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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 21.04.2009

Liebes-Erklärungen. Ein Sex-Buch. Hrsg. von Franziska und Nikola Richter
Claire Horst

Das Umschlagbild könnte zu falschen Schlüssen verführen. Ein Schwarzweißfoto zeigt ein turtelndes Teenager-Pärchen, sie blond, er mit romantischen Locken. Ein Liebesroman? Eine gebundene Bravo?



Alles falsch. "Liebes-Erklärungen" ist ein "Sex-Buch" für Jugendliche. Aber was ist das? Wer jetzt ein Aufklärungsbuch à la "Ich und mein Körper" erwartet, liegt genauso falsch. Die AutorInnen gehen davon aus, dass die meisten Jugendlichen über die "Hard Facts" genug wissen. Schließlich gibt es Aufklärungsunterricht, Bravo und weniger verklemmte Eltern als vor einigen Jahrzehnten.

Dieses Buch will etwas anderes. Hier erzählen mehrere AutorInnen in kurzen Texten von ihren eigenen Erfahrungen mit dem Erwachsenwerden. Das Themenspektrum ist breitgefächert: vom Coming Out während der Schulzeit über die Angst, beim Küssen zu versagen bis zum Mutantrinken vor der Kontaktaufnahme werden die unterschiedlichsten Themen angesprochen. Darunter sind einige typische Probleme Jugendlicher, die oft unter den Tisch fallen, weil sie nicht spektakulär genug sind. Die kompliziertesten Stellungen kennt heute wahrscheinlich jede/r Zwölfjährige aus dem Privatfernsehen. Aber wie gehe ich damit um, dass ich immer rot werde, wenn die anderen über Sex reden? Was ist, wenn meine Freundin total unbeliebt ist? Was mache ich, wenn meine Eltern meinen Freund blöd finden? Und ist es normal, wenn ich vom Sex eine Blasenentzündung bekomme?

Einige der Erzählungen rufen tatsächlich eigene Erfahrungen ins Gedächtnis zurück – stimmt, so war das, der erste Kuss – irgendwie peinlich, aber auch aufregend. Und genau, die Eltern beim Sex hören, das war blöd. Zum großen Teil sind die Texte aber sehr anekdotenhaft und willkürlich zusammengestellt. Recht spannend zu lesen sind die "Protokolle", in denen ungewöhnliche Lebenswege beschrieben werden – ein junger katholischer Priester spricht über seine Entscheidung, mit dem Zölibat zu leben, ein Mädchen möchte mit dem Sex bis zur Ehe warten, eine andere liebt Frauen (homosexuelle Jugendliche kommen in diesem Buch leider generell nur am Rand vor).

Große Teile des Buches haben allerdings kaum einen Informationsgehalt, sie sind reine Unterhaltung. Da gibt es etwa Listen von empfehlenswerten und schlechten Flirtsprüchen. Abgeraten wird von "Als Gott dich schuf, wollte er sicher angeben", geraten wird zu "Soll ich dir ein Liebeslied vorsingen?" oder "Hallo". In diese Kategorie gehören auch die Listen verschiedener Sextypen wie "Romantiker", "Zicke", "Macho" und so weiter. Das ist ganz lustig zu lesen, aber leider ziemlich klischeehaft. Dass Männer nach dem Sex immer sofort einschlafen, während Frauen noch kuscheln wollen, wird hier als unhinterfragbare Wahrheit verkauft. Und immer wieder taucht der vorgetäuschte Orgasmus auf. Dass Mädchen das tun (sollten) – um ihre Ruhe zu haben, um den Jungen glücklich zu machen, aus irgendwelchen anderen Gründen, wird einfach so behauptet. Wie das überhaupt geht und ob es vielleicht auch ohne funktionieren würde, diese Fragen werden gar nicht erst gestellt.

Das ist schade, weil sich die AutorInnen eigentlich bemühen, auch abgelegene Perspektiven und Themen einzubeziehen – in einen älteren Mann verliebt sein, auf Pornos stehen, Pannen im Bett. Es scheint ihnen vor allem darum zu gehen, bei den Leserinnen (aufgrund der rosa Illustrationen werden sich Jungen sicherlich abgeschreckt fühlen) ein selbstbewusstes Gefühl für den eigenen Körper und die eigenen Bedürfnisse zu erwecken.

Dumm nur, dass wirklich wichtige Themen (ich bin hässlich, unbeliebt, unglücklich verliebt, hatte noch nie einen Orgasmus) schnell abgehandelt werden. Sätze wie "Letztendlich geht es nur darum, ein oder zwei Jahre zu überstehen. Und das wird ja wohl jeder schaffen, oder?" zeigen ein komplettes Unverständnis für die Tragik, die es haben kann, voller Minderwertigkeitskomplexe in der Pubertät zu stecken. Jugendlichen, die wirklich Verständnis und Informationen suchen, ist mit derart flapsigen Kommentaren nicht geholfen. Ihre Schwierigkeiten werden nicht wirklich ernst genommen. Für die anderen, die mit ihrem Leben vollauf zufrieden sind, ist es vielleicht gute Unterhaltung, Geschichten über das gelungene erste Mal und die verständnisvolle Reaktion der Eltern auf den Satz "Ich bin schwul" zu lesen.

AVIVA-Fazit: Eigentlich eine gute Idee, ein Buch über Sex und Liebe für Jugendliche herauszugeben, das nicht nur Ratschläge zu Verhütung und Liebeskummer gibt. Leider bleiben die meisten Texte aber an der Oberfläche, und wegen der etwas spießigen Aufmachung und Illustration würden die meisten Teenager es wahrscheinlich höchstens heimlich zu Hause lesen.


Zu den Herausgeberinnen:
Franziska Richter
schreibt für die Frankfurter Rundschau und hat gemeinsam mit Nikola Richter "Das Abibuch" (2007) herausgegeben.
Nikola Richter, geboren 1976 in Bremen, lebt in Berlin. Studium der Germanistik, Anglistik und Komparatistik in Tübingen, Norwich und Berlin. 2006 erschien ihr viel beachtetes Buch "Die Lebenspraktikanten", 2007 erschien "Schluss machen auf einer Insel".

Franziska und Nikola Richter
Liebeserklärungen – Ein Sex-Buch

Illustrationen: Sarah Heiss
Berlin Verlag, erschienen Februar 2009
16,90 Euro
208 Seiten
ISBN: 978-3-8270-5359-6

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"Mein Erstes Mal. Frauen aus vier Generationen erzählen"
"Schlechter Sex" von Mia Ming
"facts about sex" von Uta Weber

Literatur Beitrag vom 21.04.2009 Claire Horst 

   




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