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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 11.02.2010

Doris Lerche - Zungenspitzen
Claudia Amsler

"Effizienz/ sagt der Lenz/ Du musst alle Damen/ rasch besamen/" ironisch - frech - wortmutig, wer keine Sympathisantin der klassischen Lyrik von Goethe, Schiller, Novalis und dergleichen ist,...





...wird bei Doris Lerche Freudenspr├╝nge machen. Vor nichts scheut sie zur├╝ck, insbesondere nicht vor dem Wort.

Schon auf dem Buchcover z├╝ngelt die sich r├Ąkelnde Schlange einem entgegen, beinahe k├Ânnte frau meinen, dass sie keck l├Ąchelt. Sie schl├Ąngelt sich durch die gesamten Gedichte, immer wieder spitzt sie zwischen zwei Zeilen die Zunge. Wie auch die Texte von Doris Lerche, kommt sie unerwartet aus dem Buch hervor und setzt genau dort an, wo wir uns befinden: in der Gegenwart mit unseren allt├Ąglichen wie auch universellen Problemen.

Es ist nicht ├╝berraschend, dass die Sexualit├Ąt, die Beziehung zwischen Mann und Frau und somit die Liebe hei├č bedichtet wird, denn die Schlange gilt in der Traumdeutung als sexuelles Symbol schlechthin. Doch, wer Liebesschw├Ąrmereien erwartet, liegt v├Âllig falsch: "Diese pl├Âtzlich geile Eile/ schafft nur ├Âde Langeweile./ Und so fasst sie sich bewusst/ einfach selbst an ihre Brust/".

Die Autorin reimt und l├Ąsst die W├Ârter str├Âmen. Wenn frau die Zeilen liest, wird sie von diesem Fluss, dem "Flow" mitgerissen. Nichts scheint konstruiert, sondern einfach aus leichter Feder herausgeschrieben. Die Buchstaben scheinen sich unabh├Ąngig zu machen und sich nach freiem Willen zu formen. So gibt es auch keine Spur von Konventionen: Doris Lerche schreibt, was sie denkt und f├╝hlt. Und dadurch angelt sie sich die Leserin.

"Was will er erreichen/ mit der Knarre? Leichen-/ starre?/", die Satirikerin schreckt vor keinem Schauplatz zur├╝ck, so dringt sie etwa poetisch in die Misere einer Familie ein, in der ein Mann seine Frau umbringt. Doris Lerches Kunst steckt darin, dass sie das Schockierende auf lockere Art und Weise beschreibt. Ihre Gedichte, welche kleine Geschichten, Situationen erz├Ąhlen, erinnern durch die formlose Struktur und mit dem Einschub von Anglizismen an "Slam Poetry". Sobald frau die zus├Ątzliche CD in den Recorder einlegt, wird klar, warum es ein Muss ist, die Prosa von Doris Lerche live zu h├Âren.

Die Texte erbl├╝hen erst richtig, wenn sie durch eine Stimme erklingen k├Ânnen. Dann entbrennen die Reime regelrecht. W├Ąhrend die W├Ârter noch in der Ohrmuschel nachhallen, beginnen sie sich mit neuen zu paaren. Die Lyrik erh├Ąlt so H├Ąnde und F├╝├če, die hier und da vor einer regelrechten Apokalypse stehen.
Die Schriftstellerin fordert den Untergang gerne heraus, sie schreibt mit d├╝sterem Witz, der humoristisch und nicht anst├Â├čig ist. "Auf der Mauer/ auf der Lauer/ sitzt der Krieg/ und wartet auf Sieg./" oder "Maximales Blutbad/ zu minimalen Kosten/", die Verse sind deftig gew├╝rzt und treffen den heutigen Zeitgeist haarscharf.

Die Gedichte weisen ein wechselndes Tempo auf, es scheint, als liebe es Doris Lerche, mit dem Rhythmus zu spielen. Generell ist die "Spielerei" ein zentrales Thema. So schiebt sie immer wieder das romantische Motiv der "Blauen Blume" in ihre Gedichte ein, welches im Kontrast zu den nicht wirklich romantisierenden Inhalten steht. Denn Doris Lerche zeigt mit ihrer Wortgewandtheit die Absurdit├Ąten und die Abstraktheit des Lebens, des Menschseins auf und frau wird klar, dass hier und da "Die Synapsen/ schnapsen/".

AVIVA-Tipp: Doris Lerches sarkastische, wortgewaltige Lyrik besitzt eindeutig Suchtpotenzial. Frau muss regelrecht eine Seite nach der andern lesen, darf kein noch so kleines Wort auslassen - wie die allgegenw├Ąrtige Schlange verschlingt die Leserin das ganze Werk auf einmal.

Zur Autorin: Doris Lerche bewegt sich zwischen den k├╝nstlerischen Genres: Sie schreibt Prosa, Lyrik und Satire, sie tritt mit ihren Texten auf die B├╝hne, sie zeichnet. Bekannt wurde Lerche 1980 durch ihr schwarz-humoriges Cartoonbuch "Du streichelst mich nie!", dem noch weitere folgten. Damit geh├Ârte sie zu den ersten satirischen Zeichnerinnen der Bundesrepublik. Sie ver├Âffentlichte zahlreiche Erz├Ąhlb├Ąnde und Romane, unter anderem "Wo ist Romeo?" und "21 Gr├╝nde, warum eine Frau mit einem Mann schl├Ąft.". Im Verlag Claudia Gehrke erschien 2008 "Damit ich dich besser k├╝ssen kann", eine Sammlung von Erz├Ąhlungen. (Quelle: Veralgsinformation)
Mehr Infos finden Sie unter: www.dorislerche.de

Doris Lerche
Zungenspitzen

Gedichte, Zeichnungen und CD
Deutsch
konkursbuch Verlag, erschienen August 2009
Gebunden, 112 Seiten
ISBN-13: 978-3-88769-381-7
12,00 Euro

Literatur Beitrag vom 11.02.2010 Claudia Amsler 

   




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