramatischen Umstände der individuellen Fluchtwege akribisch nach. (2017)

Das Weiterleben der Ruth Klüger. Ein Film von Renata Schmidtkunz. Kinostart 9. Mai 2013
Renommierte Literaturwissenschaftlerin, gefeierte Autorin, Feministin, Mutter, Großmutter, Überlebende der Shoa. Die Dokumentation zeigt eine facettenreiche und beeindruckende Persönlichkeit beim Denken an verschiedenen Schauplätzen ihres Lebens und Wirkens. (2013)

Elfi Hartenstein - Jüdische Frauen im New Yorker Exil
Jüdisch, weiblich, im Exil. Wer denkt da nicht an die Ehefrauen berühmter jüdischer Intellektueller? Was ist aber mit den vielen unbekannten Biografien jüdischer Exilantinnen? Was bedeutet Exil? (2011)

Vienna´s Lost Daughters – ein Dokumentarfilm von Mirjam Unger
Wien in New York im Jahr 2007. Zwischen 60 und 70 Jahre alte Erinnerungen liegen zwischen dem Kindertransport von 1938/39. Einige der von Wien nach England verschickten jüdischen Mädchen leben heute in New York. Die 1970 in Wien geborene Regisseurin Mirjam Unger hat mit diesem Film ein berührendes Portrait und eine Hommage an die Lebenden und Toten geschaffen. (2008)

Ten Green Bottles - Vienna to Shanghai - Vivian Jeanette Kaplan
"Von Wien nach Shanghai". Vivian Kaplans Erzählung über die Flucht einer jüdischen Familie. ausgezeichnet mit dem Canadian Jewish Book Award. (2006)

Literatur Beitrag vom 17.09.2017 AVIVA-Redaktion 

   




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