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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 16.12.2008

Aharon Appelfeld - Blumen der Finsternis
Margret M├╝ller

Hugos Mutter versteckt ihren Sohn bei einer Dorfprostituierten vor den Nazis. In einer Kammer, allein mit seinen Erinnerungen und Beobachtungen, muss der Junge schlagartig erwachsen werden.



Hugos Mutter wei├č keinen anderen Ausweg mehr. Um ihren elfj├Ąhrigen Sohn vor der sicheren Deportation aus dem Ghetto in ein Konzentrationslager zu retten, flieht sie mit ihm durch die Kanalisation und bringt ihn zu ihrer Jugendfreundin, der Prostituierten Mariana. Im Holzverschlag, hinter dem an einen Friseursalon erinnernden rosa Pl├╝schzimmer versteckt, endet Hugos bis dahin beh├╝tete Kindheit abrupt.

Mariana, die meist nur unter starkem Alkoholeinfluss die Dem├╝tigungen der deutschen Soldaten ├╝ber sich ergehen lassen kann, bietet ihm zwar das perfekte Versteck, vergisst ihren Sch├╝tzling Hugo aber all zu oft, der dann f├╝r viele Stunden darbend und schweigend in der Kammer ihrem Erscheinen und etwas Milch oder einer Scheibe Brot harrt. Hugo kann, obwohl mit einer au├čerordentlichen Beobachtungsgabe gesegnet, wohl als Einziger das Offensichtliche nicht einordnen. Er h├Ârt, was in Marianas Zimmer vorgeht, erkennt jedoch erst lange nach den LeserInnen, welchen Beruf Mariana aus├╝bt und was die eigenartigen, ihm Furcht einfl├Â├čenden Ger├Ąusche und Stimmen aus Marianas Zimmer bedeuten. Seine Welt f├╝llt sich mit Tagtr├Ąumen, in denen ihm Eltern und Spielkameraden erscheinen, deren Anwesenheit ihm Trost spendet, die sich aber auch mit der Zeit zu ver├Ąndern scheinen. W├Ąhrend der bei einem Bauern versteckte Freund ihn vor lauter Feldarbeit nicht mehr zu erkennen scheint, ist dem Vater die harte Arbeit im Lager deutlich anzusehen.

Mit der Zeit verblassen die kostbaren Erinnerungen an die Vertrauten und Geliebten, w├Ąhrend der Alltag mit Mariana immer mehr Raum in Hugos Leben einnimmt. Zwar versucht Hugo angestrengt, die Begegnungen in Gedanken - das einzig von der Kindheit Gebliebene - zu halten, doch sie entwickeln ein Eigenleben, entgleiten und erscheinen nur noch sporadisch.
Mariana, die einzige Vertraute, wird zunehmend Mittelpunkt seines Denkens, die ihn aus der K├Ąlte, Einsamkeit und Verzweiflung des Verstecks immer wieder in ihr warmes Bett holt. Beide verbindet die Abh├Ąngigkeit zweier Ertrinkenden in einer rosafarbenen Kapsel der W├Ąrme, umgeben vom schwarzen feindseligen Meer des Mordens und Misstrauens. Ihre Liebe w├Ąchst wie eine kleine, Hoffnung spendende Blume trotz all der Finsternis, wird zum Strohhalm, der Geborgenheit heuchelt und doch nichts halten kann. Sich von einer eher m├╝tterlich unschuldigen zu einer erotischen Liebesbeziehung wandelnd, mag das Verh├Ąltnis aufgrund des Altersunterschieds zun├Ąchst unpassend und fremd anmuten, verdeutlicht aber gerade dadurch intensiv die Tragweite der so fr├╝h verlorenen Kindheit.

Der Autor Aharon Appelfeld, in Czernowitz geboren, musste als Achtj├Ąhriger die Erschie├čung seiner Mutter durch rum├Ąnische Antisemiten miterleben, wurde mit seinem Vater nach Transnistrien deportiert und konnte sp├Ąter aus dem Lager fliehen. Auf der jahrelangen Flucht vor den Nazis, an deren Ende er sich als K├╝chenjunge der sowjetischen Truppen durchschlug, versteckte er sich bei einer Dorfhure, was wohl den Ausgangspunkt der Romanhandlung markiert, die sich wie so charakteristisch f├╝r den Autor mit dem subjektiven Erleben eines Kindes im Holocaust besch├Ąftigt, dessen bis dato wohlbeh├╝tete Kindheit j├Ąh von den Nazis beendet wurde. Immer wieder sind ProtagonistInnen in Appelfelds Werken Kinder, denen die Position der BeobachterInnen zuf├Ąllt, die zu fr├╝h erwachsen werden m├╝ssen und deren Phantasien aus der verlorenen Kindheit zu ihrem Kostbarsten und so leicht in ihren H├Ąnden zerrinnenden Gut werden.
Appelfeld selber sucht mit seinen zahlreichen Werken immer neu die Erinnerung an die Verlorenen, das in ihm Verborgene, die vergessenen Gedanken, Ger├╝che, Gef├╝hle. So ist auch "Blumen der Finsternis" keine soziale, politische Ann├Ąherung an den Holocaust, sondern eine Literarische, an Emotionen und Bilder kn├╝pfende, aus dem Horizont eines Kindes Entstandene, das eben nicht alles Geschehene in den historischen Rahmen einzuordnen wei├č.

Mit den verblassenden Erinnerungen Hugos an seine Eltern vollzieht sich ein ged├Ąmpfter Abschied der Eltern, welcher aber nicht in Worten vollzogen wird, so wie der Gro├čteil des eigentlichen Geschehens nicht in geschriebener Form auffindbar, sondern zwischen den Zeilen zu suchen ist. Appelfeld ist selbst als Autor von der Sprachlosigkeit eines ├ťberlebenden der Shoah betroffen, die sich in jeder Zeile seiner ber├╝hrend- sensiblen Werke findet. In lakonisch-schlichtem Schreibstil ist das Schweigen der lauteste Ton, in dem sich die ganze Dimension des Leides findet.

Aharon Appelfeld wurde 1932 bei Czernowitz geboren. Im Jahr 1946 konnte er nach Pal├Ąstina emigrieren und dort sp├Ąter an der Hebr├Ąischen Universit├Ąt Jerusalem studieren. Von 1975 bis 2001 war er Professor f├╝r Hebr├Ąische Literatur an der Ben Gurion Universit├Ąt in Beer Sheva. Bereits in seinen ersten, in den 1950er Jahren ver├Âffentlichten Erz├Ąhlungen, besch├Ąftigte sich Aharon Appelfeld vor allem mit seiner verlorenen Kindheit, wenn auch erst sp├Ąter autobiographisch. Der Fokus seines Gesamtwerkes liegt zudem auf dem Schicksal j├╝discher Menschen in einer multikulturellen Gesellschaft. F├╝r "Der eiserne Pfad" erhielt er 1999 den "National Jewish Book Award". Im Jahr 2005 wurde er mit dem "Nelly Sachs Preis" der Stadt Dortmund ausgezeichnet.

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:
Geschichte meines Lebens von Aharon Appelfeld.


AVIVA-Tipp: Mit "Blumen der Finsternis" ist Appelfeld wieder einmal ein literarisches Meisterwerk gelungen, das sich nicht mal eben gem├╝tlich bei Kerzenschein und Wintertee lesen l├Ąsst. Ein Diagonallesen mag vielleicht noch unber├╝hrt ├╝berstanden werden, beim wirklichen Hineinbegeben in das Buch ├╝bt Appelfeld aber eine nicht ungef├Ąhrliche Sog-Wirkung aus, die durchaus l├Ąhmend sein kann. Eher unvorbereitet wird die Leserin in die Grausamkeit der Geschichte geworfen, genauer gesagt mit dem ersten Absatz, in dem sich bereits die dr├╝ckende Schwere der folgenden Handlung ausbreitet. Eine nicht einfache, aber notwendige literarische Ann├Ąherung an das Unfassbare.


Aharon Appelfeld
Blumen der Finsternis

Originaltitel: Pirchej ha-afela
Aus dem Hebr├Ąischen von Mirjam Pressler
Rowohlt Verlag Berlin, erschienen im Oktober 2008
Gebundene Ausgabe, 316 Seiten
19,90 Euro
ISBN-13: 978-3871345852


Literatur Beitrag vom 16.12.2008 AVIVA-Redaktion 

   




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