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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 29.01.2009

Tatjana de Rosnay - Sarahs Schlüssel
Margret Müller

Eine Annäherung an das schmerzhafte Thema der Deportation der Pariser Juden 1942, aus Perspektive eines Mädchens 1942 und einer Frau 2002, die Schreckliches erfahren, und mit der Unvergänglichkeit...



... von Vergangenheit und Schuldgefühlen konfrontiert werden.

Am 16. Juli 1942 wird die zehnjährige Sarah mit ihren Eltern von der französischen Polizei deportiert. Ihren vierjährigen Bruder kann sie gerade noch in einem Wandschrank der Wohnung verstecken, und den Schlüssel mitnehmen, überzeugt, rasch zurückzukehren. Doch Sarahs Weg soll anders verlaufen. Schockierend detailliert beschreibt die Autorin Tatjana de Rosnay den Leidensweg des Mädchens, zunächst mit 13.000 anderen Juden (darunter 4000 Kinder) in der Radsporthalle Vélodrome d´Hiver eingesperrt, später in Durchgangslager Drancy in der Nähe von Paris gebracht und von ihren Eltern getrennt. Während die Grausamkeit der so jäh zerbrochenen Kindheit kein Ende nehmen will, ist Sarah (und die LeserIn) von der Last des Schlüssels getrieben, einen Weg aus den Fängen der Nazis zurück zur Pariser Wohnung und Befreiung des kleinen Bruders zu finden.

Im zweiten Erzählstrang erhält in Paris lebende - ebenfalls fiktive - Journalistin Julia Jarmond im Jahr 2002 den Auftrag, einen Artikel über die Zusammentreibung der Juden im Vélodrome d´Hiver 1942 zu schreiben. Die Recherche nach der dunklen und oft verschwiegenen Seite französischer Vergangenheit unter dem Vichy-Regime soll ihr Leben auf den Kopf stellen. Das Thema ist für Franzosen immer noch problematisch, so bekannte sich die französische Regierung erst 1995 mit Jacques Chirac öffentlich zur Verantwortung für die Verbrechen der Vichy-Regierung und damit für die Deportation der Juden durch die französische Polizei.

Als Amerikanerin auch von ihrem Mann, einem Pariser Architekten, zu jeder Gelegenheit auf ihre Fremdheit aufmerksam gemacht, hat Julia Jarmond noch nie von diesen Ereignissen gehört. Doch gerade diese Distanz ermöglicht Julia die schonungslose Suche nach der Wahrheit um die Verschleppung der Pariser Juden. Sie, die immer noch Außenstehende, reißt zudem die Wunde des jahrelang gehüteten Geheimnisses ihrer angeheirateten Familie auf, die von der Vertreibung der Juden profitierte.

Mit der Erkenntnis, dass die Vorfahren ihres Mannes 1942 in die Wohnung Sarahs vertriebener Familie zog, wird aus den Nachforschungen eine ganz persönliche Suche nach Sarahs Geschichte, die bald Julias Denken und Handeln beherrscht, neben der die Midlife-Crisis ihres Mannes und die bröckelnde Ehe nicht mehr mithalten kann. Rund um den Globus fliegt Julia ihrem Forscherdrang hinterher, dabei zudem übersehend, dass die Aufdeckung fremder Familiengeheimnisse anderen sehr viel Schmerz bereiten kann. Allein das fehlende "Happy-End" rettet die Handlung davor, unter der eigenwillig entstandenen Verbindung beider Familien durch Julia allzu "amerikanisch" zu werden.

Mit der Entscheidung, sich in zwei fiktiven Erzählsträngen der Vertreibung der Pariser Juden anzunähern, ist es Tatjana de Rosnay möglich, sowohl mit Sarah in die Grausamkeit der Geschehnisse einzutauchen, als diese auch mit Julia aus historischer Sicht zu recherchieren und wichtige Fragen nach Schuld, Verantwortung und schmerzhafter Aufarbeitung aufzuwerfen. Konsequent bis in den Schreibstil hinein hält die Autorin beide Ebenen aufrecht und übt so eine thrillerähnliche Sogwirkung auf die Leserin aus. Immer wieder ergeben sich dabei tragische Parallelen. Sarah verantwortet das Leben ihres kleinen Bruders und Julia das noch Ungeborene in ihrem Bauch, während ihr Mann sie zwingen will, die Schwangerschaft abzubrechen. Sarah, der aus dem Zwischenlager Drancy die Flucht gelingt, trägt ihr Leben lang schwer an der Last des Schlüssels, Julia wird mit der nicht schwindenden Schuld der Familie ihres Mannes konfrontiert. Während die eine aber im Schweigen Frieden sucht, kann die andere nicht zur Ruhe kommen, bis alles ausgesprochen ist.

Zur Autorin: Tatjana de Rosnay wurde 1961 in Paris geboren. Als Tochter einer britischen Mutter und eines französisch-russischen Vaters wuchs sie in Frankreich und Boston auf, zog später nach England, wo sie Anglistik studierte, und kehrte 1984 zurück nach Paris, wo sie bis heute mit ihrem Mann und zwei Kindern lebt. Tatjana de Rosnay schrieb für Vanity Fairy, Elle und Psychologies und veröffentlichte acht Romane auf Französisch. "Sarahs Schlüssel" ist ihr erstes Werk in englischer Sprache, das mit dem Prix Chronos 2008 ausgezeichnet wurde und von Gilles Paquet-Brenner verfilmt werden soll.

AVIVA-Tipp: Der in Deutschland noch relativ unbekannten Autorin Tatjana de Rosnay ist ein Werk gelungen, das sowohl literarisch genial und konsequent strukturiert als auch angenehm lesbar ist, was die volle Konzentration auf den fesselnden und erschütternden Inhalt lenkt. Während aber Sarahs Charakterisierung durchweg glaubhaft und nachvollziehbar bleibt, ist Julias Versessenheit der Recherche, die alles Gegenwärtige überlagert, manchmal nicht ganz nachempfindbar. Mit der Entscheidung, mit Julia Jarmond eine Amerikanerin französische Vergangenheit aufarbeiten zu lassen, verpasste die Autorin leider die Möglichkeit der Auseinandersetzung heutiger Generationen mit der dunklen "Erblast" des eigenen Volkes und konnte so die Schuld nur in Fremdperspektive entdecken und ist so der Gefahr der "An-Schuldigung" nicht gefeit.

Tatjana de Rosnay
Sarahs Schlüssel

Originaltitel: Elle s´ appelait Sarah
BVT Berliner Taschenbuch Verlag, erschienen Februar 2008
Broschiert, 352 Seiten
ISBN-13: 978-3833350214
6,90 Euro

Literatur Beitrag vom 29.01.2009 AVIVA-Redaktion 

   




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