D. Holland-Moritz und Gabriele Wachter - war jewesen. West-Berlin 1961-1989 - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
Aviva-Berlin .
.
P
R
.
.

AVIVA_gegen_AFD Happy End
Aviva-Berlin > Literatur AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   Jüdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   Jüdisches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Chanukka 5778




Gleichstellung weiter denken. Ein Leitbild für das Land Berlin

Gleichstellung weiter denken
Mehr Infos unter:
www.gleichstellung-weiter-
denken.de



Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 09.10.2009

D. Holland-Moritz und Gabriele Wachter - war jewesen. West-Berlin 1961-1989
Claire Horst

Für den Osten Deutschlands hat es Jana Hensel mit "Zonenkinder" deutlich gemacht: Die Wende brachte nicht nur Neues, sondern ließ auch ganze Welten untergehen. Dass das auch für Westberlin gilt, ..



... zeigt dieser Sammelband.

In der Erinnerung der AutorInnen und FotografInnen wird das alte Westberlin zu einem düster-beklemmenden und zugleich grenzenlos offenen Ort. Eingekeilt zwischen der Piefigkeit der Berliner BürgerInnen und der Schikane durch DDR-Grenzer, baute die Westberliner Szene sich ihre eigene Parallelwelt auf. Das Lebensgefühl, das daraus resultierte, beschreibt etwa Francoise Cactus, Sängerin und Frontfrau der Band Stereo Total, in ihrem Text "Berlin by Night".
"Es gibt Filmemacher, die zu viele amerikanische Serien gesehen haben. Wenn sie Berlin bei Nacht darstellen, flitzen Lichter an mir vorüber, und ich werde geblendet von blinkenden Leuchtreklamen. Dabei ist Berlin eine stockdüstere Stadt. Am besten wurde sie im Film `Wir Kinder vom Bahnhof Zoo` dargestellt."

Die Beschreibung ihrer Ankunft in Berlin fasst zusammen, was viele neue West-BerlinerInnen damals empfanden: "Das war ein Schock! Beton, Metall, Ruinen, vernarbte Fassaden mit Einschusslöchern. Alles kalt und grau."
Dass gerade diese Düsternis das Anziehende der Stadt ausmacht, wird besonders deutlich an den Beschreibungen der Berliner Musik- und Kunstszene. Der hohe Leerstand der Stadt, die berühmte Berlinzulage und nicht zuletzt die Möglichkeit, dem Militärdienst zu entgehen, lockten viele junge Westdeutsche an. Einfacher als in ihren spießigen Heimatstädten konnten sie sich hier gegen das Bürgertum auflehnen.

Susanne Kippenberger beschreibt das Büro-Atelier ihres Bruders Martin als eine deutsche Factory. "Es war die Zeit der Genialen Dilettanten, als alle machten, was sie wollten, und nicht nur, was sie konnten – es war die Zeit des Gesamtkunstwerks."
Neben der Kunst- und Partyszene war es vor allem die Politszene, die das West-Berlin besonders der siebziger Jahre prägte. Unzählige K-Gruppen, StudentInnengruppen und Splitterparteien bildeten sich in der Mauerstadt. In dem Sammelband kommen deren bekannteste Protagonisten wie Bommi Baumann, Wolfgang Neuss und Peter Schneider ebenso zu Wort wie der Moderator Hans Rosenthal als Vertreter des konservativen Establishments.

Sehr deutlich wird aus diesen Beiträgen, dass West-Berlin keineswegs ein Paradies der Freiheit war, sondern geprägt von der ständigen Auseinandersetzung mit der rechten Presse und dem Widerstand gegen Gesetze wie den Paragraphen 175, der Homosexualität unter Strafe stellte.
Die Besetzung des Kubat-Dreiecks, bei dem Westberliner DemonstrantInnen der Polizei über die Mauer in den Osten entkamen, die bis heute voller Überraschungen steckende Geschichte des Mordes an Benno Ohnesorg, die Überwachung der Alternativen Liste durch den Verfassungsschutz – die Geschichte Westberlins ist widersprüchlich und teilweise fast unglaublich.

Dass die Sammlung zeitgenössischer Texte und rückblickender Beschreibungen nicht zur sentimentalen Nabelschau wird, dafür sorgen Beiträge wie der des Zynikers Henryk M. Broder, der derlei Geschwätz durch den Kakao zieht: "Wer das alte Westberlin erleben möchte, das es eigentlich nicht mehr gibt, sollte in den `Zwiebelfisch` am Savignyplatz gehen. Da sitzen die mumifizierten Altkader und jammern sich gegenseitig vor, wie schön es in den 70er und 80er Jahren in `Baalin` war, als es außer dem `Zwiebelfisch` nur noch `Franz Diener` und `Terzo Mondo` gab und alles, was man über die Welt wissen musste, im `Spandauer Volksblatt` zu lesen war."

AVIVA-Tipp: Insofern ist der Sammelband nicht nur ein Muss für ehemalige West-BerlinerInnen mit Heimwehgefühlen, sondern auch eine spannende Lektüre für alle, die sich an damalige Zeiten nicht mehr erinnern können. Als Anregung dazu, bisher noch nie gesehene Ecken des alten Westens zu entdecken, eignen sich auch die Fotos bekannter Bauwerke und muffiger Eckkneipen hervorragend.

Zu den HerausgeberInnen:

D. Holland-Moritz
ist 1964 in Solingen geboren und lebt seit 1983 als Autor und Textperformer in Berlin. Er ist Gründungsmitglied von perspektive literatur berlin e.V. und des Literatursalons "Text Total".
Gabriela Wachter ist in Ulm geboren und absolvierte dort eine Buchhändlerlehre. Jahrelang arbeitete sie in der Architektur- und Designabteilung des Bücherbogens, bis sie ihren eigenen Kunstbuchverlag und Vertrieb gründete - Vice Versa. Seit 2001 ist sie auch Geschäftsführerin des Parthas Verlages. (Verlagsinformationen)

D. Holland-Moritz (Hg.), Gabriela Wachter (Hg.)
war jewesen. West-Berlin 1961–1989

Parthas Verlag, erschienen am 2.10.2009
ca. 280 Seiten, mit ca. 30 teils farbigen Abbildungen
Hardcover, Schutzumschlag, 12,5 x 20,5 cm
ISBN: 978-3-86964-014-3
24,00 Euro



Literatur Beitrag vom 09.10.2009 Claire Horst 

   




   © AVIVA-Berlin 2017  
zum Seitenanfang suche sitemap impressum home Seite weiterempfehlenSeite drucken