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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 12.12.2008

Türkische Autorinnen im Fokus - Teil II
Karolin Korthase

Wie viele türkische AutorInnen kennen Sie? Wenige oder gar keine? AVIVA-Berlin stellt Ihnen eine Auswahl von Neuerscheinungen im Herbst 2008 vor, die in regelmäßigen Abständen ergänzt wird.



"Bittersüße Heimat. Bericht aus dem Inneren der Türkei." Von Necla Kelek

In der muslimischen Gemeinschaft Deutschlands ist die türkischstämmige Sozialwissenschaftlerin und Autorin Necla Kelek nicht gerade beliebt. In ihren Büchern reflektiert sie die kulturellen und politischen Dimensionen des Islam, ihr Kampf gilt der Befreiung muslimischer Frauen aus repressiven Strukturen. Dass sie kein Blatt vor den Mund nimmt, bewies sie schon mit "Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland" (2005) und mit "Die verlorenen Söhne. Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes" (2006), die deutschlandweit Kontroversen auslösten. Für ihr gesellschaftspolitisches Engagement erhielt sie unter Anderem den Geschwister-Scholl-Preis (2005) und den "Preis Frauen Europas - Deutschland 2008".

Ihr neuestes Werk steht dem Potential der vorherigen in nichts nach, ist aber thematisch umfassender: In "Bittersüße Heimat. Bericht aus dem Inneren der Türkei" erforscht Kelek ihre Wurzeln, reist von Istanbul nach Kurdistan und versucht die gesellschaftlichen und politischen Dispositionen der heutigen Türkei durch Rückblicke in Geschichte und Traditionen zu ergründen.

Das Ergebnis ihrer Forschungen und ihrer Erlebnisse in dem ihr vertrauten, aber doch so fremden Land sind ernüchternd und werfen einen eher düsteren und unheilvollen Blick auf einen möglichen EU-Beitritt der Türkei. Dem amtierenden Regierungschef Tayyip Recep Erdogan und seiner Partei AKP wirft Kelek vor, das Land nicht in Richtung Demokratisierung und Säkularisierung zu führen, sondern schleichend zu islamisieren. Beispielhaft für diese Entwicklung sei der stetige Ausbau der milliardenschweren "Missionsbehörde", dem Amt für Religion, das, laut Kelek, "das Land wie eine Krake in den Griff nimmt". Einen bitteren Vorwurf erhebt die Autorin auch gegen die Tabuisierung der Vergangenheit: Unverarbeitet seien die Vertreibungen der Armenier und Griechen, unverarbeitet auch die Vorkommnisse um das bulgarische Schiff "SS Struma", das 1942 aufgrund der fehlender Hilfsbereitschaft der Türken und stagnierenden Verhandlungen mit den Briten nicht nach Palästina auslaufen konnte, sondern auf offener See sank und rund 800 Juden mit in den Tod riss.

Einen besonderen Sog entwickelt das Buch immer dann, wenn Kelek von der Sprache der Dichter, von den duftenden Speisen und von ihren Kindheitserinnerungen spricht. Diese ganz subjektiven Alltagseindrücke vermögen die LeserInnen mehr zu bewegen, als die zum Teil belehrend wirkenden Ausführungen in der zweiten Hälfte des Buches, in denen deutlich der soziologisch-wissenschaftliche Hintergrund der Autorin spürbar wird. Der Spagat zwischen den unterschiedlichen Erzählformen, zwischen Reisebericht, Sachbuch und autobiographischen Rückblenden wird somit zu einer Bewährungsprobe für das Buch. Obwohl dieser Spagat nicht ganz gelingt und zum Teil das Gefühl entsteht, die Autorin hetze von einem Stichwort und von einer Problematik zur nächsten, ist die Lektüre dennoch bereichernd. Kelek mangelt es nicht an Mut, auch kontroverse Thesen zu vertreten, weitreichende Zusammenhänge zwischen Kultur und Tradition und der heutigen Mentalität der Türken aufzustellen und mit ihren Positionen anzuecken.

AVIVA-Tipp: "Bittersüße Heimat. Bericht aus dem Inneren der Türkei" ist ein informatives und gut recherchiertes Buch über Politik, Geschichte und Gesellschaft der Türkei. Bittersüß sind Necla Keleks Empfindungen gegenüber dem Geburtsland, das ihr fremd und vertraut zugleich ist. Keleks Streben nach Objektivität mündet an vielen Stellen in subjektiven Reflexionen, die aufrütteln und zur Diskussion einladen. Dass ihre Anklagen gegen die fehlende Gleichberechtigung, die schleichende Islamisierung und gegen überholte Traditionen ein öffentliches Bild der türkischen Gesellschaft evozieren, das Vorurteile schürt und Integrationsbemühungen untergräbt, ist ein oft gehörter Vorwurf. Ohne in diesen Tenor einzustimmen, sei an dieser Stelle angemerkt, dass Keleks Ansatz, der das Aufdecken von Tatsachen und nicht von Wunschbildern beinhaltet, der Integrationsdebatte eher zu-, als abträglich ist.

Zur Autorin: Necla Kelek wurde am 31. Dezember 1957 in Istanbul geboren und kam mit 10 Jahren nach Deutschland. Sie studierte Volkswirtschaft und Soziologie und promovierte zum Thema "Islam im Alltag". In ihren Büchern setzt sie sich mit den kulturellen und politischen Dimensionen des Islams in Bezug zu Integrationsfragen auseinander. Neben ihrer Tätigkeit als Autorin, ist sie Mitglied der Deutschen Islamkonferenz und kämpft für die Befreiung muslimischer Frauen aus repressiven Strukturen. Ihr Buch "Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland" wurde mehrfach ausgezeichnet, unter Anderem mit dem Geschwister-Scholl-Preis.

Necla Kelek
Bittersüße Heimat. Bericht aus dem Inneren der Türkei

Kiepenheuer und Witsch Verlag, erschienen September 2008
304 Seiten
ISBN 978-3462040425
16,95 Euro

Literatur Beitrag vom 12.12.2008 AVIVA-Redaktion 

   




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