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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 02.04.2009

Sibylle Lewitscharoff - Apostoloff
Claire Horst

Für den vorliegenden Roman hat die Autorin den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Nicht zu Unrecht, denn "Apostoloff" ist ein außergewöhnliches Werk, das den LeserInnen einiges abverlangt.



Die Hauptpersonen sind zwei Schwestern, die sich auf einer Reise durch das Heimatland ihres verstorbenen Vaters befinden, durch Bulgarien. Eine der beiden ist die Erzählerin. Sie steht Bulgarien zutiefst feindselig gegenüber, zugleich ist sie jedoch sehr selbstkritisch, was ihre vernichtende Kritik immer wieder in ein harmloseres Licht rückt.

Der Anlass der Reise ist nicht der Tod des Vaters – dieser liegt schon Jahrzehnte zurück - , sondern seine Überführung und die von 18 weiteren Stuttgarter ExilbulgarInnen. In blitzenden Limousinen hatten deren Überreste den "Heimweg" angetreten, in ein Land, das sie vor einer Ewigkeit verlassen hatten und das ihre Familien kaum kannten. In einem absurden, unvorstellbar pompösen Zeremoniell wurden sie in der "Heimat" erneut beigesetzt.

Nach der Beerdigung lassen sich die Schwestern von Rumen Apostoloff, einem nervösen und patriotischen Bulgaren, durch das Land kutschieren und besichtigen sämtliche Sehenswürdigkeiten. Zumindest die Erzählerin ist von diesen überhaupt nicht begeistert. Von der Rückbank aus sprüht sie ihr "Gift", was manchmal beinahe zu Unfällen führt. Die berühmte bulgarische Keramik? "Eine unangenehm wulstige Kinderkeramik" mit giftiger Kobaltbemalung. Die Schwarzmeerküste? "Verbaut, verpatzt, verdreckt. Das aschgraue Meer – leergefischt." Die bulgarische Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts? "Abscheulich, und zwar ohne jede Ausnahme."

Doch weshalb hat die Erzählerin, die in der Laudatio der Leipziger Buchmesse als mit "allen Wassern des schwäbischen Aufbegehrens gewaschen" bezeichnet wurde, einen solchen Hass auf Bulgarien? Weshalb lobt sie ständig Rumänien, sodass Apostoloff mehrmals fast in den Straßengraben steuert? Der Grund dafür ist der Vater. Mit ihm rechnen die Schwestern ab. Einige gute Erinnerungen haben sie an ihn, doch die reichen in die frühe Kindheit zurück. Damals war er noch glücklich, hatte Freude daran, mit seinen Töchtern zu spielen. Doch immer mehr zog er sich in eine tiefe Depression zurück, in der er für die Kinder unerreichbar war.

Dass er von unzähligen Frauen der schwäbischen Gesellschaft verehrt wurde, macht es für seine Familie nicht leichter. Seinen Selbstmord kann die Erzählerin ihm nicht verzeihen. Und auch die Mutter kommt nicht besser davon, die wie die anderen Bulgarinnen vor allem auf Anpassung bedacht war – inklusive blonder Dauerwelle.

Merkwürdig, an keiner Stelle des Romans wird es melodramatisch. Lewitscharoff erzählt selbst die tragischsten Hintergründe mit derart distanziertem Spott, dass sich Mitgefühl und Sentimentalität von selbst verbieten. Der Vater ist sowieso nicht mehr als ein "verblichener Held aus einer verschwommenen Geschichte", von dem nur "ein Häufchen Granulat aus schockgefrorenen, auseinandergerüttelten Schädel- und Beinkrümeln, etwa so viel an Menge, wie bequem in ein Weinglas zu füllen wäre" übriggeblieben ist.

Die Arbeit an dem Roman wurde durch ein "Grenzgänger"-Stipendium der Bosch-Stiftung gefördert. Und tatsächlich sind alle Figuren in diesem Roman GrenzgängerInnen. Schwäbisches Spießertum, Adelige, die auf die Jagd gehen und bulgarische Damen, die blondierter und schwäbischer als die Schwäbinnen sein wollen, bulgarische Machos, die auf rumänische Machos schimpfen – alle kämpfen mit ihren erwünschten und tatsächlichen Identitäten.

Die Verbrüderung zwischen den schwäbischen EmigrantInnen und den Deutschen reicht nicht allzu weit und ist sowieso eher zwiespältig: "Immerhin, man war ja während zweier Weltkriege mit den Deutschen verbündet gewesen, und zum Dank hatten die Deutschen sich Mühe gegeben, bei den Bulgaren nicht auf ein slawisches Mindervolk zu erkennen, sondern in ihnen ein höheres, arisch versetztes Hybridvolk zu sehen, den Russen weit überlegen." An der Tübinger Universität, wo der Vater Medizin studierte, führten "die Deutschen" dennoch Schädelvermessungen an ihm durch.

Zur Autorin: Sibylle Lewitscharoff wurde 1954 in Stuttgart geboren. Sie studierte Religionswissenschaften und arbeitete als Buchhalterin, verfasste Hörspiele und Radiofeatures. Für ihren Debüt-Roman "Pong" erhielt sie 1998 in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis. Im Jahr 2003 folgte der Roman "Montgomery" und 2006 "Consummatus". Lewitscharoff wurde 2007 mit dem Preis der Literaturhäuser ausgezeichnet, 2008 mit dem Marie-Luise- Kaschnitz-Preis. Für "Apostoloff" erhielt sie 2009 den Preis der Leipziger Buchmesse. Sie lebt in Berlin.

AVIVA-Tipp: Bitterböse und oft sehr komisch, nagt der Roman noch lange an der Leserin herum. Der kunstvolle Erzählstil erfordert streckenweise höchste Konzentration – die Erzählerin lässt ihre LeserInnen an ihren Gedankengängen auf der Rückbank teilnehmen, inklusive Rückblenden, Gedankensprüngen und Wutausbrüchen. Und Bulgarien scheint eine Reise wert zu sein, ebenso wie Stuttgart, wenn es diese merkwürdigen Charaktere tatsächlich gibt.

Sibylle Lewitscharoff
Apostoloff

Suhrkamp Verlag, erschienen am 23.02.2009
247 Seiten, gebunden
Euro 19,80
ISBN 978-3-518-42061-4

Weiterlesen auf AVIVA Berlin:

"17 Frauen ziehen einen Mann aus" Geschichten von Ulrike Draesner, A.L. Kennedy, Sibylle Lewitscharoff, Kathrin Schmidt, Merilyn Simonds und anderen.

"Ausgerechnet Bulgarien - Angelika Schrobsdorff und ihre Familie"

Literatur Beitrag vom 02.04.2009 Claire Horst 

   




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