Ulrike Kuckero - Alice im Morgenland und Sue Halpern - Das ganz normale Leben der Sasha Abramowitz - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 27.08.2009

Ulrike Kuckero - Alice im Morgenland und Sue Halpern - Das ganz normale Leben der Sasha Abramowitz
Claire Horst

Die neue UN- Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen hat es wieder einmal gezeigt: Immer noch besteht in Deutschland große Angst vor Differenz. In den skandinavischen...



... Ländern besuchen 90 Prozent der Kinder mit Förderbedarf "normale" Schulen. In Deutschland sind es etwa 15 Prozent.

In zwei neuen Jugendbüchern stehen besondere Kinder auf ganz unverkrampfte Art im Mittelpunkt. Damit leisten die Bücher einen Beitrag zur Normalisierung von Leben mit Behinderung – und zeigen, dass das sogar eine Bereicherung sein kann.

Zoe, die Hauptfigur von Ulrike Kuckeros "Alice im Mongolenland" hat eine Zwillingsschwester mit Downsyndrom. Dass Zoe dadurch vor große Herausforderungen gestellt ist, macht schon das Umschlagmotiv deutlich: Alice, die Schwester, steht ganz vorne, ihr T-Shirt hat die Aufschrift "Number 1". Zoe steht mit verschränkten Armen im Hintergrund. Und ganz so sieht das Leben der Familie manchmal aus. Denn Alice hat ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Sie hat sich selbst zur Prinzessin ernannt und Zoe zu ihrer Zofe. Weil sie schnell vom liebenswerten Mädchen mit strahlendem Lächeln zum wutschnaubenden kleinen Ungeheuer wird, fügt Zoe sich meistens ihren Wünschen. Davon erzählt sie sehr lakonisch, aber mit großer Zuneigung zu Alice, die man nur lieb haben kann – so mitreißend ist sie, wenn sie glücklich ist.

Die aufregenden Erlebnisse der beiden Schwestern fangen damit an, dass Alice ("Ich bin ein richtiges Glückskind! Ich liebe es, Glück zu haben!") auf einem Stadtfest eine Reise gewinnt. Das Ziel darf sie sich aussuchen. Aus Frust über die blöden Bemerkungen anderer Kinder hat Zoe ihr erzählt, sie sei adoptiert. Und zwar dorther, wo die Mongolen wohnen. Also geht es in die Mongolei – ihren Willen setzt Alice nämlich immer durch. Und dort wird es richtig spannend. Alice, die einen Pfeifhasen fangen will, geht in der Steppe verloren.

Was jetzt passiert, erfahren wir aus der Perspektive von Bayaraa, einem Nomadenjungen. Er trifft auf der Suche nach seiner Stute auf Alice. Genau für diesen Tag hat seine Großmutter, eine Schamanin, die Ankunft eines großen Häuptlings vorausgesagt. Als er das blonde Mädchen entdeckt, das mit den Tieren sprechen kann, ist für ihn klar: Sie muss der Häuptling sein! Er nimmt sie mit in sein Dorf, und dort wird Prinzessin Alice mit einem großen Fest gefeiert. Zoe und ihre Eltern, die ihre Tochter zum Glück wieder finden, trauen ihren Augen nicht: Alice sitzt auf einem Thron und darf an den Wettbewerben im Reiten und Bogenschießen teilnehmen.

Für Zoe ist etwas anderes viel wichtiger. Sie verliebt sich in Bayaraa – und er sich in sie. Diese erste Liebe wird auf einfühlsame Weise erzählt, niemals verniedlicht, sondern vollkommen ernst genommen. Sehr viel zur Spannung tragen die Perspektivwechsel bei. Obwohl die Kinder sich nur bruchstückhaft auf Englisch verständigen können, verstehen sie sich. Und die LeserInnen verstehen sie auch, denn beide erzählen abwechselnd aus ihrer Sicht. Über Zoe und Bayaraa werden die unterschiedlichen Denkweisen der deutschen und der mongolischen Familie deutlich, was zu sehr komischen und widersprüchlichen Interpretationen der Ereignisse führt.

Ist Alice wirklich eine Reinkarnation von Bayaraas Großtante? Und kann sie wirklich mit den Tieren sprechen? Eigentlich egal – die Hauptsache ist, dass Menschen ganz unterschiedlich sein können. Dennoch sind sie alle liebenswert, und alle haben ein Recht auf ihre Perspektive. Im letzten Abschnitt kommt Alice selbst zu Wort: "Das war eine super Reise, Mann. Am schönsten war es bei der Familie. Die waren so lieb. Besonders die Oma. Die liebe ich!"

Das zweite Buch stammt von einer amerikanischen Autorin. Sue Haperns Protagonistin Sasha Abramowitz (eigentlich "Sasha Marie Curie Abramowitz") ist eine hinreißend ironische Ich-Erzählerin, ebenfalls elf Jahre alt und ebenfalls Schwester eines "besonderen" Kindes: Ihr Bruder Danny hat das Tourette-Syndrom. Sie lebt in einer intellektuellen und oft ziemlich anstrengenden Welt. Da beide Eltern ProfessorInnen sind, leben sie auf dem Campus des Krieger-College. Ihre beste Freundin Carla hat gleich vier ProfessorInneneltern, die ebenso merkwürdig sein können wie die von Sasha.

Und da Sasha Schriftstellerin werden will, beobachtet sie ihr Umfeld sehr genau: "`Du bist gewachsen`, sagte ich zu Danny. (Fakt: Dasselbe höre ich auch andauernd. Fakt: Ich kann diesen Satz nicht ausstehen.) `Ja`, stimmten die Erwachsenen allesamt zu, und dann gingen Papa und Danny und dahinter Penny und Mama paarweise den Pfad hoch, und ich durfte hinterherdackeln. So läuft das jedes Mal beim sogenannten Familientag. Ich holte Block und Kugelschreiber aus meinem Rucksack und begann mir ein paar Notizen zu machen: `Danny: größer. Bisschen Flaum im Gesicht. Rote Tulpen säumten den Gartenweg. Gary Carter, Pete Rose, Yaz.` Papa sagt immer, in einer guten Geschichte müssen möglichst viele Details stehen. Das sagt auch Mrs. Blank. (Fakt: Ihre Augen haben die Farbe von Gewitterwolken.)"

Schade, dass es Sasha nicht wirklich gibt. Ihre Einstellung zur Welt ist so erfrischend, dass man von ihr viel lernen könnte. Mit sehr viel Sprachwitz erzählt sie die Geschichte von ihrem Bruder Danny, der nicht bei der Familie lebt. Sasha ist ihr Bruder peinlich, und sie redet nicht gern darüber. Trotzdem muss sie jede Woche zur "Labertasche", einem Psychologen, mit dem sie über ihre Gefühle reden soll. Davon ist sie furchtbar genervt. Viel spannender findet sie die Erlebnisse mit Carla, die ständig neue Geschäftsideen hat: eine Detektei zu gründen, Müll zu sammeln oder einen ominösen Verein namens "Red" zu gründen etwa. Auf dem Campus des Krieger College sowie in Sashas eigener Schule gibt es genug schräge Figuren, um damit ein ganzes Buch zu füllen – und das tut Sasha. Denn sie ist die Autorin des Buches, das die Leserin in der Hand hält.

Ihre Erzähltechnik reflektiert sie immer wieder. So bemüht sie sich, einen Spannungsbogen aufzubauen oder die neuen Vokabeln einzuflechten, die sie bei Mrs. Blank im Unterricht gelernt hat. Das ist ziemlich witzig, weil es mit einer großen Portion Selbstironie verbunden ist. Im Anhang des Buches finden sich alle möglichen zusätzlichen Informationen in Form von Referaten für die Schule. Sasha informiert auf diese Weise über drei tolle Frauen: Eleanor Roosevelt, Marie Curie und Lillian Gilbreth, aber auch über Jim Eisenreich, Basketballer in den besten amerikanischen Teams und erkrankt am Tourette-Syndrom, und über die Kartentricks ihres Freundes Andrew.

Sashas "ganz normales" Leben ist fast überfüllt mit aufregenden Ereignissen. Zwar wird zunächst nichts aus der Detektei "Drew Hardy und Partner". Dafür lernt Sasha aber den echten Drew Hardy kennen und rettet ihm nebenbei das Leben. Aus dem stillsten Jungen der Klasse wird ein wunderbarer neuer Freund, in dessen Familie auch nicht alles ganz "normal" ist. Und am Ende macht sich Sasha auf den Weg, ihren Bruder und dessen Besonderheit doch zu akzeptieren.

AVIVA-Tipp: Beide Bücher zeigen auf ganz unterschiedliche Weise auf, dass Leben mit Behinderung nicht nur Einschränkung bedeutet. Sie machen neugierig auf Menschen, die die Welt anders sehen als die Mehrheit. Gleichzeitig sind es witzig zu lesende Romane ohne belehrenden Unterton. Vor allem "Das ganz normale Leben der Sasha Abramowitz" zeichnet sich durch seine Vielschichtigkeit aus, durch seine sehr differenziert gezeichneten Charaktere und vor allem durch sehr viel Humor. Beide Bücher sind für Kinder und Jugendliche ab zehn Jahren geeignet.

Zu den Autorinnen:

Ulrike Kuckero
, geboren in Bremen, wollte bereits als Kind Schriftstellerin werden. Sie studierte Literaturwissenschaft, Anglistik und Pädagogik in Kiel, New York und Hamburg. Sie ist Grundschullehrerin und Kinderbuchautorin.
Sue Halpern hat mehrere Sachbücher und einen Roman veröffentlicht. Sie lebt mit ihrem Mann, dem Autor Bill McKibben, ihrer Tochter und einem Hund in Vermont, USA. "Das ganz normale Leben der Sasha Abramowitz" ist ihr erstes Jugendbuch.


Ulrike Kuckero: Alice im Mongolenland.
Mit Bildern von Maja Bohn.
ISBN 978 3 522 18156 3
Thienemann Stuttgart / Wien, erschienen 2009
12,90 Euro


Sue Halpern: Das ganz normale Leben der Sasha Abramowitz
Originaltitel: Introducing… Sasha Abramowitz. New York 2005
Aus dem Englischen von Monika Schmalz.
ISBN 978 3 8270 5190 5
Berlin Verlag / Bloomsbury Kinderbücher & Jugendbücher, erschienen 2009
14,90 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Ulrike Kuckero - Das Ende der Stille

Zur UN-Konvention über die Rechte behinderter Menschen: www.behindertenbeauftragte.de

Literatur Beitrag vom 27.08.2009 Claire Horst 

   




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