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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 18.08.2009

Dara Horn - Vor allen Nächten
»Nana« Nicole Wenger

New York, 1861, Pessach. Der neunzehnjährige Jacob Rappaport gedenkt mit seiner Familie und Geschäftsfreunden der Befreiung der Hebräer aus der Sklaverei. Doch der Abend nimmt für Jacob einen ...



... unerwarteten Verlauf. Er soll auf Wunsch des Vaters die autistische Tochter eines wichtigen Geschäftspartners heiraten.

Obwohl sich Jacob als Sohn jüdischer Einwanderer aus Deutschland der Bedeutung dieser Verbindung in familiärer und wirtschaftlicher Hinsicht bewusst ist, kann er diese Ehe nicht eingehen. Am Vorabend der Hochzeit flieht er und schließt sich den nordstaatlichen Truppen an. Er lernt nun nicht nur das beschwerliche Soldatenleben, sondern auch Antisemitismus in der Armee kennen.

Eines Tages wird ihm von den Offizieren ein riskanter und gefährlicher Auftrag gegeben. Jacob soll am Sederabend seinen eigenen Onkel, einen überzeugten Spion der Südstaatler und Sklavenhalter, vergiften. Und wieder fällt es ihm schwer sich der Autorität zu widersetzen. Sei es aus der eigenen Schwäche, für seine Überzeugungen einzutreten, sei es in der Hoffnung, als Jude spätere Akzeptanz und Anerkennung in der Gesellschaft zu erfahren, der junge Soldat fügt sich seinem Schicksal.

Im Bauch eines Schmugglerschiffes gelangt er nach New Orleans. Der Anblick seiner Tante, die ihn an seine schmerzlich vermisste Mutter erinnert, lässt ihm sein Vorhaben nahezu unmöglich erscheinen. Doch dann wird er Zeuge eines ungeheuerlichen Gesprächs seines Onkels. Dieser plant einen Mordanschlag auf Abraham Lincoln. Rappaport ist erschüttert – wie kann ein Jude am Sederabend sich von Sklaven bedienen lassen und dabei gleichzeitig aus der Haggada lesen? Fortwährend quält ihn die Frage: "Gibt es eine Rechtfertigung für die Tötung eines Menschen, auch wenn sie dazu dienen soll die Unterdrückung der Schwarzen zu beenden und die Slaverei zu beenden?"

Jacob löst den Auftrag zur Zufriedenheit seiner Auftraggeber, doch der erhoffte Respekt lässt zu wünschen übrig. Statt dessen will man ihn wieder auf eine außergewöhnliche Mission schicken: Es soll sich in das Vertrauen eines alten Geschäftsfreundes der Familie schleichen und dessen Tochter Eugenia, eine Agentin des feindlichen Lagers, ausspionieren und heiraten! Plötzlich steht der junge Spion nicht nur einer starken und ungewöhnlichen Frau gegenüber, sondern gleich vier verwegenen jungen Damen. Und das Regiment im Hause Levy wird von den bildschönen und scharfsinnigen Töchtern geführt. Jacob verliebt sich und weiß bald kaum noch, wem seine Loyalität gehört. Denn in diesem Fall lässt sich Gut nicht von Böse, und FreundIn nicht von FeindIn unterscheiden.

Dara Horn verwebt in ihrem bewegenden Entwicklungsroman historische Ereignisse und Figuren mit der fiktionalen Geschichte um den sympathisch-unbeholfenen Helden Rappaport. Mir ihrer brillanten Verknüpfung gelingt es der Autorin, jüdische Traditionen aufleben, spürbar zu machen und gleichzeitig in einen universalen Zusammenhang zu stellen.
Wermutstropfen: Der Roman "Vor allen Nächten" ist sehr um historische Authentizität bemüht. Doch da im Deutschen keine sprachliche Differenzierung zwischen "Negro" und "Neger" existiert, wäre in der deutschen Übersetzung eine Reduktion dieser sprachlichen Diskriminierung auf die wörtliche Rede zu überlegen gewesen. Denn das Lesevergnügen wird durch die häufige "N-Wort" -Verwendung nicht nur für Schwarze (Deutsche) erheblich gemindert.

Zur Autorin: Dara Horn, 1977 in New Jersey, USA geboren, hat Jiddische Literatur und Israelische Geschichte am Sarah Lawrence College und in Harvard gelehrt und Vorlesungen an diversen Universitäten und Kulturinstitutionen in den USA und Kanada gehalten. 2006 promovierte sie in Vergleichenden Literaturwissenschaften an der Universität Harvard.
Im Alter von 25 Jahren wurde ihr erster Roman "Ausgelöscht sei der Tag" veröffentlicht. Er wurde mehrfach ausgezeichnet: 2002 mit dem Edward Lewis Wallant Award, 2003 mit dem Reform Judaism Fiction Prize und dem National Jewish Book Award.
Auch Horns zweiter Roman, "Die kommende Welt", der 2006 erschien, erhielt diverse Auszeichnungen: Den National Jewish Book Award 2006 und den Harold U. Ribalow Prize 2007. Er wurde in elf Sprachen übersetzt.
2007 wurde Dara Horn in die Liste der "Best Young American Novelists" des Granta Magazine aufgenommen.
Dara Horn lebt mit ihrem Mann, ihrer Tochter und zwei Söhnen in New Jersey.

Weitere Informationen und Kontakt unter:
www.darahorn.de

AVIVA-Tipp: Dara Horn hat mit "Vor allen Nächten" ein monumentales und historisches Südstaaten-Epos geschrieben, das schwergewichtige Kapitel der jüdisch-amerikanischen Geschichte aufschlägt: Bürgerkrieg und Sklaverei. Vor dem Hintergrund des Pessachfestes erzählt sie eine fesselnde Geschichte von Liebe und Loyalität, von Liebe und Verrat. Ihre HeldInnen müssen sich ihren Weg durch die Wirren des Krieges, der Menschenliebe und des Hasses erkämpfen. Die Grenzen zwischen Schuld und Opferung sind, wie im wahren Leben, oft fließend. Großartiger Roman!

Dara Horn
Vor allen Nächten

Originaltitel: All Other Nights
Aus dem Amerikanischen von Christiane Buchner und Martina Tichy.
Berlin Verlag, erschienen Juli 2009
Gebunden, 477 Seiten
ISBN: 978-3-8270-0870-1
22,00 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Pessach – Auszug aus Ägypten

"Die kommende Welt" von Dara Horn

"Ungehorsam" von Naomi Alderman

"Lipshitz" von T Cooper.

Literatur Beitrag vom 18.08.2009 AVIVA-Redaktion 

   




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