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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 29.01.2009

Ilse Weber - Wann wohl das Leid ein Ende hat. Herausgegeben von Ulrike Migdal
Yvonne de Andrés

Wiederentdeckte Briefe und Gedichte, die das Leid der Hörfunk- und Kinderbuchautorin Ilse Weber im KZ Theresienstadt beschreiben: Zeugnisse von Mut, zerstörter und unzerstörbarer Hoffnung.



1986 forschte die Herausgeberin dieses Bandes, Ulrike Migdal, in Jerusalem im Archiv von Yad Vashem. Hier fand sie eine Sammlung von Chansons und Satiren aus dem KZ Theresienstadt, die sie herausgab.

In dem Konvolut befand sich auch das Gedicht "Brief an mein Kind" einer unbekannten Autorin. Nach der Veröffentlichung des Gedichtes erhielt sie Post von Hanuš Weber aus Stockholm. Er war das Kind, von dem dieser Brief sprach, er war der Sohn der in Auschwitz ermordeten Ilse Weber. Er hatte seine Mutter überlebt, da ihn seine Eltern 1939 nach England zu ihrer Freundin, der schwedischen Diplomatentochter Lilian von Löwenadler, in Sicherheit brachten. Von dort aus ging es für Hanuš nach Schweden, wo er aufwuchs. Durch diese Bekanntschaft mit dem Sohn konnte Ulrike Migdal nach zwei Jahrzehnten akribischer Forschung ein Portrait von Ilse Weber verfassen. Ihre Quellengrundlage sind Briefe, die in England auf einem Dachboden aufgefunden wurden, und die Gedichte Ilse Webers.

Die erste Annäherung erfolgte über die Briefe, die Weber an ihren Sohn Hanuš und ihre Freundin Lilian in die Freiheit schickt. Die Freiräume für die Webers wurden immer kleiner und geringer. Das zweite Kind, Thomas, ist unterwegs. Die Briefe an Hanuš, von seiner Mamièka, sind zärtlich und voller Sehnsucht. Die Briefe an die Freundin sind sehr eindringlich. Sie bittet um Hilfe und lässt im Verlauf der Korrespondenz die Leserin spüren, wie bedrohlich der Antisemitismus wurde und wie verzweifelt sie selbst war: "Dass ich Jüdin bin, dessen habe ich mich nie geschämt. Aber jetzt, wo wir gejagt werden wie verfolgte Tiere, wo uns die Heimat, in der wir jahrhundertelang anständig und ehrenhaft lebten, geraubt wird, wo die größten und mächtigsten Länder wohl in entrüsteten Worten unser Schicksal bedauern, andererseits aber ihre Pforten den ´unerwünschten Elementen` fest verschließen, heute trage ich meinen Judentum wie eine Würde. Heute glaube ich wieder an Gott und an die göttliche Vorsehung." Ihre Briefe sprechen eine deutliche und klare Sprache und beschönigen die Situation und ihre Verzweiflung nicht.

Ganz anders die 76 Gedichte, die der Band versammelt. Diese Gedichte sind erhalten geblieben, weil es ihrem Mann, Willi Weber, kurz vor dem Osttransport 1944 gelang, einen großen Teil der Blätter mit den Liedtexten im Boden eines Geräteschuppens zu vergraben.

"Ich wandere durch Theresienstadt,
das Herz so schwer wie Blei,
bis jäh mein Weg ein Ende hat,
dort knapp an der Bastei.

Dort bleib ich an der Brücke stehn
und schau ins Tal hinaus:
Ich möcht so gerne weitergehn,
Ich möcht so gern - nach Haus!

"Nach Haus!" - du wunderbares Wort,
du machst das Herz mir schwer,
Man nahm mir mein Zuhause fort,
nun hab ich keines mehr.

Ich wende mich betrübt und matt,
so schwer wird mir dabei,
Theresienstadt, Theresienstadt
- wann wohl das Leid ein Ende hat –
wann sind wir wieder frei?"


Die Gedichte von Ilse Weber spendeten vielen Mithäftlingen in Theresienstadt Trost, Lebensmut und Hoffnung. Ilse Weber versuchte in ihren Gedichten die grausame Alltagsrealität des KZs in "Sprache zu bannen". Willi Weber überlebte und konnte nach der Befreiung die Blätter bergen. Das langersehnte Treffen mit seinem Sohn Hanuš fand im Herbst 1945 statt. Nach der Befreiung erhielt Willi Weber aus den verschiedensten Ländern Gedichte seiner Frau zugeschickt, aufgeschrieben von Shoah-Überlebenden. In ihren Briefen beschreiben die ehemaligen Holocaust-Überlebenden auch, welche existenzielle Relevanz diese Verse für sie besaßen.

Das Buch von Ulrike Migdal ist außerordentlich bewegend. Sie gibt mit ihrem Portrait Ilse Weber Stimme und Gesicht zurück. Diese Stimme und das Gesicht der Ermordeten waren für viele Überlebende und für viele Ermordete ein Quell der Hoffnung. Ulrike Migdal hat dieses Gesicht und diese Stimme wieder sicht- und hörbar gemacht.

Zur Autorin: Ilse Weber wurde 1903 in Witkowitz im osterreich-ungarischen Kaiserreich geboren. Ihre Kinderbücher und Theaterstücke sind Schilderungen ihres jüdischen Lebens in Mähren. In diesem Amalgam von verschiedenen Sprachen, Kulturen und Religionen war es ihr Anliegen, Tschechen, Deutsche und Juden zusammenzuführen. 1930 heiratete sie Willi Weber. Inge, Willi und der jüngste Sohn Thomas flohen in den Großraum Prag, um dort anonymer zu sein. Am 6. Februar 1942 wurde das Ehepaar Weber mit dem jüngeren Sohn Thomas in das KZ Theresienstadt deportiert. Dort arbeitete Ilse Weber als Oberschwester in der Kinderkrankenstube. Im Lager entstanden weitere Gedichte. Diese schrieb sie als Lieder, die sie den Kindern und Mithäftlingen vorsang. Berühmt ist vor allem "Ich wandre durch Theresienstadt". Dieses Gedicht hat Ilse Weber für ihren Sohn Hanuš geschrieben, "den sie vor Ausbruch des Krieges in Prag in einen Zug gesetzt hatte, in der Hoffnung, ihn eines Tages wieder zu sehen". Am 6. Oktober 1944 wurden sie und ihr jüngster Sohn Thomas im KZ Auschwitz ermordet.

Zur Herausgeberin: Ulrike Migdal studierte Literaturwissenschaften, Philosophie und Musik. Forschungs- und Lehrtätigkeiten in Deutschland und New York. Sie veröffentlicht Essays, Radiofeatures, Lyrik und Theaterstücke. Gezeiten des Atems, Gedichte (1980). Gesang,nicht lieblich, Gedichte+Prosa (1982). Und die Musik spielt dazu. Kunst im Konzentrationslager, Essay (1986).

AVIVA-Tipp: "Wir dürfen, umgeben von Tod und von Grauen, den Glauben an uns nicht verlieren, wir müssen der Freude Altäre bauen in den düsteren Massenquartieren." Die Verse von Ilse Weber sind Mahnungen gegen das Verbrechen und Erinnern an ein verlorenes Leben. Die im Buch enthaltenen Zeichnungen von Bedøich Fritta und Malva Schalek illustrieren eindrucksvoll das düstere Leben in Theresienstadt. Eine umfangreichere Kommentierung der Briefe durch die Herausgeberin wäre wünschenswert gewesen. "Wann wohl das Leid ein Ende hat" ist ein bedrückendes, eindringliches und bewegendes Zeitdokument des Nazi-Terrors.

Ilse Weber
Wann wohl das Leid ein Ende hat

Briefe und Gedichte aus Theresienstadt
Herausgegeben von Ulrike Migdal
Hanser Verlag, erschienen September 2008
Gebunden, 348 Seiten
ISBN: 9783446230507
21,50 Euro

Weitere Informationen zum Verein der Freunde und Förderer von Theresienstadt e.V. in Brandenburg finden Sie unter:
www.terezinfreunde.de

Literatur Beitrag vom 29.01.2009 Yvonne de Andrés 

   




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