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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 08.08.2009

Bitterfelder Bogen - Monika Marons erhellende Rückkehr an einen symbolträchtigen Ort
Anna Opel

Im ihrem neuen Buch schildert Maron die wundersame Wandlung der schmutzigsten Stadt Europas zum aufstrebenden Standort eines börsennotierten Solartechnikunternehmens



Monika Maron erzählt in "Bitterfelder Bogen" eine erstaunliche, in den Anfängen fast märchenhafte Erfolgsgeschichte der Nachwendezeit. Sie tut es in einem beinahe dokumentarischen, angenehm zurückhaltenden Ton, der die Realitäten und Beobachtungen, die Details der Geschichte ins Zentrum stellt.

Die 1941 geborene Autorin kehrt mit diesem Buch zu den eigenen publizistischen Anfängen zurück. An den Ort, über den sie als Reporterin für die Wochenpost Mitte der 1970er Jahre berichtet hatte. Natürlich geschönt. Die Auseinandersetzung mit der Frage, was geschehen wäre, hätte sie ihren Reportagen nicht den üblichen sozialistischen Optimismus verpasst, mündete damals in Marons Debütroman "Flugasche", der 1981 mit großem Erfolg im Westen veröffentlicht wurde. Der Roman schildert, wie der Anspruch einer jungen, engagierten Journalistin auf Wahrheit sie ihre psychische und wirtschaftliche Existenz kostet. 1988 siedelte Maron in den Westen über.

"Bericht", nicht Roman, nennt die Autorin ihre Suche heute. Sie forscht nach den Umständen der Wandlung einer heruntergewirtschafteten, verseuchten Region zum Standort einer prosperierenden Solarzellenfabrik, deren Gründung einem so enthusiastischen, wie idealistischen Kreuzberger Ingenieurskollektiv zu verdanken ist. Scheiß auf den Kommerz, lasst uns was Richtiges machen. So lautete der im Buch mehrfach zitierte Satz Reiner Lemoines, der die Stimmung der Alternativen westdeutschen Szene in diesen Jahren treffend wiedergibt. Dem im Jahr 2006 verstorbenen Reiner Lemoine, Gründer von Wuseltronik, den sie persönlich nicht mehr kennen lernte, hat Monika Maron ihren detaillierten Bericht gewidmet.

Wuseltronik, so lustig hieß die Urfirma, die inzwischen, nach fast drei Jahrzehnten Firmengeschichte, die sich überwiegend auf den Thalheimer Äckern abgespielt hat, durch Erweiterungen zum international agierenden, börsennotierten Solarkonzern Q-Cells angewachsen ist. Ein Startkapital von 60.000 DM und die Not des Bitterfelder Bürgermeisters hatten Ende der 1990er Jahre zusammengefunden. Man hätte sich gegenseitig wohl nicht ausgesucht, brauchte einander aber. Heute hat Q-Cells nicht nur 3.500 Stellen, sondern auch Forschungsinitiativen und damit Zukunft in die Region gebracht.

Maron geht der Geschichte des Chemiestandortes Bitterfeld-Wolfen nach. Von der Gründung im Jahr 1893, der Abwanderung von Spezialisten und Informationen im Juni 1945, über die Produktion von Massenbedarfsgütern zu DDR-Zeiten und dem zwangsläufigen Rückbau der Werke nach dem Mauerfall. Zeitgleich zum Niedergang der Überreste von Chemieindustrie in Bitterfeld und Wolfen gegen Ende der 90erJahre suchten die Leute von Wuseltronik einen Standort, um die für die angestrebte Technik geeigneten Solarmodule selbst herstellen zu können. Dank Fördergeldern und günstigen Umständen gelangten sie nach Bitterfeld.

Die Chronik dieser beiden Stränge ist präzise recherchiert. Die Autorin hat mit ZeitzeugInnen und ProtagonistInnen gesprochen. Liebevoll und genau beschreibt sie ihre Begegnungen, notiert Lebensgeschichten und Arbeitsbiographien und kommentiert staunend die unglaubliche Verbindung von Kreuzberger Öko-AktivistInnen mit der heruntergekommensten Landschaft der ehemaligen DDR.

Zu Beginn ihres Berichtes schreibt Maron, lange habe sie ihre Verbindung zu Bitterfeld als abgeschlossen betrachtet. Eines Abends sei sie dann doch den Schilderungen und Geschichten des Freundes Andreas Hierholzer erlegen, der von den Thalheimer Äckern und dem Solar Valley berichtete. Und Maron hält wunderbarerweise die Bereitschaft durch, sich überraschen zu lassen:

"Vielleicht war seine Begeisterung an diesem Abend besonders suggestiv, vielleicht war ich auch nur empfänglicher, jedenfalls war es dieser Abend, an dem ich plötzlich dachte, dass ich mir ja gar nicht selbst hinterherlaufen, sondern mir mit all diesen Engländern, Australiern, Amerikanern und Deutschen, mit Andreas, Dagmar und Anton von der anderen Seite, aus der Zukunft, entgegenkommen würde."

Die Verbindung zweier so unterschiedlicher deutscher Sphären ist durchaus melancholisch beschrieben – unter anderem nämlich als Transformation einer Vision zum gewinnorientierten Unternehmen. Etwas von der sympathischen Firmenkultur bleibt auf der Strecke, Arbeitsplätze entstehen. Ostdeutsche Existenzgründer werden gewürdigt, für die bei der Kreditvergabe andere Maßstäbe galten, als für ihre westdeutsche Konkurrenten. Kein Bogen schließt sich. Eher setzt sich etwas zusammen aus Geschichten von den Kränkungen und Deklassierungen der Nachwendezeit, von Durststrecken und Neuanfängen– aber eben auch von erstaunlichen Erfolgsgeschichten. Maron schafft ein Gewebe, in dem die nach wie vor heikle Bewertung von westdeutscher und ostdeutscher Geschichte als zweiter Faden mitläuft.

Zur Autorin: Monika Maron wurde 1941 in Berlin geboren, wuchs in der DDR auf, übersiedelte 1988 in die Bundesrepublik und lebt heute wieder in Berlin. Sie veröffentlichte u. a. die Romane "Flugasche", "Die Überläuferin", "Stille Zeile sechs", "Animal triste", "Pawels Briefe. Eine Familiengeschichte" "Endmoränen" und "Ach Glück". Für ihr erzählerisches und essayistisches Werk wurde sie mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter dem Kleist-Preis (1992), dem Friedrich-Hölderlin-Preis (2003) und dem Deutschen Nationalpreis (2009).

AVIVA-Tipp: Ein lesenswertes Buch, eher Sachbuch als Belletristik. Die profilierte Autorin begibt sich auf Neuland, indem sie eine aufregende und überraschende Firmengeschichte recherchiert. Ohne inhaltlich auf ihren ersten Roman einzugehen, nimmt sie mit diesem Buch klug die Modernisierung von Industrie und Gesellschaft in den Blick, die inzwischen stattgefunden hat.

Monika Maron
Bitterfelder Bogen. Ein Bericht

Mit Fotos von Jonas Maron
S. Fischer, Frankfurt am Main, erschienen 2009
ISBN 978-3-10-048828-2
Hardcover, 174 Seiten, 18,95 Euro

Literatur Beitrag vom 08.08.2009 AVIVA-Redaktion 

   




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