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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 07.01.2009

Merle Hilbk - Die Chaussee der Enthusiasten
Britta Leudolph

Merle Hilbk begibt sich auf die Suche nach dem russischen Deutschland. Auf ihrer Reise besucht sie traditionelle BardInnenclubs, Datscha-Parties ebenso wie junge russische Hip-Hopper und macht...



... dabei erstaunliche Entdeckungen.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs Ende der achtziger Jahre kamen etwa dreieinhalb Millionen Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Diese Gruppe ist alles andere als homogen: Deutsche Beh├Ârden unterteilten sie "fein s├Ąuberlich" in "Russlanddeutsche", Russische Juden" und "Russische ArbeitsemigrantInnen".

Auf ihrer Suche nach dem "Russischen Deutschland" beginnt Merle Hilbk bei den Russlanddeutschen. Diese kommen nicht unbedingt aus Russland sondern oft auch aus den ehemals sowjetischen Satellitenstaaten: Kasachstan zum Beispiel. F├╝r viele von ihnen, besonders die ├älteren, war Deutschland lange das Land der Sehnsucht, das ebenso lange unerreichbar schien. Als sie dann schlie├člich hier ankamen, waren sie pl├Âtzlich nicht mehr "die Deutschen", sondern "die Russen". "Familienforschung sei ein typisches Hobby von Russlanddeutschen, hat mir ein deutscher Genealoge erkl├Ąrt [...]. "In Wirklichkeit aber geht es ihnen nicht nur um die Biographie l├Ąngst verstorbener Verwandter. Die suchen nach ihrer Identit├Ąt.""

Eine weitere Station auf der Suche nach dem russischen Deutschland ist K├Âln. Hier trifft die Autorin russische Juden, die aufgrund einer Regelung der letzten Volkskammer der DDR das Visum sowie die Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis erhielten. Heute ist die K├Âlner Synagogengemeinde mit 5.000 Mitgliedern eine der gr├Â├čten Europas, 3.000 davon sind nach 1990 aus der ehemaligen Sowjetunion eingewandert. So auch Viktor Ostrowski, der Gr├╝nder des Vereins "Phoenix". "Zwanzig Mitarbeiter besch├Ąftigt "Phoenix" heute, die meisten von ihnen sind russische Juden, Intellektuelle, studiert und promoviert, die [...]trotz Hochschulstudium und Berufserfahrung keinen Job gefunden hatten. Es war das gleiche Dilemma wie bei den Russlanddeutschen: Diplome und praktische Ausbildungen wurden nicht anerkannt, und weil die meisten noch nie ein Vorstellungsgespr├Ąch, wie es in Deutschland ├╝blich ist, hinter sich gebracht hatten, waren sie sp├Ątestens an dieser H├╝rde gescheitert." F├╝r viele ist der Preis der Auswanderung sehr hoch, sie verlieren ihren gesamten Status und m├╝ssen noch einmal ganz von vorn anfangen.

Die kleinste Gruppe der EinwanderInnen aus der ehemaligen Sowjetunion sind die ArbeitsemigrantInnen, wie etwa Alexander Delfinov, der nach einem Stipendium in Deutschland blieb. Seit 2004 veranstaltete er russische Poetry Slams in Berlin und ver├Âffentlichte auch einen Gedichtband: "Fr├Âhliche Unmenschen", f├╝r ihn "die neuen Russen".

Merle Hilbk zeichnet ein ausgewogenes Bild der deutsch-russisches Parallelgesellschaft, sie besucht die "Landsmannschaft der Russen in Deutschland" ebenso wie russischst├Ąmmige Jugendliche, die in der Jugendvollzugsanstalt gelandet sind. Sie berichtet von den Schwierigkeiten der Integration in das b├╝rokratieverliebte Deutschland und von der Bereicherung durch die Einfl├╝sse russischer Kultur.

Zur Autorin: Merle Hilbk, geboren 1969, arbeitete nach ihrem Jura-Studium als Redakteurin f├╝r den "Spiegel" und die "Zeit". Sie ist als freie Autorin in Russland und Osteuropa t├Ątig, und lehrt an der Hamburg Media School als Journalismusdozentin. Nebenbei legt sie in Bars und Clubs Russenpop auf. Hilbk lebt in Berlin.

AVIVA-Tipp: Merle Hilbks Reise durch das russische Deutschland ist mal heiter, mal ernsthaft. Einf├╝hlsam f├╝hrt sie die Leserin in die Welt derer, die sich aus den unterschiedlichsten Beweggr├╝nden auf die weite Reise aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gemacht haben, um hier ihr Gl├╝ck oder zumindest ein relativ geordnetes Leben zu finden. Die Autorin n├Ąhert sich den Menschen, die sie trifft, mit Respekt, Neugier und Staunen, zudem l├Ą├čt sie eine gewisse Ironie nicht vermissen, was diesen Reiseroman zu einem rundum gelungenen Lesevergn├╝gen macht.

Merle Hilbk
Die Chaussee der Enthusiasten. Eine Reise durch das russische Deutschland

Aufbau Verlag, erschienen September 2008
Gebunden, 288 Seiten, 21 Abbildungen
ISBN 978-3-351-02667-7
17,95 Euro

Weitere Infos:
www.deutscheausrussland.de
www.rusdeutsch.eu

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Die Macht des Wodka




Literatur Beitrag vom 07.01.2009 Britta Leudolph 

   




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