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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 04.05.2009

Karin Reschke - Kalter Hund
Claire Horst

Karin Reschkes jüngster Roman lässt das Berlin der Fünfzigerjahre wieder aufleben. Rose wächst bei Mutter und Großeltern auf, den Kontakt zum Vater hat die Mutter ihr verboten. Zum Glück gelingt...



... es ihr, seine Briefe an sie abzupassen – denn mit ihrem Vater kann Rose über alles reden, sogar über ihre ersten Liebesbeziehungen.

Mister Feuervogel ist der erste Junge, mit dem Rose sexuelle Erfahrungen macht. Ihre Treffen finden in einem Keller statt, den Rose sich als Rückzugsraum ausgestattet hat. Wenn die Verwandten aus Breslau oder Kattowitz kommen, die nur über den gerade überstandenen Krieg reden und Rose bestaunen "wie ein Weltwunder", verkriecht sie sich hierher zum Lesen. Mister Feuervogel geht auf die gleiche Schule wie Rose und hat ein erfolgreiches Schmuggelgeschäft aufgezogen. Seine Kisten verstaut er im selben Kellerraum: "Stangenweise schleppte er Zigaretten an, amerikanische, englische. Er verschacherte elektrische Lockenstäbe, Kofferradios, Kartons mit Luftballons und kistenweise Whisky. Wagenladungen von Whiskyflaschen." Zwischen den Kartons tauschen die Jugendlichen Zärtlichkeiten aus.

Wie ihre Beziehung zu Mister Feuervogel versteckt Rose auch die zu ihrem Vater, einem Journalisten, vor der Mutter. Zunächst besteht diese nur aus dem Hören seiner Radiosendungen. Rapmund erzählt darin zum Beispiel von dem evangelischen Dichter Jochen Klepper, der sich gemeinsam mit seiner jüdischen Frau und der Tochter 1942 das Leben nahm. Roses Familie findet derartige Berichte eine Schande: "Hinter den Kulissen wühlen, Dreck ans Licht zerren, das ist seine Stärke", meint ihre Mutter Lissy dazu.

Lissy lebt ein Leben voller Geheimnisse, die ihre Tochter zunächst nicht versteht. Nie hat die Mutter Geburtstag, immer bleibt sie 36. Über die Gründe für ihre Scheidung spricht sie ebenfalls nicht. Und als Rose eines Tages herausfindet, dass ihre Mutter täglich in den Osten fährt, um dort beim Rundfunk zu arbeiten, fällt sie aus allen Wolken. Sagten die Großeltern nicht immer, dass dort die Kommunisten sitzen? Die Feinde?

Reschke erzählt von Dingen, an die sich wahrscheinlich alle erinnern können, die in den Fünfzigerjahren aufgewachsen sind. Väter und Brüder kehren nach zehn Jahren aus Russland wieder, Männer erwarten, dass ihre Söhne Härte zeigen. Potsdam besteht nur aus Ruinen, und fast alle Familien haben schon einmal Briefe ans Rote Kreuz geschrieben, um ein Kind wiederzufinden. Apfelbrause und Kalter Hund stehen für die guten Dinge des Lebens, für die seltenen Ausflüge ins Umland von Berlin.

Neben Roses Vater gibt es noch einen Mann, über den nicht gesprochen wird in der Familie: Ihr Onkel Arnold ist in Frankreich desertiert und wird nach seiner Heimkehr vom eigenen Vater abwechselnd gesiezt und ignoriert. Man will wieder wer sein in diesem Deutschland der Nachkriegszeit, und das, was dem Aufstieg hinderlich sein könnte, wird am besten weggeschwiegen. Schweigen können alle sehr gut in diesem Buch, und dem entspricht auch die Schreibweise Reschkes. Sehr zurückgenommen wird hier erzählt, so dass selbst drohende Katastrophen wie eine Naturgegebenheit wirken. "Er schwieg, alle verlegten sich aufs Schweigen, die einzige Möglichkeit, Gefühle unter Kontrolle zu halten. Für mich war der Auftritt des Ältesten ein Schauspiel mit unklarem Ausgang. Das Schweigen dieser 3 Menschen wurde so tief, und die Gefahr eines Ausbruchs lag so sehr in der Luft, daß ich schließlich aufstand und aus der Küche ging."

In Roses Leben spielen Freundinnen keine Rolle. Die Beziehungen zu Jungen, die sie führt, scheinen eher zufällig, selbst als sie sich wirklich verliebt. Als stille Zuhörerin erscheint sie, die allen Familienmitgliedern ein Ohr leiht und schließlich für den Vater ein Hörspiel einspricht: Die Laura aus Tennessee Williams´ "Die Glasmenagerie" ist wie geschaffen für sie, die dem Leben mehr zusieht als es selbst zu leben.

AVIVA-Tipp: Reschkes Rose wirkt merkwürdig losgelöst von der Realität und vermittelt dennoch ein lebendiges Bild der Fünfzigerjahre, in denen sie zum Erwachsensein findet. Glücklicherweise geht es in diesem klugen Buch um viel mehr als den "Weg zum Glück", den der Klappentext in Groschenheft- Manier ankündigt.

Zur Autorin: Karin Reschke, geboren in Krakau, aufgewachsen in Berlin und noch immer in der Stadt zu Hause. Sie schrieb u.a. "Memoiren eines Kindes" (1980), "Verfolgte des Glücks" (1982), "Birnbaums Bilder" (1998) und "SpielEnde" (2000) und erhielt u.a. den Bettina-von-Arnim-Preis und den FAZ-Preis für Literatur.

Karin Reschke
Kalter Hund

Verlag Weissbooks, erschienen 2009
Gebunden, 163 Seiten
18,80 Euro
ISBN 978-3-940888-37-2

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"Heimsuchung" von Jenny Erpenbeck.
Wenn du lächelst, bist du schöner. Kindheit in den 50er und 60er Jahren von Claudia Seifert.
"Premiere für Han Li" von Susanne Alge.

Literatur Beitrag vom 04.05.2009 Claire Horst 

   




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