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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 15.08.2009

Roya Hakakian. Bitterer Frühling - Meine Jugend im Iran der Revolutionszeit
Kristina Tencic

Wem die Twittermeldungen aus dem Iran unzureichend sind, wer die jüngste Geschichte Irans literarisch erkunden und poetisch erfühlen möchte, der/die kommt an Roya Hakakian nicht vorbei.



Die Steine sind geworfen, die Wut ist abgeflacht, die Revolution hat gesiegt. Bis auf den letzten Satzteil kommt uns diese Situation bekannt vor - doch die Revolution hat gesiegt? Ja hat sie, im Iran des Jahres 1978, in welches die kleine Roya, der Traum, zu dieser Zeit 12 Jahre alt, hineingeboren wurde. Eigentlich wächst sie auf wie jedes andere Mädchen in ihrem Alter: Sie erkundet sich selbst, neue Bücher, Bands, ihre Sexualität und ihre Zukunftsträume. Nur mit dem Unterschied, dass sie in einer höchst unruhigen Zeit zu einer jungen Frau heranreift, nämlich in der Hochzeit der iranischen Revolution und, dass ihre Familie nicht die Religion teilt, welche bald alles Leben in ihrer geliebten Stadt Teheran bestimmen wird, den Islam. Obgleich sie in ihrer Kindheit, im Gegensatz zu ihrem Vater, keine Diskriminierungen als Jüdin erfahren musste, war sie sich stets darüber bewusst, dass da etwas anders war als beispielsweise bei ihrer besten Freundin, einer Muslimin. Auch verstand sie, dass sich ihre Familie in Gegenwart von "Goys" bedacht und in jedweder Hinsicht im besten Festtagskleid zeigte.

"Man achtete darauf, es nicht zu zerknittern oder zu beschmutzen. Der Stoff kratzte. Der Reißverschluss zwickte, es war ungewohnt, und man musste sich in das Kleid hineinzwängen. Aber das gab einem dann auch die Möglichkeit sich selbst mit neuen Augen zu sehen. Es war anstrengend, aber mir gefiel es [ ... ], wie wir uns beeilten, als Familie ein neues Kleid überzustreifen."

Doch nicht nur die Religionszugehörigkeit unterscheidet Roya von ihren Altersgenossen. Auch ihr eigensinniger und kritischer Verstand, welcher den aus der Perspektive der Jugendlichen geschriebenen Roman nicht zuletzt auszeichnet, begann bereits in jenen Tagen aufzublitzen. Anfangs Feuer und Flamme für die revolutionäre Bewegung, zeigt sich bald, dass das Land vom Regen in die Traufe gelangte. Zuvor von der Geheimpolizei des Schahs, dem SAVAK, gegeißelt, unterlagen sie bald neuen Zensuren. Die Islamisierung aller Lebensbereiche, vom Kopftuchzwang bis zu einem "Ministerium zur Förderung der Tugend und zur Verhinderung des Lasters" waren die Konsequenzen der Revolution, die ursprünglich bürgerrechtliche und säkulare Absichten hatte. Kaum waren die letzten, auch in diesen Tagen von den Dächern Teherans erklingenden, "Allahu-akbar"-Rufe verstummt, zeichnete sich ab, dass die Freiheit von neuem zu einer Randnotiz verkam.

Ihr Anführer, Ajatollah Chomeini, versprach viel und es geschah – nichts. Roya und die Hoffnungen etlicher Menschen mit ihr blieben enttäuscht. Sie waren nun keine Nation mehr sondern nur noch die "Gläubigen" und es kristallisierte sich schnell heraus, dass Juden in einem Land der "Gläubigen" keinen Platz inne hatten.

Nichtsdestotrotz darf man Roya Hakakian nicht falsch verstehen. Es ist kein journalistisches Zeugnis und in diesem Sinne auch kein historisch-politischer Roman. Es ist ein "Erinnerungsbuch" , das davon zeugt, wie eine Idee missbraucht werden kann und wie die Bewegung der Massen, die mit ehrenvollen Zielen auf die Straßen gingen, in despotische Macht transformiert wird. Es ist jedoch auch ein Hoffnungsbuch, ein Versuch, die Weltöffentlichkeit wachzurütteln und sie auf die Verblendungen durch die Medien aufmerksam zu machen. Da jedes Mal, wenn im Inneren des Landes etwas passiert, was man vor der Weltöffentlichkeit zu vertuschen versucht, Hasstiraden gen Westen geschickt werden, um alles andere zu übertönen. Auch diesmal scheint diese Rechnung aufzugehen, denn das einzige, was dieser Tage aus dem persischen Land zu uns gelangt, sind die Nachrichten, dass ausländische Botschaftsangehörige vor dem Revolutionsgericht verurteilt werden.

Dass dies nur ein Bruchteil der Geschehnisse ist, sollte jedem/r klar sein und ist es doch nicht, denn das Auge der Weltpresse lässt sich nur all zu gerne ablenken. So auch geschehen bei Twitter, dem Dienst, der von den westlichen Medien in den Himmel gehoben wurde und letztendlich mehr der Mediapower als den Aufständischen diente, was man an den aktuellen Beschuldigungen und Verurteilungen vor dem Revolutionsgericht bestätigt sehen kann. Es sind indes weitaus komplexere soziale und politische Probleme, als dass man sie mit Technik lösen könnte. Der Westen misst in dieser Hinsicht mit zweierlei Maß: zum einen verkaufen westliche Unternehmen der iranischen Regierung die Ausstattung, wie sie den Handyfunk einschränken können, zum anderen versuchen wir mit der Ausbreitung des Bürgerjournalismus die scheinbare Mediokratie zu feiern.

In Anbetracht dieser Verhältnisse ist es umso wichtiger, eine differenzierte Sicht auf dieses Land zu erhalten, wozu "Bitterer Frühling. Meine Jugend im Iran der Revolutionszeit" bestens geeignet ist. Aus der Sicht der hoffnungsvoll in die Zukunft blickenden Jugendlichen Roya, gemischt mit dem poetischen Gespür großer persischer Literatur der erwachsenen Roya, besticht der Roman durch seine kluge und wortgewandte Einfachheit. Denn, wie die Autorin selbst bemerkt, "falls man Iran überhaupt durch Lektüre kennenlernen kann, dann durch die Lektüre von Büchern, nicht von Zeitungen."

AVIVA-Tipp: Wer die aktuellen Hintergründe der Proteste und nun folgender Gerichtsprozesse im Iran verstehen möchte, dem sei geraten, sich dieses Buch Roya Hakakians zur Hand zu nehmen. Es ist sind keine historischen Fakten, die hier aufgezählt werden, weder erhebt der Roman Anspruch auf Vollständigkeit der Ereignisse, doch gibt es auf viele kulturelle Fragen eine Antwort, die wiederum die heutige politische Situation sehr viel verständlicher werden lässt.

Zur Autorin: Roya Hakakian wurde 1966 in Teheran als Jüdin geboren und erlebte als junges Mädchen die iranische Revolution. 1984 verließ sie zusammen mit ihrer Familie Iran, um in den USA ein neues Leben anzufangen. Was als kleines Mädchen seine Wurzeln fand, betreibt sie nun hauptberuflich: Sie ist Autorin zweier Gedichtanthologien auf Persisch, Publizistin, Journalistin und arbeitet für verschiedene amerikanische Fernsehstationen. Auch entwickelte sie einen Kurzfilm "Bewaffnet und Unschuldig" über Kindersoldaten in den Kriegen der Welt. Außerdem ist sie Mitbegründerin des "Iran Human Rights Documentation Center". Weitere Informationen, Essays und Interviews der Autorin finden Sie unter
www.royahakakian.com


Roya Hakakian
Bitterer Frühling. Meine Jugend im Iran der Revolutionszeit

Originaltitel: Journey from the Land of No
Aus dem Englischen von Rita Seuß
Deutsche Verlagsanstalt, erschienen 2008
Gebunden mit Schutzumschlag, 286 Seiten
ISBN: 978-3-421-04328-3
Euro 19,95 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Die Stellung der Frau im Gottesstaat Iran von Nasrin Amirsedghi.

"Mein Iran" von Shirin Ebadi.


Literatur Beitrag vom 15.08.2009 Kristina Tencic 

   




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