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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 14.06.2009

Noémi Kiss - Was geschah, während wir schliefen
Clarissa Lempp

Die ungarische Literaturdozentin schreibt sich in diesem Erzählband den Bukowski von der Frauenseele. Sie reist durch das östliche Europa und schroffe Gefilde menschlicher Innen- und Außenwelten.



Auf der Toilette einer zwischenweltigen Berliner Szenekneipe ermordet eine transsexuelle Sexarbeiterin ein Mädchen. Zeugen sind die Barbesucher: Ein Drehbuchautor und die Berlinreisende Icherzählerin, der Barmann und Liebhaber der Mörderin, das drogenkriminelle Nebenpublikum mit internationaler Herkunft – klischeehafte Nachtgestalten in der städtischen Wirklichkeit. Aus der aufgesetzten Nähe der berauschten Partygemeinschaft wird die despotische Blöße, die das Schreckenserlebnis auf jede/n Einzelne/n wirft. Eine schlechte "Tatort"-Folge des Drehbuchautors und "die ganze Wahrheit" in einem Boulevardzeitung-Spezial schenken der Nacht traurigen Ruhm.

Die Erzählungen von Noémi Kiss fokussieren Abgründe menschlicher Begegnungen.Aus der Affäre zweier Schriftstellerinnen auf einer Reise durch Osteuropa wird eine Tragödie. Aus der poetischen Beschreibung eines schlafenden Paares wird eine Metapher über die Selbstaufgabe, aus der multikulturellen Liebesgeschichte ein Melodrama um häusliche Gewalt. Immer aus der Perspektive der Ich-Erzählerin beschwört Kiss die dunklen Seiten menschlicher Beziehungen in Berlin, Frankfurt Oder, Budapest oder Belgrad, mal traumhaft, mal zynisch, mal analytisch. Ihre Figuren tanzen auf dem Drahtseil, leben in extremen Verhältnissen, sind gescheitert. Oft sind sie Fremde an den Orten ihrer Existenz, im eigenen Leben. Noémi Kiss lässt ihre Figuren Grenzen spüren und überschreiten, geographisch, psychisch, körperlich, sexuell. Sie zeichnet Figuren der zufälligen Begegnung, des täglichen Lebens und aus der Unschärfe, die zwischen den Welten hin- und hergeworfen werden.

Zur Autorin: Noémi Kiss, geb. 1974 in Gödöllõ, studierte Hungarologie, Komparatistik und Soziologie u.a. in Konstanz. Sie veröffentlichte zahlreiche Essays, Erzählungen und Kritiken in deutscher und ungarischer Sprache. Kiss ist seit 2000 Dozentin für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Miskolc. (Verlagsinformation)

AVIVA-Tipp: Noémi Kiss schreibt von Exzessen und Verwundbarkeit, vom Leben und Tod und genauso kontrovers ist auch ihr Sprachstil. Direkt, fast obszön und dann ganz fein, fast theatralisch. Wie ihre Figuren taumelt auch die Autorin zwischen den Extremen. Das wirkt anfangs etwas künstlich, die präzise Erzählstruktur etwas kleinlich, fast gewichtslos. Doch bald entfesselt die episodenhafte und dramaturgische Zusammenstellung einen Erzählsog zwischen den sechs Texten, die in ihrer unbeschönigten und doch zärtlichen Art an die großartige "Beautiful Losers"-Attitude der amerikanischen Literatur der 1960er erinnern.

Noémi Kiss
Was geschah, während wir schliefen

Aus dem Ungarischen von Agnes Relle
Matthes&Seitz Verlag, Berlin, erschienen 2009
192 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-88221-743-8
19,80 Euro

Literatur Beitrag vom 14.06.2009 Clarissa Lempp 

   




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