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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 17.09.2009

Robert Sommer - Das KZ-Bordell - Sexuelle Zwangsarbeit in nationalsozialistischen Konzentrationslagern
Iella Peter

Die erste Gesamtdarstellung eines Themas, das bislang weitgehend im Verborgenen geblieben ist: Die Zwangsprostitution in Konzentrationslagern. Robert Sommer beschreibt detailliert die Gründe...



... für die Einrichtung der Lagerbordelle, die Organisation des Bordellbetriebs und die Lebensbedingungen der Frauen.

Die Kombination von sexueller und politischer Gewalt während des NS-Regimes hat in der wissenschaftlichen Forschung über Jahrzehnte hinweg kaum Beachtung gefunden. Dies war insbesondere bei der schwierigen Thematik der Sex-Zwangsarbeit in NS-Konzentrationslagern der Fall. Die Nationalsozialisten errichteten ein Bordellsystem innerhalb der nationalsozialistischen Konzentrationslager, während Prostitution auf der Straße offiziell verfolgt und bekämpft wurde.

Ende 1941 kam es zu einem Funktionswandel der Konzentrationslager. Die KZ-Häftlinge sollten vermehrt zur Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie eingesetzt werden. Zum Zwecke der Arbeitssteigerung führte die SS daraufhin ein "Prämiensystem" ein. Die perfide Idee stammte von SS-Reichsführer Heinrich Himmler. Er wollte einen besonderen Leistungsanreiz für die männlichen Zwangsarbeiter schaffen, damit sie noch härter arbeiten konnten. Die Häftlinge, welche sich durch besonders gute Führung und Arbeitsleistungen auszeichneten, erhielten nach dem fünfstufigen Prämiensystem bestimmte Vergünstigungen. Höchste "Auszeichnung" innerhalb des Systems war der Besuch des Lagerbordells. Auf Weisung des SS-Reichsführers wurden in zahlreichen Konzentrationslagern Häftlingsbordelle eingerichtet, in denen weibliche Häftlinge Zwangsprostitution leisten mussten. Robert Sommer beschreibt in seinem Buch die Entstehung, Funktion und Rahmenbedingungen dieses Bordellsystems und bricht damit ein lang gehegtes Tabu der NS-Geschichte.

Zwischen 1942 und 1945 "wirbt" die SS ausschließlich nicht-jüdische Lagerfrauen mit dem Versprechen an, sie nach sechs Monaten Arbeit im "Sonderbau" in die Freiheit zu entlassen. Ein Versprechen, das, wie Sommer in seinem Buch offenbart, in keinem bekannten Fall gehalten wurde. In der Folge entstehen in zehn KZs, beispielsweise Ravensbrück, Sachsenhausen, Dachau und Auschwitz, Sonderbaracken für privilegierte Häftlinge, aber auch für SS-Männer.

Das Stammlager Ravensbrück war ab 1942 der zentrale Rekrutierungsort und Hauptumschlagplatz für Sex-Zwangsarbeiterinnen im KZ-System. Zunächst wurden vornehmlich Sittendirnen", Frauen, die vor ihrer Einweisung als Prostituierte gearbeitet hatten, durch "freiwillige Meldung" geworben.

Sehr eindringlich beschreibt der Autor das Dilemma der Frauen: "Es gibt eine Aussage einer Frau, die gesagt hat: Es ist besser in das Lagerbordell zu kommen, als jeden Tag eine Tote von einer Pritsche runterschmeißen zu müssen, als diese Kälte ertragen zu müssen, das Bellen der Hunde und diese permanente Gewalt und der permanente Tod um sie herum."

Das mit der Arbeit im Bordell verbundene Leid, verblasste vermeintlich im Angesicht des zu erwartenden Terrors innerhalb der KZs. Die sexuellen Demütigungen, welchen die Zwangsarbeiterinnen permanent ausgesetzt waren, begannen schon mit der Selektion. Nackt, vor den SS-Männern und Ärzten aufgereiht, wurde mit Stöcken auf die Geschlechtsteile der Frauen gezeigt und so entschieden, wer für die Sonderbaracken eingesetzt werden würde.

Die Bordellbesucher "kamen aus der Schicht der so genannten Funktionshäftlinge. Sie waren Kapos oder Häftlinge, die Arbeitskommandos angeführt hatten, sowie Blockälteste, die eine bessere Stellung im Lager hatten", führt Sommer in seinem Buch aus. Jüdischen Häftlingen war die Teilnahme, am Prämiensystem und dem damit einhergehenden Bordellbesuch, versagt. Die privilegierten Häftlinge nutzten die sich bietende Möglichkeit dagegen umso mehr und zeigten damit ihre Machtposition im Lager. Es gab aber auch andere Motive für einen Besuch des Bordells. Viele, die lediglich sporadisch kamen, führten einfach nur Gespräche mit den Frauen.

Grundsätzlich ist festzustellen, dass sich die ehemaligen KZ-Häftlinge und Bordellnutzer bis heute meist negativ über die Sex-Zwangsarbeiterinnen äußern. Oft wird den Frauen unterstellt, sie hätten sich völlig freiwillig in ihr Schicksal gefügt. Diese Stigmatisierung hat auch 2009 nicht an Aktualität verloren. Kaum eine der Betroffenen konnte ihr Recht auf Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus einklagen. Die Mehrheit der Zwangsprostituierten erfuhr bis heute weder eine Rehabilitierung noch erhielt sie Entschädigungsleistungen.

AVIVA-Tipp: Robert Sommer ist mit seiner Arbeit nicht weniger als ein Standardwerk gelungen. Sämtliche Fakten, die zu der Thematik NS-Lagerbordelle existieren, finden sich in diesem Buch. Einfühlsam, diskret und doch klar schreibt der Autor über die Lebensbedingungen und Überlebensstrategien der Sex-Zwangsarbeiterinnen. Ein wirklich empfehlenswertes Buch, das auch zugänglich ist für die mit diesem Thema nicht vertraute LeserIn.

Zum Autor: Dr. phil. Robert Sommer, 1974 geboren, promovierte mit der vorliegenden Arbeit am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2006 ist er freier Mitarbeiter der Gedenkstätte Ravensbrück. Dort war er unter anderem als wissenschaftlicher Projektleiter für die Erstellung einer Wanderausstellung zur sexuellen Zwangsarbeit in NS-Konzentrationslagern tätig.
Weitere Infos finden Sie unter: www.robert-sommer.com und auf den Seiten der Gedenkstätte Ravensbrück www.ravensbrueck.de.


Robert Sommer
KZ-Bordell. Sexuelle Zwangsarbeit in nationalsozialistischen Konzentrationslagern

Ferdinand Schöningh Verlag, erschienen Juli 2009
Gebunden, 445 Seiten, mit Lesebändchen
ISBN: 978-3506765246
38,00 Euro


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Wanderausstellung - Lagerbordelle. Sex-Zwangsarbeit in NS-Konzentrationslagern

Sexualisierte Gewalt. Weibliche Erfahrungen in NS-Konzentrationslagern

Gemeinsame Internetpräsenz der NS-Gedenkstätten, Dokumentationszentren und Museen in Berlin und Brandenburg

Literatur Beitrag vom 17.09.2009 AVIVA-Redaktion 

   




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