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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 29.06.2009

Veronika Peters - An Paris hat niemand gedacht
Claire Horst

Einen Familienroman im klassischen Sinn hat Veronika Peters nicht geschrieben, obwohl die Familie im Mittelpunkt des Buches steht. Marta, die Protagonistin, hat seit 17 Jahren keinen Kontakt mehr...



... die Protagonistin, hat seit 17 Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie.

St├╝ck f├╝r St├╝ck, wie ein langsam zusammengesetztes Puzzle, baut sich das Bild einer von Brutalit├Ąt und Angst bestimmten Kindheit auf, von der Martas Leben bis heute gepr├Ągt ist. Der einzige helle Fleck dieser Zeit sind die afrikanischen M├Ąrchen von dem Leoparden und der Spinne, die Marta seit ihrer Kindheit liebt.

Mit ihren beiden Schwestern ist sie in der Elfenbeink├╝ste aufgewachsen, wo der Vater als Architekt an einem gro├čen Bauprojekt beteiligt war. Ihre Erinnerungen an das Land sind durchsetzt von M├Ąrchen und Liedern, von der Zuneigung zu Mamadou, der f├╝r ihre Eltern den Haushalt f├╝hrte und mit Marta spielte. Am liebsten w├Ąre sie ihm in sein Dorf gefolgt, weit weg von ihren Eltern.

Der Vater, den Marta im R├╝ckblick nur beim Vornamen nennt, war ein Schl├Ąger und Alkoholiker, die Mutter eine eingesch├╝chterte und unterw├╝rfige Frau, die nie den Mut aufbrachte, sich sch├╝tzend vor ihre T├Âchter zu stellen ÔÇô geschweige denn mit ihnen den Vater zu verlassen. Im R├╝ckblick hat Marta f├╝r beide nur Hass, Entt├Ąuschung und Unverst├Ąndnis ├╝brig.

Bei der Entschl├╝sselung von Martas Familiengeschichte verflechtet Veronika Peters gekonnt mehrere Erz├Ąhlebenen. In der Jetztzeit lebt Marta mit Paul zusammen, dem ersten Mann, den sie an ihrer Seite ertr├Ągt, weil er keine Fragen stellt. Er akzeptiert ihr Schweigen ├╝ber ihre Familie und liebt sie bedingungslos. Deshalb kann sie bei ihm bleiben. In ihren Gedanken verbringt sie jedoch jeden Tag in ihrer Kindheit, singt die alten Lieder, sagt sich die geliebten M├Ąrchen auf. Wenn aber jemand nachts auf der Stra├če steht, ein Unbekannter sie anspricht oder es an der T├╝r klingelt, kommen die immer gleichen Gedanken hoch: panische Angst vor dem Vater, der ihr auflauern k├Ânnte. "Keine Angst. Ich will keine Angst mehr haben. Richard kann ihr nichts mehr tun.", mit dieser Suggestion versucht sie sich zu beruhigen.

Doch das ist nicht so einfach, wenn die Erinnerung an die brutale Gewalt des Vaters immer wieder aufkommt: "Richards hochrotes Gesicht taucht vor ihr auf, glasige, vom Alkohol verwischte Augen, schwer rasselnder Atem roch nach kaltem Rauch und teurem Whiskey. Wenn der mich diesmal kriegt, dachte sie, ist es aus." Oft pr├╝gelt der Vater sie, weil sie einen Auftrag nicht schnell genug ausf├╝hrt: "Er br├╝llte etwas, das Marta nicht verstand, dann h├Ârte sie nichts mehr, weil ihre Ohren geschlossen waren. Sie konnte sie zuklappen, wie andere Menschen ihre Augen, jedes Ger├Ąusch prallte dann ab, keines seiner Worte drang zu ihr durch. Doch selbst wenn sie sich zu einem Kn├Ąuel zusammenrollte, trafen sie die Tritte. Eine Lehrerin hatte gesagt, Marta sei f├╝r ihre zehn Jahre zu klein, aber das stimmte nicht, viel zu gro├č war sie, viel zu viel Oberfl├Ąche, in die sich das Profil seiner Arbeitsschuhe pr├Ągen konnte."

Fast ein Wunder ist es, dass Marta den Absprung geschafft hat. Mit 16 von zu Hause weggelaufen und bei einer ├Ąlteren Freundin untergekommen, hatte sie die Familie komplett aus ihrem Leben gestrichen. Die Verletzungen sind jedoch noch da, ebenso wie die Sehnsucht nach Sophia, ihrer vertrauten ├Ąlteren Schwester, und den gemeinsamen M├Ąrchen und Liedern.

Im zweiten Teil des Romans r├╝ckt die Mutter ins Zentrum, Greta, f├╝r die Marta nur noch Hass ├╝brig hat, seit sie der Schl├Ągerei des Vaters tatenlos zusah. Greta hat ebenfalls ein neues Leben angefangen, hat sich beruflichen Erfolg erarbeitet und ein Selbstwertgef├╝hl, das ihr Mann fast komplett zerst├Ârt hatte. Wie ihre Tochter wurde auch Greta von der Gewalt und Verachtung ihres Mannes beinahe vernichtet. Fast widerwillig, so unangenehm war Gretas Verhalten aus Martas Sicht geschildert worden, gewinnt die Leserin ein erstes Verst├Ąndnis f├╝r sie, f├╝r ihre eigenen ├ängste und das Zwangssystem, in dem sie den ersten Teil ihres Lebens verbracht hat. Sogar Bewunderung f├╝r ihren Kampf um ein neues Leben gesteht man dieser Frau nun zu, Mitleid und Sympathie.

Als der Vater gestorben ist, ist es die j├╝ngste Schwester, die einzige, die noch Kontakt zum Vater hatte, die die Familie wieder zusammenholt. Sehr langsam und vorsichtig n├Ąhern die Frauen sich einander wieder an. "Der Krug, der mit Lehm gekittet ist, h├Ąlt kein Wasser mehr", mit diesem afrikanischen Sprichwort hatte Marta sich bisher die Vergeblichkeit eingeredet, den Kontakt wieder aufzunehmen, zu gro├č sind ihre Verletzungen. Jetzt jedoch, nach der Beerdigung des Vaters, finden Mutter und Tochter, Schwester und Schwester behutsam heraus, was von dem Bild, das sie sich von den anderen gemacht haben, ├╝berhaupt zutrifft.

AVIVA-Tipp: Veronika Peters gelingt ein intensives Portrait von zwei Frauen, die durch ihre tiefen Verletzungen und das Gef├╝hl, einander verpasst zu haben, aneinander gebunden sind. Sehr ber├╝hrend ist es, ihnen bei ihrer Ann├Ąherung zuzusehen, bei der Neuordnung ihrer lang geh├╝teten Erinnerungen und Einsch├Ątzungen der anderen. Sorgsam errichtete Verteidigungslinien werden vorsichtig ├╝bertreten, jeder direkte Blick und jede leichte Ber├╝hrung werden zu einem komplizierten Man├Âver, denn noch will keine zu viel N├Ąhe zulassen. Ein ber├╝hrendes und nachdenkliches Buch in poetischer Sprache.

Zur Autorin: Veronika Peters, geboren 1966 in Gie├čen, verbrachte ihre Kindheit in Deutschland und Afrika, wo ihr Vater als Lehrer t├Ątig war. Im Alter von f├╝nfzehn Jahren verlie├č sie ihr Elternhaus, absolvierte eine Ausbildung zur Erzieherin und arbeitete in einem psychiatrischen Jugendheim, bis sie 1987 ins Kloster eintrat. Nach beinahe zw├Âlf Jahren verlie├č sie den Orden und zog nach Berlin, wo sie sich mit Fotografie und Schreiben besch├Ąftigte. Veronika Peters lebt mit ihrer Familie und zwei Katzen im Stadtteil Prenzlauer Berg.

Veronika Peters
An Paris hat niemand gedacht. Roman

Goldmann Verlag, erschienen Juni 2009
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 272 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-442-31167-5
19,95 Euro

Das Buch ist auch als Audio-CD erschienen, gelesen von der Autorin.



Literatur Beitrag vom 29.06.2009 Claire Horst 

   




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