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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 18.09.2017

Nicole Seifert - Hochzeit? Hochzeit!
Ahima Beerlage

Die Forderung nach der Gleichstellung der Ehe fand in diesem Jahr ihre politische und rechtliche Umsetzung. Dass die Ehen der Vergangenheit oft nicht aus Liebe geschlossen wurden und vom Wagnis, sich zu binden, zeigt die Herausgeberin Nicole Seifert anhand zehn kluger, pointierter Texte großer Autorinnen aus zweihundert Jahren: Jane Austen, Virginia Woolf, Katherine Mansfield, Dorothy Parker, Alice Munro, Zadie Smith, Laurie Colwins, Bobbie Ann Mason, Lorrie Moore und Karen Köhler.



Vom Zweck zum Zweifel

"Die Ehe war eine sexuelle und ökonomische Verbindung zu dem Zweck, eine Familie zu gründen, und entsprechend unumwunden wurde verhandelt", damit gibt uns die Herausgeberin einen Einblick in die Lebensumstände der Frauen in der Zeit von Jane Austen bis hin zu Virginia Woolf. "Erst als den Gefühlen mit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts immer mehr Bedeutung beigemessen wurde, vergrößerte sich der Entscheidungsspielraum bei der Partnerwahl" stellt Nicole Seifert weiter fest. Davon, dass die Liebesheirat aber auch mit mehr Verwirrung der Gefühle, Illusionen und Enttäuschungen verbunden waren, zeigen uns die Erzählungen der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart.

Von Trophäen und Tränen

Jane Austen gibt in ihrer Erzählung Drei Schwestern von 1792 einen Briefwechsel wieder, bei dem sich die Schwestern darüber austauschen, wie hoch sie ihren „Verheiratungswert“ einschätzen und wie sie eine Nachbarfamilie ausstechen können durch die höherwertige Partnerwahl. Für die heutige Leserin mutet es seltsam an, wie die Frauen ihren Selbstwert daraus ableiten, ob sie bei der Hochzeit auch die Kutsche in den gewünschten Farben erhalten. Doch in diesem auf Zweckmäßigkeit geeichten Heiratsmarkt scheint es die logische Konsequenz, dass die Heiratskandidatinnen ihre Haut auf die teuerste Art zu Markte tragen wollten. Bei Virgina Woolf Phyllis und Rosamond sind es bereits nur zwei aus fünf Töchtern, die sich den Gesetzen einer Prestigeheirat unterwerfen, während ihre Schwestern studieren, sich gesellschaftspolitisch engagieren und Professoren heiraten. Aber selbst die ´Haustöchter´ sind sich zur Jahrhundertwende ihrer geringen Wahlmöglichkeiten bewusst.

So sinniert Phyllis: "Die Stuckfassaden, die makellosen Häuserreihen von Belgravia und Kensington erschienen Phyllis passend für sie und ihresgleichen; für ein Leben, das gezwungen wurde, nach einem hässlichen Muster zu wachsen, damit es zu seriösen Hässlichkeit seiner Nachbarn passte. In Katherine Mansfields Geschichte Herr und Frau Taube begegnen uns Frau und Mann als ungleich Liebende, Dorothy Parkers frisch vermähltes Paar in Da wären wir muss im nun anbrechenden Ehealltag der richtigen Ton zwischen Ärger, Erwartungen, Enttäuschung und Liebe finden.

Alice Munro lässt 1978 eine Frau aus der Unterschicht zunächst in einen Versorgungsehe mit einem Mann aus der Upper Class stolpern, bevor diese begreift, dass sie es auch allein schafft. Ausgerechnet auf dem Weg zur Hochzeit ihrer besten Freundin stellt Freddie fest, dass sie sich von ihrem Mann Grey trennen will. In Laurie Colwins Eine Landhochzeit stehen die Freund_innen aus Kindertagen, die sich ineinander verliebt und geheiratet haben, vor der Entscheidung zwischen Vertrautheit und Leidenschaft. Bobby Anne Jason erinnert in ihrer Erzählung Kojoten daran, dass zwei Liebende nicht nur jeweils die andere Person heiraten, sondern auch Herkunft und Familie. Bei Zadie Smith verliebt sie die Protagonistin in Das Mädchen mit den Ponyfransen. Leicht ist diese Beziehung nicht, denn ihre Angebetete Charlotte ist im besten Sinne leichtlebig. Karen Köhlers Erzählerin schreibt Postkarten an ihre Liebe, denn sie muss erst bis zum Polarkreis reisen, um sich darüber klar zu werden, ob sie den Heiratsantrag annimmt.

Die Erzählungen lassen die Leser_innen auf unterhaltsame Weise nachvollziehen, welchen Bedeutungswandel die Hochzeit in den letzten zwei Jahrhunderten zurückgelegt hat. Gleichzeitig stellt sie uns zehn Autorinnen in Stil und Arbeitsweise vor.

AVIVA-Tipp: Heiraten war ziemlich Out, bis die Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet wurde. Mit dieser Sammlung von Erzählungen ist jetzt das ideale Geschenk zur Hochzeitseinladung gefunden. Bei der Lektüre wird deutlich, wie unvorstellbar groß der Schritt ist von der damaligen arrangierten Ehe, in der die Frau zur Verhandlungsmasse bei der Fusion von Firmen und Familie war, bis hin zur Liebesverbindung der Neuzeit. Dabei hat die Herausgeberin eine erlesene Auswahl von Autorinnen zusammengestellt. Ein Geschenk nicht nur für Heiratswütige.

Zur Herausgeberin: Nicole Seifert, Jahrgang 1972, studierte nach einer Ausbildung im S. Fischer Verlag Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften sowie Amerikanistik in Berlin. Sie promovierte über die Tagebücher von Virginia Woolf, Katherine Mansfield und Sylvia Plath und arbeitete im Lektorat des Berlin Verlags und des Rowohlt Verlags. Heute lebt sie mit Mann und Tochter in Hamburg, wo sie als Lektorin und Übersetzerin tätig ist und unter dem Pseudonym Anneke Mohn selbst Unterhaltungsromane schreibt. Die Idee zum vorliegenden Buch kam ihr während der Vorbereitungen zu ihrer eigenen Hochzeit. In diesem Band hat sie die Erzählung von Laurie Colwin übersetzt.

Nicole Seifert
Hochzeit? Hochzeit!

edition fünf, erschienen 22. Februar 2017
Originalausgabe gebunden mit goldenem Bezugspapier 2-farbige Prägung und Lesezeichen ca. 256 Seiten
ISBN: 978-3942374873
22.00 Euro
Auch als E-Book erschienen
Mehr zum Buch unter: www.editionfuenf.de


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Literatur Beitrag vom 18.09.2017 Ahima Beerlage 

   




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