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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 11.08.2009

Lili Frank. Ein Memorandum - Herausgegeben von Hermann Simon
Iella Peter

Das Poesiealbum Lili Franks ist ein literarisches Kleinod. Die Widmungen von Dozenten und Kommilitonen der ehemaligen jüdischen Hochschule sind einmaliges Zeugnis ...



... jüdischen Lebens und Denkens zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Nicht viel konnten Hermann Simon und Daniela Gauding, die Bearbeiterin dieses Bandes, über Lili Franks Biografie herausfinden. Bis Heute findet sich in keinem der durchsuchten Archive ein Foto von ihr oder ihrem Mann. Zu Lebzeiten eine Frau mit normalem bürgerlichem Werdegang, kam ihr einzig noch bekanntes Zeugnis erst lange nach ihrem Tod an das Licht der Öffentlichkeit.

Wie genau das Dokument seinen Weg in das Archiv des Centrum Judaicums fand, konnten Simon und Gauding aber zum größten Teil rekonstruieren. Der ehemalige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Ost-Berlins, Dr. Peter Kirchner, sammelte in den Jahren seiner Amtszeit viele Beweise jüdischen Lebens. Diese Fundstücke wurden im Gesamtarchiv der jüdischen Gemeinde in der Oranienburger Straße untergebracht, wo sie bis zur Übergabe des Archivs 1990 an die Stiftung Neue Synagoge Berlin die Zeiten überdauerten.

Geboren wurde Lili Frank am 12. April 1888 in Hamburg, verbrachte ihre Kindheit aber in Berlin. Hier besuchte sie auch die Höhere Töchterschule und absolvierte danach ein Privatstudium. Wann genau sie sich in der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, gegründet 1872, einschrieb, ist nicht bekannt. Die erste Eintragung in ihrem Poesiealbum, von ihrem Dozenten Rabbiner Dr. phil. Malwin Warschauer verfasst, stammt von 1909. Mit Sicherheit studierte sie zu diesem Zeitpunkt bereits an der Hochschule.

1914 heiratete die junge Frau den Lehrer Dr. phil. Paul Nathan Michaelis. Sie lebten in Berlin-Prenzlauer Berg. Kinder bekamen die beiden nicht. Im Jahr 1942 starb Michaelis und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee beerdigt. Lili Michaelis geb. Frank ereilte ein anderes, schreckliches, Schicksal. Als Fünfundfünfzigjährige wurde sie am 17. Mai 1943 von den Nationalsozialisten verhaftet, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Der Nachdruck von Lili Franks Poesiealbum ist eine Sammlung der Widmungen ihrer DozentInnen und KommilitonInnen an sie. Einige Eintragungen sind in Deutsch, wieder andere in Hebräisch verfasst worden. In vielen Kommentaren werden, neben Empfehlungen und guten Wünschen für den weiteren Lebensweg, auch die Gefühle und Gedanken der jüdischen Bevölkerung des späten deutschen Kaiserreichs und der Weimarer Republik transportiert.

Hugo Klein, auch ein Student der Hochschule, schreibt beispielsweise um 1910 in das Poesiealbum:
"Wenn ich deiner vergesse, Jerusalem, So schrumpfe meine Rechte ein. Es klebe meine Zunge an meinem Gaumen, Wenn ich deiner nicht gedenke, Wenn ich Jerusalem nicht lasse, Meine höchste Freude sein". Seine Eintragung endet mit den Worten: "Diesen Schwur der Treue mögen Sie beherzigen in Ihrem Leben (...)".

Viele Juden Europas fühlten sich zu dieser Zeit der entstehenden jüdischen Nationalbewegung, dem Zionismus, sehr verbunden und sahen in der Gründung eines jüdischen Nationalstaates eine existenzielle Notwendigkeit, um das Fortbestehen des jüdischen Volkes zu sichern. Auch Hugo Klein verleiht diesem Gefühl mit dem von ihm adaptierten Zitat aus den Psalmen Ausdruck.

Auch Leo Baeck, einer der bekanntesten Vertreter des liberalen Judentums, verewigte sich in Lili Franks Poesiealbum: "(...) Ein Wort der Erinnerung von dem Dich hochschätzenden Uri Lippman Baeck". Seine Widmung spiegelt die Sympathie und vor allem den Respekt wider, die er und auch die anderen Autoren, offensichtlich für die junge Frau empfanden.

Zu dieser Zeit waren Frauen nur als Gasthörerinnen an staatlichen Universitäten zugelassen. Auch Lili hatte, bevor sie das spätere Studium an der jüdischen Hochschule begann, von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht und sich 1910 für ein Semester an der Berliner Universität eingeschrieben. Es verwundert daher auch nicht, dass sämtliche Widmungen dieses kleinen Bandes aus der Hand von Männern stammen. Lili Frank muss eine sehr charakterstarke Persönlichkeit gewesen sein, die trotz äußerer Widerstände immer weiter studierte und sich bildete.

AVIVA-Tipp: Ein schön gestaltetes, kleines Album des Erinnerns hat Lili Frank mit ihrem Memorandum geschaffen. Es gibt versteckten Einblick in die ereignisreichen Jahre des beginnenden 20. Jahrhunderts und in das Leben dieser bemerkenswerten Frau.

Zum Autor: Hermann Simon ist Historiker und Direktor der Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum. Er veröffentlichte diverse Publikationen zur Geschichte des Judentums und ist Herausgeber der Reihen "Jüdische Miniaturen" und "Jüdische Memoiren".

Lili Frank (Herausgegeben von Hermann Simon)
Lili Frank. Memorandum. Ein Poesiealbum von 1909-1929

Hentrich & Hentrich Verlag Teetz, erschienen 2008
Hardcover, 26 Seiten Faksimile nebst Transkription, 19 Abbildungen
ISBN 978-3-93845-91-0
Preis: 29,80 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Juden in Berlin, herausgegeben von von Andreas Nachama, Julius H. Schoeps und Hermann Simon und Jüdische Miniaturen - Jüdische Familienrezepte von Deborah und Hermann Simon.

Literatur Beitrag vom 11.08.2009 AVIVA-Redaktion 

   




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