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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 20.05.2009

Judith Hermann - Alice. Gelesen von der Autorin
Claire Horst

Mit ihrem Romandebüt "Sommerhaus, später" wurde Judith Hermann schlagartig bekannt und schnell zur Stellvertreterin einer neuen deutschen Literatur ausgerufen. "Fräuleinwunder", Stimme der ...



... Generation Golf – vor Zuschreibungen konnte sie sich kaum retten.

Was "Sommerhaus, später" auszeichnete, ist auch elementarer Bestandteil von "Alice": die Stille und Unaufgeregtheit der Sprache. Nachdenklich, mit fast lakonischer Ruhe baut Judith Hermann ihre atmosphärischen Kurzgeschichten auf. Eigentlich sind es Miniaturen, die sie zeichnet – Hermann malt mit Worten.

Wäre sie bildende Künstlerin, würde sie wahrscheinlich Tuschezeichnungen im klassischen japanischen Stil malen. Ohne zu viel Farbe, mit wenig Bewegung und genauem Blick aufs Detail. Mit feinen Pinselstrichen würde sie ruhige, malerische Landschaften abbilden, präzise Darstellungen von Natur, Tier und Mensch. Der Anblick würde beruhigen oder melancholisch stimmen, je nach Sujet.

Genau so wirken Judith Hermanns Texte. Das eigentliche Geschehen spielt eine untergeordnete Rolle. Es sind keine Ereignisse, von denen sie berichtet. Diese sind nur der Auslöser, der Startpunkt für das Einsetzen von Hermanns Beschreibungen, selbst wenn es existenzielle Veränderungen sind, um die es geht.

"Alice" ist die Hauptfigur im Zentrum der fünf Erzählungen vom Tod. In jeder dieser Geschichten bleiben Menschen zurück, die jemanden verloren haben. Zwischen Hermanns Erzählstil und diesem Geschehen, dem Tod eines geliebten Menschen, entsteht ein interessantes Wechselspiel. Die Lakonie, die Entrücktheit und die merkwürdige Abwesenheit der Erzählerin entspricht tatsächlich ziemlich genau dem Gefühl nach dem Tod eines nahestehenden Menschen. Meist wollen wir den Verlust noch nicht wahrhaben, wir bewegen uns in einem tauben Gefühl, wie in einer Nebelwolke. So ähnlich fühlt es sich an, Judith Hermanns Texte zu hören.

Die Autorin widmet sich ausführlich den Objekten um ihre Figuren herum. Jeder Stuhl, jeder Blick aus dem Fenster, jeder herumliegende Gegenstand wird genauestens geschildert. Und trotzdem kommen wir ihnen nicht näher. Die Beschreibungen bleiben seltsam kraftlos, als nähme man sie durch einen Schleier wahr, ohne sie wirklich an sich heranzulassen. Nach dem Tod von Micha hat Alice "das Gefühl, sie würde verrückt werden, wenn sie auch nur eine Nacht länger in dieser Wohnung verbringen müßte mit dem Blick auf das Krankenhaus, in dem niemand mehr lag. Das Krankenhaus war hohl. Ein stilles Gehäuse. Wenn wir nicht aufpassen, dachte Alice, dann verschwinden wir auch. Maja und das Kind und ich, wir verschwinden in Zweibrücken, spurlos." Der konkrete Name der Stadt wirkt in diesem Text vollkommen deplaziert, wie ein Element der realen Welt mitten in einem nebligen Gebilde.

In dieser betäubten Welt ist jede von Hermanns Figuren mit sich allein. Ihre Gespräche sind eher belanglos. "Ab und an war es möglich, eine Frage zu stellen. Maja antwortete dann auch, oder umgekehrt, Maja fragte, Alice antwortete. Weiter ging es aber nicht, Fragen und Antworten ergaben kein Gespräch. Das war, dachte Alice, so, wie die Lage war. Eine zentrierte Leere."

"Eine zentrierte Leere", das beschreibt das Buch recht passend. Und dieses Gefühl ist ziemlich unangenehm. Judith Hermann baut perfekte Kulissen auf, komplett möblierte Handlungsräume erstehen vor dem inneren Auge – doch in ihnen atmet es nicht. Die Geschichten haben kein Leben, oder nur ein hölzernes. Sicher entspricht das der psychischen Reaktion auf einen Tod: Man fühlt sich wie abgestorben. Hermann gelingt es meisterhaft, diese Atmosphäre zu schaffen. Und doch – die Perfektion der Sprache, die präzise gemeißelten Sätze wirken beinahe zu vollkommen.

AVIVA-Tipp: Judith Hermann liest ihren Text mit großer Konzentration, in jeden Satz scheint sie sich genauestens einzufühlen. Unaufgeregt, mit gelassener Stimme trägt sie mit sehr angenehmer Stimme ihre Geschichten vor. "Alice" von der Autorin selbst zu hören, ist ein großer Gewinn. Die Aussage der Kurzgeschichten – die Emotionslosigkeit, die zugleich klare und distanzierte Sicht der Figuren auf ihre Außenwelt – spiegelt sich in der Sprechweise der Autorin. Wie der Text ist auch die Intonation der gerade Vierzigjährigen irritierend altmodisch. Jedes Wort wird präzise und wohldurchdacht betont, jede Silbe scheint Sinn zu tragen. Das ist sehr sorgfältig ausgearbeitet, mitunter aber auch anstrengend.

Zur Autorin: Judith Hermann wurde 1970 in Berlin geboren. 1998 erschien ihr erstes Buch "Sommerhaus, später", dem eine außerordentliche Resonanz zuteil wurde und für das sie mit dem Literaturförderpreis der Stadt Bremen, dem Hugo-Ball-Förderpreis und dem Kleist-Preis ausgezeichnet wurde. 2003 erschien der Erzählungsband "Nichts als Gespenster". Einzelne dieser Geschichten wurden 2007 für das deutsche Kino verfilmt. Judith Hermann lebt und schreibt in Berlin.

Judith Hermann
Alice. Hörbuch

Hörverlag
Format: Vollständige Autorenlesung
4 CDs, 231 Minuten
19,95 Euro
ISBN: 978-3-86717-435-0
Produktion: Rundfunk Berlin-Brandenburg / Der Hörverlag 2009
Erschienen im Mai 2009

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Judith Hermann - Nichts als Gespenster

Julia Franck - Die Mittagsfrau

Spieltrieb. Von Juli Zeh

Judith Hermann – Alice

Literatur Beitrag vom 20.05.2009 Claire Horst 

   




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