Adrian Nicole LeBlanc - Zufallsfamilie. Liebe, Drogen, Gewalt und Jugend in der Bronx - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
Aviva-Berlin .
.
P
R
.
.

Happy End AVIVA_gegen_AFD
Aviva-Berlin > Literatur
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   Jüdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   Jüdisches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 
  Hier suchen, oder zur Sucheseite!


AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook
 


AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2017




Happy Birthday AVIVA




Gleichstellung weiter denken. Ein Leitbild für das Land Berlin

Gleichstellung weiter denken
Mehr Infos unter:
www.gleichstellung-weiter-
denken.de



<< Kleine Suche
Nutzen Sie gern unsere Suche in größerer Schrift!

TIPP: über den Zurück-Button Ihres Browsers kommen Sie erneut zur Suche.




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 21.04.2009

Adrian Nicole LeBlanc - Zufallsfamilie. Liebe, Drogen, Gewalt und Jugend in der Bronx
Claire Horst

Dieser Wälzer über das Leben in der Bronx ist nichts für zartbesaitete Menschen. Die Autorin hat den zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilten Drogendealer "Boy George"...



...während des Prozesses im Gerichtssaal kennen gelernt. Aus ihrem anfänglichen Plan, ein Portrait dieses Mannes zu schreiben, wurde ein Mammutprojekt. Auf beinahe 600 Seiten verfolgt LeBlanc die Lebensgeschichten von Boy George, seiner ebenfalls inhaftierten Freundin Jessica und zahllosen anderen Menschen, die auf verschlungenen Wegen miteinander verwandt sind.

Das Bild, das LeBlanc vom heutigen Amerika zeichnet, ist erschütternd. Wer in einer bestimmten Gegend der New Yorker Bronx aufwächst, hat sowieso keine Chance, so scheint es. Der Lebensweg eines jeden Menschen, der hier geboren wird, ist vorgezeichnet. Wie ihre Mutter, Großmutter und wahrscheinlich unzählige Generationen davor wird Jessica im Teenageralter schwanger, bricht die Schule ab und bekommt noch weitere Kinder. Noch viel zu jung, um sich vernünftig um ihre Kinder zu kümmern, geht Jessica ständig aus, legt hauptsächlich Wert auf ihr Äußeres und das ihrer Kinder. Aussehen spielt überhaupt eine große Rolle: Wenn ein Junge etwas für ein Mädchen empfindet, kauft er ihr Markenturnschuhe.

Das Deprimierende an dem Buch ist nicht die Geschichte von Jessica. Es ist auch nicht die von Boy George, der aus ähnlich armen Verhältnissen kommt und aus reinem Geltungsdrang ein mächtiges Heroinimperium aufbaut. Das Traurige ist die Tatsache, dass Jessica und Boy George sich kaum von ihrer Umgebung unterscheiden. Ihr Leben ist Normalität. Auch Jessicas kleiner Bruder Cesar landet im Gefängnis, während seine Freundin Coco fünf Kinder von mehreren Männern aufzieht.

Ungewöhnlich ist nur Boy Georges Karriere. Er war zu seinen besten Zeiten der erfolgreichste Drogendealer der Bronx. Zeitweise verdiente er täglich 500.000 Dollar – während die meisten Menschen hier buchstäblich nichts haben. Fast alle können sich keine Möbel leisten, sind bis über beide Ohren verschuldet, haben zu viele Kinder und nichts, um sie zu ernähren. Dass Drogen den Alltag bestimmen, ist für alle vollkommen normal. Schon Elfjährige arbeiten als Drogenkuriere. Großmütter (die oft erst dreißig sind) vergessen, die Kinder zur Schule zu schicken, weil sie zugekokst sind. Betroffen sind dann oft bis zu zehn Kinder, die alle bei der Großmutter untergekommen sind – ihre Eltern sind im Gefängnis, in der Disco oder dealen auf der Straße. Wer mit dem Drogenhandel Erfolg hat, kann auch seine Familie unterstützen – die er zugleich mit den Drogen zugrunde richtet.

LeBlancs Hauptinteresse gilt jedoch Coco und ihrem täglichen Überlebenskampf. Ohne Geld und ohne Job versucht sie ihr Bestes – und schafft es nicht einmal, die Kinder rechtzeitig zur Schule zu wecken. Für LeBlanc und die LeserInnen ist Coco dennoch eine Heldin. Ihre große Liebe zu ihrer Familie hilft ihr dabei, immer irgendwie weiterzumachen. Ihr Leben macht deutlich: Leid tut sich hier niemand. Ein anderes Leben gibt es nicht – die Armut ist Alltag.

Neben den festgefahrenen Strukturen im Ghetto – Geld sparen ist schon deshalb unmöglich, weil ständig jemand vorbeikommt und sich etwas leihen will, Kinder der NachbarInnen und entfernten Verwandten müssen aufgenommen werden – ist es das vollkommen ungenügende Sozialsystem, das für die Misere verantwortlich ist. Als Coco mit ihrer ältesten Tochter zur Sozialberatung gehen muss, weil Mercedes ständig etwas anstellt, gibt die Sozialarbeiterin dem Mädchen die Anweisung, ihrer Mutter öfters zu helfen, vielleicht mal den Tisch zu decken. In ihrem Haus gibt es jedoch keinen Tisch. Wenn Essen da ist, kocht die Elfjährige für alle – und das ist nur ein kleiner Teil ihrer vielen täglichen Aufgaben. Essen müssen sie auf dem Boden.

LeBlanc gelingt das Kunststück, niemals zu werten. Sie bleibt fast durchgängig in der Perspektive der Personen, aus deren Leben sie jeweils erzählt. Dass die Mädchen mit jedem ins Bett gehen, der ihnen eine Packung Windeln dafür gibt, dass sie alle seit der frühesten Kindheit sexuell missbraucht wurden, dass sie von den Männern wie selbstverständlich geschlagen und vergewaltigt werden, davon berichtet sie beinahe beiläufig. Streckenweise tut die Gleichgültigkeit dieser Menschen dem eigenen Schmerz gegenüber fast körperlich weh.

Nur sehr vereinzelt erlaubt LeBlanc sich ein Urteil. Jessica, die ein einziges Mal am Telefon eine Information zum Drogenhandel ihres Freundes weitergab und abgehört wurde, wird als Mittäterin zu zehn Jahren Haft verurteilt. Im Gefängnis wird sie von einem Aufseher schwanger. Bestraft wird nicht er, sondern sie. Hier merkt man der Autorin ihre Fassungslosigkeit gegenüber dem amerikanischen Rechtssystem an. Das überfüllte Frauengefängnis ist für sie ein Symbol der gescheiterten Antidrogenpolitik, die meistens nur die kleinen Fische erwischt. Das ist das Erschütternde an diesem Buch: diese Frauen und Männer interessieren niemanden.

Etwas störend bei der Lektüre ist eine Eigenheit der Übersetzung. Dass die deutschsprachige Ausgabe in einem österreichischen Verlag erscheint, ist ihr anzumerken. Gegen regionale sprachliche Unterschiede ist nichts einzuwenden, nur klingt es doch etwas merkwürdig, wenn die New Yorker Jugendliche an der "Kassa" steht, weil sie "Brillen" braucht und die "Kinderwägen" "heraußen" stehen lässt.

AVIVA-Tipp: Beim Lesen wünscht und hofft man ständig, einen Phantasieroman in den Händen zu halten. Das darf alles gar nicht wahr sein – mitten in New York soll eine absolute Gesetzlosigkeit herrschen, ohne jede Instanz, an die man sich wenden könnte? Einzige Lichtblicke sind Sommerferienlager für die Kinder – hier lernen sie spielen, mit Messer und Gabel essen, im eigenen Bett durchschlafen können, und Schulabschlüsse für die Erwachsenen – im Gefängnis. Leider ist jedoch alles bittere Wahrheit. LeBlanc hat über einen Zeitraum von 13 Jahren Gespräche geführt – fast alle Beteiligten tragen ihre wirklichen Namen - Akten gewälzt, Briefe und Tagebücher gelesen. Alle Schauplätze hat sie selbst besucht, die Personen sind ihr wirkliche FreundInnen geworden. Dieses schockierende Buch lässt niemanden wieder los.

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:
Arme Kinder, reiches Land. Ein Bericht aus Deutschland von Huberta von Voss.
"Aufstand der Unterschicht. Was auf uns zukommt" von Inge Kloepfer.
El Sistema – Über die Macht der Musik in einer Welt von Armut und Gewalt. Das andere Gesicht Venezuelas

Adrian Nicole LeBlanc
Zufallsfamilie. Liebe, Drogen, Gewalt und Jugend in der Bronx

Übersetzt aus dem Amerikanischen von Richard Obermayr
Deuticke Verlag
592 Seiten, fester Einband
ISBN: 978-3-552-06084-5
Euro 24,90

Lesen Sie auch unser Interview mit Adrian Nicole LeBlanc.

Literatur Beitrag vom 21.04.2009 Claire Horst 

   




   © AVIVA-Berlin 2017  
zum Seitenanfang suche sitemap impressum home Seite weiterempfehlenSeite drucken